Wahlen 2019: Die Klimakrise lockt die Appenzeller Jugend an die Urne

Jugendliche galten bis anhin als abstimmungsfaul. Wie sehr trifft dies im «Klimajahr» 2019 noch zu? Ein Blick auf die Situation im Appenzellerland.

Claudio Weder
Merken
Drucken
Teilen
Laut einer Studie wird im Herbst nur ein Viertel der Jugendlichen an die Urne gehen. (Bild: Martina Basista)

Laut einer Studie wird im Herbst nur ein Viertel der Jugendlichen an die Urne gehen. (Bild: Martina Basista)

Am 20. Oktober geht das Schweizer Stimmvolk an die Urne. Oder eben nicht. Denn längst ist bekannt, dass nicht mal jede zweite Person von ihrem Stimmrecht Gebrauch macht. So auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden: Bei den eidgenössischen Parlamentswahlen 2015 und 2011 betrug die Wahlbeteiligung jeweils rund 47 Prozent, 2007 lediglich 33 Prozent. Bei der nationalen Abstimmung über die Steuerreform vom 19. Mai gingen 43 Prozent der Ausserrhoder Stimmbürger an die Urne.

Vor allem den jungen Wählerinnen und Wählern wird oft nachgesagt, sie würden sich politisch zu wenig beteiligen. Tatsächlich zeigte sich, dass die 18- bis 30-Jährigen in der Vergangenheit weniger fleissig an die Urne gingen als die älteren Stimmbürger. Wie die im Auftrag des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente durchgeführte Studie «easyvote-Politikmonitor» (2018) aufzeigte, nimmt die politische Partizipation der Jugendlichen sogar ab: Lediglich 25 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II gaben an, dass sie sich an den Parlamentswahlen 2019 bestimmt beteiligen wollen. Das sind 13 Prozentpunkte weniger als noch 2014.

Trotzdem: Laut Studie sind die Jugendlichen nicht grundsätzlich politikverdrossen. So konnte im Vergleich zu 2018 festgestellt werden, dass das politische Interesse der 15- bis 25-Jährigen wieder zunimmt. Es ist also anzunehmen, dass die Wahlbeteiligung der Jugendlichen 2019 höher sein wird. Nicht zuletzt dank der Klimabewegung.

Kantischüler sind politisch aktiver geworden

Wie politisch aktiv ist nun die Ausserrhoder Jugend? Marc Kummer, Rektor der Kantonsschule Trogen, sagt:

«Seit rund einem Jahr lässt sich ein vermehrtes politisches Engagement unter den Lernenden feststellen.»
Marc Kummer, Rektor Kantonsschule Trogen. (Bild: PD)

Marc Kummer, Rektor Kantonsschule Trogen. (Bild: PD)

Kummer nennt zum einen das Engagement der ­Klimagruppe AR, eines rund 30-köpfigen Schülerkollektivs, das sich seit Anfang Jahr mit verschiedenen Aktivitäten an und ausserhalb der Schule für den Schutz des Klimas einsetzt. Die Klimagruppe würde Jugendliche dazu motivieren, sich vermehrt politisch zu engagieren. Zum anderen hätten die Ausserrhoder Lernenden aufgrund der Kleinräumigkeit des Kantons schon immer von einer gewissen Nähe zur Politik profitieren können. So sind aktuell zwei Lernende der Kantonsschule Trogen Teil der Verfassungskommission, deren Ziel es ist, einen Entwurf für eine totalrevidierte Kantonsverfassung vorzubereiten. In dieser soll unter anderem das Stimmrechtsalter 16 verankert werden.

Nicht zuletzt werde Politik an der Kantonsschule Trogen auch vermehrt im Unterricht behandelt, so Kummer. «Im Zusammenhang mit den Bestrebungen, ein Solardach auf dem Dach der Schule zu errichten, wird beispielsweise das Thema erneuerbare Energien in den Unterricht integriert.»

