Wanderparadies Ostschweiz
Bergsecklerin, Spätaufsteher, Beizlihockerin: Diese zehn Wandertypen gibt es im Alpstein

Schweizerinnen und Schweizer lieben das Wandern. Doch nicht alle haben die gleiche Vorstellung davon. Eine Typologie.

Text: Jolanda Riedener, Illustration: Tom Werner
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Wandern ist hierzulande Volkssport. Die Pandemie hat den Trend noch verstärkt. So vielfältig das Ostschweizer Wandergebiet ist, so unterschiedlich sind auch die Wandertypen, die sich auf die Pfade wagen. Zehn Figuren, welche diese Saison im Alpstein anzutreffen sind.

Der Local

Die Cousine arbeitet auf dem Kronberg, der Nachbar hat das Vieh auf der Alp Sigel und mit der «Meglisalp»-Wirtin ist er schon zur Schule gegangen. Der ortsansässige Wanderer grüsst stets in breitem Appenzellerdialekt. Er trifft seine Bekannten in den Bergbeizen oder hält auf dem Weg kurz inne, um sich mit anderen Locals auszutauschen. Auch die alljährliche Stobete auf der Bollenwees oder den Berggottesdienst beim Seealpsee lässt er sich nicht entgehen. Zu seiner Ausrüstung gehören Wanderschuhe und Softshelljacke, darunter trägt er einen Fleece mit «Ebenalp»-Aufdruck. Nicht wegzudenken ist der Chüeligurt.

Besonderes Merkmal: Trägt nie einen Rucksack, weil er sich bei Hunger oder Durst im Restaurant verpflegt.

Die Bergsecklerin

Weshalb einen Berg hochwandern und dabei die Aussicht geniessen, wenn man auch in doppeltem Tempo hinaufrennen kann? Laufen ist das neue Wandern, Trailrunning erfreut sich zunehmender Beliebtheit und ist längst auch im Alpstein angekommen. Beim Geländelauf geht es vor allem darum, sich in der Natur und auf Pfaden zu bewegen. Dabei werden die Beine trainiert und der Oberkörper beansprucht – das sieht man der Bergsecklerin an. Aber auch Konzentration und Vorsicht werden abverlangt. Das sieht man ihr hingegen oft weniger an. Bergsecklerinnen sind oft gemeinsam unterwegs und früh auf den Beinen. Am Gipfel kehren sie nicht ein. Und wenn, dann trinken sie ein Mineralwasser.

Besonderes Merkmal: Sie trägt Lauf- statt Wanderschuhe und ein anliegendes Rucksäckli, von wo aus ein Schlauch zum Mund führt, um im Laufen trinken zu können.

Der Spätaufsteher

Wandern Ja, aber dazu früh aufstehen? Lieber nicht. Der Spätaufsteher kommt vorwiegend am Wochenende in den Alpstein. Aufs Ausschlafen und aufs ausgiebige Frühstück verzichten will er nicht. Wenn er dann gegen Mittag mit dem Auto nach Brülisau kommt, ergattert er meist auch noch einen Parkplatz: Denn die Bergsecklerinnen sind zu dieser Zeit schon wieder auf dem Heimweg. Trotzdem will der Spätaufsteher hoch hinauf. Spätaufsteher überschätzen sich gerne. Sie kennen ihre Fähigkeiten trotz teurer Ausrüstung schlecht und laufen dadurch Gefahr, den Heimweg per Helikopter antreten zu müssen.

Besonderes Merkmal: Er läuft meist in die entgegengesetzte Richtung hoch, während andere schon wieder runter laufen.

Die Beizlihockerin

Sie kommt vor allem aus kulinarischen Gründen in die Berge. Im Alpstein ist sie dafür an der richtigen Adresse. Denn Berggasthäuser gibt es hier en masse. Die Routen werden selbstverständlich so gewählt, dass die Beizlihockerin an möglichst vielen Einkehrmöglichkeiten vorbei kommt. Ihre erste Gastrodestination befindet sich stets im Tal und wird gleich zweimal aufgesucht: Für den Kafi (Luz) vor der Tour und den Belohnungs-Apérol nach der Wanderung. Wobei sie den Weg ins Tal generell mit der Luftseilbahn antritt – manchmal auch schon den Weg hoch. Gemütlichkeit ist für sie alles und sie ist stets für einen Schwatz mit den Gästen am Nachbartisch zu haben. Allerdings trinkt sie gerne ab und zu ein Glas über den Durst. Neben einem Glarnertüechli ist eine leichte Alkoholfahne ihr Markenzeichen. Deshalb kommt sie von Anfang an mit dem ÖV in die Berge.

Besonderes Merkmal: Kennt die Bedienung mit Vornamen und scheut sich nicht, das quer über die Terrasse zu rufen. Sie trifft man überall dort an, wo es Restaurants gibt.

Der Influencer

Der Influencer ist selten allein, dafür immer mit Gepäck unterwegs. Die Aussicht geniessen oder sich entspannen kann er in den Bergen nicht, denn er hat Bildmaterial für seine Follower zu produzieren. Allzeit griffbereit ist das Smartphone, zur Ausrüstung gehört ein Stativ. Im Rucksack hat er ausser den technischen Gerätschaften immer drei verschiedene Outfits. In denen posiert er vor dem Seealpsee und Säntis, währenddessen die Begleitung Bilder schiesst. Idealerweise verbünden sich Influencer, damit sie sich gegenseitig ablichten können. Um zu den schönen Fotokulissen zu gelangen, nimmt er auch gerne eine kleinere Wanderung in Anspruch. Diese ist jeweils unter einer Marschzeit von einer Stunde und wird üblicherweise in Nike-Turnschuhen unternommen.

