Wandertipp

Eine Stadtwanderung durch die St.Galler Textilvergangenheit

St.Gallen hat viele Namen – Gallusstadt, Olma-Stadt oder Bratwurst-City. Eine architektonische Spurensuche zeigt, St.Gallen ist noch einiges mehr. Noch heute zeugen Häuser, Erker und Gassen von der immensen Bedeutung der Stadt als Textilmetropole.

Theepan Ratneswaran
Drucken
Teilen
In der Hochphase der Stickereiindustrie reiste man nonstop von St.Gallen nach Paris.
20 Bilder
Ein Grossteil der Hauptpost dient heute als Bibliothek, die gemeinsam von Stadt- und Kantonsbibliothek betrieben wird.
Imposante vielgeschossige Gebäude wurden Anfang 20. Jahrhundert im Stickereiviertel gebaut.
Das Lagerhaus war der Warenumschlagplatz der St.Galler Stickereiindustrie.
Der Stickereipalast beherbergt seit Jahren das Gewerbliche Berufs- und Weiterbildungszentrum.
Das Haus Wilson wurde 1907/08 gebaut und gehört zu den schönsten Stickereibauten in St.Gallen.
Das Haus Pacific verkörperte zu seiner Zeit eine architektonische Pionierleistung.
Das Stickereigeschäftshaus Sonnengarten spiegelt die Auseinandersetzung zwischen Historismus, Jugendstil und frühen Impulsen der Moderne.
Im Haus Einstein war ursprünglich die Zweigniederlassung des New Yorker Stickereifabrikanten Isaak D. Einstein.
Die Jägerei befand sich über Jahrhunderte im Besitz von vermögenden Textilkaufleuten.
Das Stadthaus der Ortsbürgergemeinde St.Gallen ist ein baulicher Zeuge der Blüte der Textilwirtschaft in der Frühen Neuzeit.
Schlössli: Das «herrschaftlichste» Privathaus innerhalb der St.Galler Altstadt.
Das Historische und Völkerkundemuseum war eines der letzten Grossprojekte des Stickereibooms.
Die Gesellschaft zum Notenstein war seit dem 15. Jahrhundert die Vereinigung der Kaufleute. Dank ihrer Verbindungen bestimmten die «Notensteiner» die Entwicklung der Stadt massgeblich mit. Heute geschäftet die Bank Vontobel im Gebäude.
Die Erker (hier Sternenerker) der Textilhändler symbolisierten Wohlstand und Macht.
Das Haus an der Ecke Markt- und Turmgasse trägt den Namen Handelshaus. Das Haus diente Daniel Schlumpf sowie später seinen Erben, die alle im Textilhandel tätig waren, als Wohnhaus wie auch als Firmensitz.
Haus zur Waage: Auch in der oberen Altstadt hinterliess die Stickereiblüte ihre «architektonischen» Spuren.
In der Stickereibörse wurden Informationen über Marktlage und Modeströmungen, Aufträge oder auch Besitzrechte an Waren ausgetauscht.
Im Textilmuseum kann man die Geschichte der Textilstadt St.Gallen nachverfolgen.
Das Stickereigeschäftshaus Oceanic wurde 1904/1905 gebaut und ist der erste eigentliche Jugendstilbau St.Gallens.

In der Hochphase der Stickereiindustrie reiste man nonstop von St.Gallen nach Paris.

Bild: Theepan Ratneswaran

Die Wanderung im Überblick

Start: Bahnhof St.Gallen
Ziel: Bahnhof St.Gallen
Strecke: 4,4 Kilometer
Wanderzeit: 1 bis 2 Stunden
Aufstieg: 40 m
Abstieg: 40 m
Ausrüstung: Normales Schuhwerk; Wanderung für Kinderwagen geeignet.
Gaststätten: Restaurant Stickerei (nähe Einstein Hotel) und Restaurant Zum Schlössli (nähe Spisertor); diverse andere Gaststätten in der Altstadt
Öffentlicher Verkehr: Empfohlen wird die Anreise mit Bus oder Zug bis Hauptbahnhof St.Gallen (Start und Ziel der Wanderung)
Kartenmaterial: Landkarte: 1:25000, Blatt: 1075 Rorschach, 1095 Gais. (thr)

1. Bahnhof St.Gallen

Es ist winterlich-kalt in St.Gallen. Mit Mütze, Schal, Handschuhen und Mantel geht es dick eingehüllt in warmen «Textilien» über den Bahnhofplatz. Zwei viergeschossige Monumente der Stickereiblüte stechen sogleich ins Auge: das Bahnhofsgebäude und die Hauptpost mit dem mächtigen Turm. Beide Gebäude widerspiegeln das beachtliche Exportvolumen und die rege Reisetätigkeit St.Gallens um 1900.

In der Hochphase der Textilindustrie verkehrte ein Zug nonstop – ohne Zwischenhalt in Zürich – von St.Gallen nach Paris, um die beiden Mode-Metropolen miteinander zu verbinden. Nach Verlassen des Bahnhofplatzes Richtung Neumarkt geht es eine Weile der St.-Leonhard-Strasse entlang, um kurz vor der St.-Leonhard-Brücke links in die Geltenwilenstrasse und nochmals links in die Davidstrasse abzubiegen.

