WALENSTADT: Dem König mit GPS auf der Spur

Auf der Pirsch nach dem Hirsch setzen Forscher und Wildhüter auf modernste Technik, um Daten über seine Wanderungen zu gewinnen. Ein Ostschweizer Forschungsprojekt liefert wichtige Erkenntnisse.

Christoph Zweili
Merken
Drucken
Teilen
Hirschrudel in der Rheinebene - die Forscher versuchen aus dem aufgezeichneten Herzschlag Rückschlüsse zu Störungen und dem Verhalten im Ruhegebiet zu ziehen. (Bild: pd)

Hirschrudel in der Rheinebene - die Forscher versuchen aus dem aufgezeichneten Herzschlag Rückschlüsse zu Störungen und dem Verhalten im Ruhegebiet zu ziehen. (Bild: pd)

WALENSTADT. «Hirschlein nimm Dich wohl in Acht, wenn des Jägers Büchse kracht», heisst eine Strophe im bekannten Elsässer Volkslied aus dem frühen 19. Jahrhundert «Lustig ist das Zigeunerleben». Auch Claudio Signer macht Jagd auf Hirsche. Und nicht nur er: Der Wissenschafter ist Mitglied der Forschungsgruppe Wildtiermanagement am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil.

In einem vierjährigen Projekt werten die Forscher das Wanderverhalten der Population in den drei Kantonen St. Gallen und beider Appenzell aus. Die Auftraggeber wollen daraus Schlüsse für die Jagd- und Abschussplanung ziehen, wie Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton St. Gallen, sagt. Das geschieht nicht ohne Grund – in den drei Voralpen-Kantonen sind die Rothirschbestände gross. Und es kommt immer wieder zu Schälspuren an Bäumen, ein grosses Ärgernis für betroffene Waldbesitzer, Ortsgemeinden und Förster. «Im Werdenberg etwa ist der Hirschbestand heute zu hoch», sagt Thiel. Hier habe der Kanton das Wachstum der Population unterschätzt. Gut auch für Laien auf der Strasse zwischen Grabs und Gams zu beobachten, ist das Phänomen der Hirschwanderung, wenn die Tiere in schneereichen Wintern zu Dutzenden beim Einnachten von den bewaldeten Hängen bei Gams, Grabs und Sennwald in die Rheinebene herunterziehen.

Nicht alle Tiere wandern

Woher kommen diese grossen Rudel? Wie hängen die Bestände im Toggenburg, im Werdenberg und zwischen den drei Kantonen zusammen? – Hier liefert das Forschungsprojekt erste wichtige Erkenntnisse. «Provisorische», korrigiert Signer vorsichtig. Forscher und Wildhüter haben seit 2014 bereits 44 Rothirsche mit GPS-Halsbändern ausgestattet. Weitere 24 Tiere wurden mit Ohrmarken markiert, um aus deren Wanderverhalten Rückschlüsse für die Jagd zu ziehen.

Die Mehrheit der Tiere verhält sich stationär, «die Wanderungen der Tiere sind insgesamt nicht allzu gross», sagt Signer. Im Toggenburg etwa wechseln die Tiere von südexponierten Tallagen im Winter zu den ruhigen Hochlagen unter den Churfirsten im Norden. «Das ist für uns die Kernbotschaft, warum wir das Projekt gestartet haben», sagt Thiel. Lange sei unklar gewesen, wo die Hirsche während der Jagdzeit sind, wenn sie im Winter in die Ebene herunterkommen. Dazu habe es 100 verschiedene Meinungen gegeben. «Jetzt wissen wir, die Werdenberger Hirsche sind im Sommer und Winter im Werdenberg, ähnlich im Toggenburg.» Es mache Sinn, die Tiere in den drei bis vier Jagdrevieren zu schiessen, wo sie sich aufhalten. «Wir haben im letzten Jahr vor allem auf Grabser Gemeindeboden die Abschussvorgabe von 160 auf rund 200 Stück erhöht.»

«Nr. 15» hält den Rekord

Statistisch beträgt das Verhältnis zwischen Stationären und Wanderern 19 zu 12. «Hirsch Nr. 15» war der Rekordhalter. Der Stier legte Dutzende von Kilometern quer durch zwei Kantone zurück – von Gams nach Wildhaus über Alt St. Johann hinauf zur Schwägalp ins Appenzellerland und wieder zurück. Bis er im Dezember 2015 geschossen wurde – das Halsband mit den Daten wird nun ausgelesen.

Thiel erhofft sich noch weitere Erkenntnisse aus dem Projekt. Offen sind Fragen wie «Wo fressen die Tiere?», «Wo suchen sie Ruhe?» oder «Welche Tiere schälen Bäume und warum?» – Auf der Suche nach Antworten wurden verschiedenen Tieren Magensonden eingesetzt. Noch nicht fertig ausgewertet sind auch Fragen zur Raumverschiebung während der Jagdzeit.

Langzeitgedächtnis nutzen

Rothirsche sind intelligent, sie weichen Jägern aus – und, wichtiger noch, sie lernen offenbar dazu: Eine Kuh, deren Kalb geschossen wurde, vergisst das nicht mehr und instruiert ihren zukünftigen Nachwuchs entsprechend. «Sollt uns einmal der Hunger plagen, tun wir uns ein Hirschlein jagen»: Diese Liedstrophe ist also nicht ganz einfach umzusetzen, denn «Tradition ist für Hirsche wichtig», sagt Signer. «Die Tiere haben ein Langzeitgedächtnis.»

Das Phänomen der Zuwanderung ist in der Tierwelt nicht selten. 35 000 Rothirsche leben heute in der Schweiz, rund 1200 sind es in den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell. «Von 1870 bis zum Bau der Rheintal-Autobahn in den 1980er-Jahren wanderten hier Hirsche aus dem benachbarten Vorarlberg und aus Liechtenstein in die Schweiz ein», sagt Claudio Signer.

Der Hirsch war hier einst heimisch, starb aber vor 150 Jahren aufgrund von abgeholzten Wäldern, übernutzter Landschaft, Überbejagung und ungünstigen klimatischen Verhältnissen aus.

Dank Adelsjagd überlebt

Anders im benachbarten Ausland: In Österreich überlebten der Adel und auch die den Adligen vorbehaltene Hirschjagd – «die bei uns vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv lebenden, menschenscheuen Tiere wurden daher gehegt und gepflegt», sagt Signer.

In den letzten Jahrzehnten holten sich die Hirsche ihr angestammtes Gebiet wieder zurück. Heute wandern nur noch Bündner Hirsche in den Kanton St. Gallen ein.