Besonderes Merkmal: Trägt ein Tanktop, verwechselt Sport- mit Wanderbekleidung und trinkt aus einer Soulbottle. Sein Lieblings-Fotospot ist der Seealpsee.

Der Routinier

Er kennt sich aus. Den Säntis hat er selbstverständlich schon von vier Seiten her begangen. Auch weniger frequentierte Wege sind auf seiner Wanderagenda. Seine Ausrüstung ist in einem Topzustand, eine gute Planung ist für ihn unverzichtbar. Im Rucksack hat er immer Getränke, Snacks, eine Apotheke, Regenjacke und Wanderkarte. Selbstverständlich greift er bei der Vorbereitung auf verschiedene Apps zurück. Er weiss genau, wo man die beste Rösti und das günstigste Rivella bekommt. Auch sonst gibt es kaum einen Ort, den der Routinier noch nicht besucht hat – er kennt auch Routen abseits der Masse. Touristinnen und Spätaufsteherinnen fragen ihn gerne nach dem Weg.

Besonderes Merkmal: Seine Ausrüstung stammt in Teilen noch aus Gotthelfs Zeiten: «Wa fö min Vater guet gnuag gsi isch, ischs fö mi no allewil.» Ihn trifft man abseits der Massen an.

Die Touristin

Sie ist zum ersten Mal im Alpstein. Zur Ausrüstung gehören Verpflegung und Kaffee aus dem Rucksack und eine Kamera. Sie trägt Sonnenbrille und Baseballmütze, alternativ einen Strohhut. Auch das Schuhwerk ist nur bedingt wandertauglich: Für den Asphaltweg zum Seealpsee reicht es, wenn es überhaupt dazu kommt. Ansonsten sind ihr Orte, die mit der Bergbahn erreichbar sind, lieb. Sie reist mit dem Car an und verbringt danach ein paar Stunden in Appenzell, wo sie Käse oder Souvenirs kauft. Zuhause erzählt sie, dass sie die Appenzeller Bergwelt angeschaut habe.

Besonderes Merkmal: Appenzellerkäse-Plastiksack in der linken, Alpenbitterschachtel in der rechten Hand. Hält sich in Gebieten auf, die mit der Seilbahn erschlossen sind.

Der Ausrüstungs-Nerd

Dieser Wanderer ist Ausrüstungsexperte. Neben Basics wie Wanderstöcken, Sonnencrème oder Regenschutz, die er immer bei sich hat, kleidet er sich von Kopf bis Fuss funktional. Vom weichen, wärmenden Merinowolleshirt zur atmungsaktiven, thermoregulierenden Hightech-Hose. Auch der Rucksack ist gross und ergonomisch: Darin hat er GPS-Tracker, Zeckenzange, Stirnlampe, Fernglas und Campingkocher verstaut. Denn wozu ins Restaurant gehen, wenn man sich seinen Zmittag auch selbst zubereiten und das Wasser vom Brunnen trinken kann? Selbstverständlich wird dieser auf einem bequemen Sitzkissen verspeist. Zur Stärkung zwischendurch gibt es isotonische Pulver und Energie-Gels.

Besonderes Merkmal: An mindestens einem Kleidungsstück hängt noch das Ladenetikett.

Die Naturbegeisterte

Bei ihr ist Wandern nur Nebensache. Sie kommt in die Berge, um die Flora und Fauna zu bestaunen. Ihre Routen wählt sie nur bedingt entlang der Pfade. Bei ihrem Weg lässt sie sich vielmehr von Geschöpfen der Natur leiten. Wenn der Bergfrühling erblüht, hält sie die Kamera griffbereit. Sie hat sich ein breites Wissen über heimische Blumen wie Frauenschuh, Grossblütiger Fingerhut oder Alpen-Bergscharte angeeignet und weiss, wo Steinböcke oder Murmeltiere anzutreffen sind. Genauso freut sie sich über Bergdohlen oder Molche. Immer im Gepäck hat die Naturbegeisterte ein Fernglas. Sie ist geduldig und nimmt sich Zeit, um ihre Umgebung ausgiebig zu studieren.

Besonderes Merkmal: Tritt auch einmal barfuss in den Kuhfladen: Nur so spürt man die Natur. Sie trifft man überall an, wo es kreucht und fleucht oder die Chance gross ist, Steinböcke und Murmeltiere zu sehen.

Der Jammerlappen

Dieser Wandertyp kommt nicht oft in die Berge. Sobald er sich zur Wanderung aufmacht, drückt aber bereits der Schuh. Eigentlich würde er gerne weiterlaufen, doch der Schmerz im Zeh: «Oh weh.» Dann wird es zu warm, der Schweiss tropft von der Stirn, die Träger des schweren Rucksacks schneiden ein. Weiterlaufen geht nicht: Der Hunger ist zu gross. Also Zeit für eine Pause. Während er das Sandwich isst (es ist kaum geniessbar), wird ihm kalt. Auch das Bänkli ist zu hart, die Aussicht zu unspektakulär und lästige Fliegen machen ihm das Leben schwer. Weiter gehts, trotz vollem Magen, bei dem es sich schlecht bergauf laufen lässt. Und dann auch noch dieser stechende Schmerz im Knie.

Besonderes Merkmal: Leicht gebückter Gang, der an Fussballer nach einer vermeintlich schlimmen Grätsche erinnert. Ihn trifft man vorwiegend auf dem Bänkli an.

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