2. Stickereiquartier

Neben dem Bahnhof und der Hauptpost symbolisierte das Lagerhaus im Stickereiquartier an der Davidstrasse die Bedeutung St.Gallens als Wirtschaftsstandort und Warenumschlagplatz. Heute sind im Lagerhaus zwei Museen, ein Restaurant, Ateliers, Galerien und der Jugendkulturraum Flon beheimatet. Geradeaus geht es auf der Davidstrasse weiter. Auffallend: Die fünf- bis sechsgeschossigen Geschäftshäuser auf der rechten Seite, die während des zweiten grossen Stickereibooms gebaut wurden, werden heute überwiegend von der kantonalen Verwaltung genutzt. Die Wanderung mündet schliesslich in der Teufenerstrasse, wo das Haus Wilson (Filtex) die Grenze zum Bleicheli-Quartier markiert.

3. Stadthaus St.Gallen

Weiter geht die Reise über den Roten Platz im Bleicheli-Quartier, wo früher Tücher zum Bleichen an die Sonne gelegt wurden. Das Haus Pacific ist ein Prototyp des st.-gallischen Stickereigeschäftshauses. Er erfüllte eine doppelte Funktion: die Fabrikation und die Repräsentation. Beim Sitz der Raiffeisenbank biegt man rechts ab in die Frongartenstrasse und nach einigen Meter auf den Oberen Graben. Die gepflasterten Steine in der Gallusstrasse kündigen die imposante Stiftskirche von Weltrang an.

Ausnahmsweise ist jedoch das Stadthaus für den Textilweg von grösserem Interesse. Hans Schlumpf liess 1589 das Stadthaus vis-à-vis der Kathedrale bauen. Er gehörte zu den zwanzig reichsten Bürgern der Stadt. Seine Herkunftsfamilie war im Leinwandexport zu Vermögen gekommen.

4. Historisches und Völkerkundemuseum

Zwischen Klosterplatz und St.Laurenzenkirche hindurch geht es in die Zeughausgasse. Das Schlössli im Barockstil mit den schlanken Turmerkern am Ende der Gasse spiegelt den Reichtum der Zollikofers wieder. Die Familie Zollikofer wurde im 16. Jahrhundert mit dem Export von Leinentüchern reich. Heutzutage kann man im Restaurant Schlössli herzhaft schlemmen. Ohne die «Blaue St.Galler Kartoffel» zu probieren, wird beim Spisertor links abgebogen.

An der Kantonsschule am Burggraben vorbei geht es anschliessend gemütlich durch den St.Galler Stadtpark. Am Ende des Parks steht das Historische und Völkerkundemuseum, welches eines der letzten Grossprojekte des Stickereibooms anfangs des 20. Jahrhunderts darstellt.

5. Haus zum Sternen

Via Museumsstrasse wird die Tour wieder in die Innenstadt verlegt. Zahlreiche Erker in der Kugelgasse und in der Spisergasse laden zum Staunen ein. Die Kaufleute wollten mit dem Erkeranbau ihren Reichtum und ihre Macht präsentieren. Der Erbauer des Sternen-Erkers, Daniel Kunkler wohnte um 1700 im Haus zum Sternen, gleich beim Spisertor. Auch er verdankte seinen Wohlstand dem Leinwandhandel.

6. Stickereibörse

Die Wanderung führt über die Schmiedgasse und Webergasse in die Multergasse, wo mit dem UBS-Gebäude am Multertor ein Monument der Stickereizeit steht. Das in den Jahren 1889 bis 1891 als Unionbank samt dazugehörender Stickereibörse gebaute Gebäude war lange Zeit der Ort, wo Informationen über den Textilhandel ausgetauscht wurden.

Wer in der heutigen Zeit mehr über den Textilhandel erfahren möchte, kann die Ausstellung «Fabrikanten & Manipulanten» im Textilmuseum gleich nebenan in der Vadianstrasse besuchen. Thema ist die wechselvolle Geschichte der Ostschweizer Textilwirtschaft, die ihren Anfang bereits im Mittelalter nahm und die Region bis heute prägt.

7. Bahnhof St.Gallen

Die letzte Etappe der Wanderung führt über die Vadianstrasse rechts in die Kanzleigasse und dann in die St.-Leonhard-Strasse. Das letzte Gebäude auf der Tour: Das Stickereigeschäftshaus Oceanic, welches 1904/1905 gebaut wurde und der erste eigentliche Jugendstilbau St.Gallens ist. Weiter geht es in die Kornhausstrasse. Die letzten Meter sind noch zu laufen. Höhen und Tiefen kennzeichnen die Textilbranche. Jedoch ausgesprochen entspannend und lehrreich geht der St.Galler Textilweg nun nach knapp 90 Minuten dort zu Ende, wo die Reise begonnen hat: am Bahnhof. Dem Tor zur Welt. Aber nach Paris muss man heute in Zürich umsteigen.