Waris Dirie appelliert an Ärzte: «Kinderärzte und Schulärzte sollten sich für die Integrität dieser Mädchen einsetzen»

Ex-Supermodel und Ex-UNO-Sonderbotschafterin Waris Dirie hat am Mittwoch in St.Gallen eine Probe des Musicals «Wüstenblume» besucht, das ihre Geschichte erzählt. Am Abend sprach sie am Fachsymposium Gesundheit über Genitalverstümmelung.

Katharina Brenner
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«Je mehr Bildung, desto besser die Welt», sagt Waris Dirie.

«Je mehr Bildung, desto besser die Welt», sagt Waris Dirie.

Urs Bucher

Die Schauspieler sind «amazing», wunderbare Leute, schwärmt Waris Dirie. Während der Probe des Musicals «Wüstenblume» heute Mittag habe sie geweint, so bewegend sei es gewesen. In diesem Moment dürften Regisseur Gil Mehmert, dem Geschäftsführenden Direktor des Theaters St.Gallen Werner Signer sowie den Schauspielerinnen und Schauspielern in den Reihen der fast voll besetzten Olma-Halle 2.1 nicht nur Steine, sondern ganze Felsbrocken vom Herzen gefallen sein.

Das Theater St.Gallen bringt die Geschichte der Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie als Musical auf die Bühne. Am 22. Februar ist Uraufführung. Das Lob war ernst gemeint, davon ist auszugehen, für Verlegenheitskomplimente hat Dirie nichts übrig. Den Film, der vor gut zehn Jahren ihre Geschichte auf die Leinwand brachte, nennt sie unverblümt «shit».

Ihr Tag war lang, Proben am Theater, Händeschütteln, viele neue Namen und Gesichter. Der Geschäftsführer ihrer Stiftung und ihre beiden Söhne, der eine im Teenageralter, der andere kurz davor, begleiten sie. Abends dann der Vortrag am 13. Fachsymposium Gesundheit, das sich dieses Jahr heiklen Themen und Tabus widmet und wie Pflege und Medizin damit umgehen. Wobei Vortrag das falsche Wort ist, mehr Auftritt und Appell. Sie wolle ihre Geschichte nicht erzählen, die kenne jeder hier, so Dirie. Und dürfte damit recht haben.

Flucht durch die Wüste nach Mogadischu

Was Waris Dirie also nicht erzählt hat, war, dass sie 1965 in Somalia in eine Nomadenfamilie geboren wurde und als Fünfjährige beinahe an den Folgen einer Genitalbeschneidung starb. Dass sie nicht einmal zehn Jahre später an einen Mann verheiratet werden sollte, der ihr Grossvater hätte sein können. Dass sie flüchtete. Durch die Wüste. Es in die Hauptstadt Mogadischu schaffte und über Verwandte schliesslich nach London, wo sie erst als Putzkraft, dann bei McDonald’s arbeitete. Bis sie als 18-Jährige auf der Strasse als Model entdeckt wurde. Von da an geht es schnell – und bergauf. Dirie zieht nach New York, wird eines der ersten Supermodels, Bond-Girl. «Cinderella-Story» nennen Signer und Mehmert diese Geschichte.

Was Waris Dirie in den zehn Minuten, die sie auf der Bühne steht, stattdessen sagt:

«Ich wollte Freiheit und Bildung und konnte beides nicht haben.»
Waris Dirie

Waris Dirie

Urs Bucher

Deshalb baue sie mit ihrer Stiftung heute Schulen. «Je mehr Bildung, desto besser die Welt.» 2002 hat Dirie die Desert Flower Foundation gegründet. Ihr Name Waris bedeutet Wüstenblume. Es ist auch der Titel ihres autobiografischen Buches, das nach seinem Erscheinen vor gut 20 Jahren ein Bestseller wurde. Mitte der 90er-Jahre gab Dirie ihren Beruf als Model auf. Und widmet sich seitdem ihrer Berufung: dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Von 1997 bis 2003 war sie UNO-Sonderbotschafterin gegen die Beschneidung weiblicher Genitalien.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fasst unter FGM, kurz für Female Genitale Mutilation, alle Praktiken zusammen, welche die teilweise oder totale Entfernung der äusseren weiblichen Genitalien oder andere Formen der Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane zur Folge haben. In der Schweiz ist sie seit 2012 explizit verboten. Gemäss WHO leben heute mehr als 125 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung, insbesondere in West-, Ost- und Nordostafrika sowie in Ländern des Nahen Osten.

«Zwangsheirat passiert auch in Europa»

Ob viele Ärzte und Krankenschwestern hier seien, möchte Dirie wissen. Ja, tönt es ihr entgegen. «Es gibt hier viele Mädchen aus Immigrantenfamilien, die eure Unterstützung brauchen.» Genitalverstümmelung und Zwangsheirat passieren auch in Europa, so Dirie.

«Kinderärzte und Schulärzte sollten sich für die Integrität dieser Mädchen einsetzen.»

Und an den Schulen müsse über diese Themen gesprochen werden.

Waris Dirie übergibt das Mikrofon Walter Lutschinger, dem Geschäftsführer ihrer Stiftung. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Er erzählt von der Gründung der Stiftung 2002, von den Schulen, die sie gebaut haben und dem Erfolg ihrer Arbeit: In Sierra Leone seien früher 80 Prozent aller Mädchen beschnitten worden, heute seien es noch 8 Prozent. Applaus im Saal.

Für die anschliessende Fragerunde kommt Dirie noch einmal auf die Bühne. Ob sie in ihrem Kampf gegen Genitalverstümmelung Feinde habe. «No baby», sagt Dirie und zwinkert.