Um die Mechanismen der Kantonalpolitik zu verstehen, sei in den ­Fächern Wirtschaft und Recht sowie Geschichte zudem ein ­Besuch einer Sitzung der Verfassungskommission vorgesehen. Dies zeigt: Nicht nur von Seiten der Lernenden ist das politische Bewusstsein da, auch die Schule ist bestrebt, die politische Bildung der Lernenden zu fördern. Ob dadurch im Herbst 2019 mehr Jugendliche an die Urne gehen werden, sei aber schwer vorhersagbar, sagt Kummer. «Es wäre aber zumindest wünschenswert.»

Klimafrage scheint massgebend zu sein

Smilla Bühler, Präsidentin der Schülerorganisation der Kantonsschule Trogen. (Bild: PD)

Smilla Bühler, Präsidentin der Schülerorganisation der Kantonsschule Trogen. (Bild: PD)

Eine Schülerin, die am 20. Oktober bestimmt an die Urne gehen wird, ist Smilla Bühler. Sie ist Präsidentin der Schülerorganisation der Kantonsschule Trogen und Mitglied der Klimagruppe AR. Seit sie 18 Jahre alt ist, versucht sie regelmässig an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen. «Vor allem das politische Geschehen, welches das Klima involviert, verfolge ich intensiv und beschäftige mich auch privat damit.» Auch Bühler stellt unter ihren Mitschülerinnen und Mitschülern vermehrtes politisches Engagement fest.

«Natürlich hat bei vielen Politik keinen grossen Stellenwert. Trotzdem denke ich, dass das Interesse kontinuierlich ansteigt – gerade auch bei den sehr jungen Lernenden.»

Welchen Nationalratskandidaten die Klimagruppe offiziell unterstützen wird, soll heute entschieden werden. Es ist aufgrund eines Leserbriefes in dieser Zeitung aber anzunehmen, dass deren Wahl – aufgrund klimapolitischer Überlegungen – nicht auf David Zuberbühler fallen wird. Wenn es um Wahlentscheide geht, scheint bei den Jugendlichen also vor allem die Klimafrage massgebend zu sein.

Umfrage: Aus diesen Gründen gehen Appenzeller Jugendliche an die Urne

Lisa Maliqi. (Bild: Simon Huber)

Lisa Maliqi. (Bild: Simon Huber)

Lisa Maliqi (17): Ich darf noch nicht abstimmen, aber ich freue mich darauf. Mir ist es wichtig, mich politisch zu beteiligen. Denn viele Leute beschweren sich im Nachhinein über das Abstimmungsresultat, obwohl sie nicht aktiv auf dieses eingewirkt haben. Ob ich mich beteilige, wird letztlich vom Thema abhängen. Manche Themen sind mir wichtiger als andere.

Rafael Hug. (Bild: Simon Huber)

Rafael Hug. (Bild: Simon Huber)

Rafael Hug (18): Abstimmen zu gehen und sich an der Politik zu beteiligen, gehört für mich einfach dazu. Zudem finde ich Politik sehr spannend. Darum versuche ich konsequent, jedes Mal den Stimmzettel einzuwerfen. Ob Wahlen oder Abstimmungen spielt dabei keine Rolle. Die Personen, die man wählt, sind im Endeffekt politische Entscheidungsträger.

Valeria Kopp. (Bild: Simon Huber)

Valeria Kopp. (Bild: Simon Huber)

Valeria Kopp (18): Ich finde es wichtig, dass man als junge Person von seinem Stimmrecht Gebrauch macht. Darum habe ich an der diesjährigen Landsgemeinde teilgenommen. Für mich spielt es keine Rolle, ob es um Wahlen oder Abstimmungen geht. Beides ist genauso wichtig. Ob ich abstimme, hängt aber letztlich immer davon ab, ob mich das Thema interessiert.

Timon Reich. (Bild: Simon Huber)

Timon Reich. (Bild: Simon Huber)

Timon Reich (18): Eine direkte Demokratie lebt von der Meinung der Bürger. Aus diesem Grund will ich mich so oft es geht politisch beteiligen. Je nach Interesse setze ich mich mehr mit einem Thema auseinander. Bei Abstimmungen recherchiere ich aktiver. Bei Wahlen ist es hingegen fast nicht möglich, sich über alle Kandidaten genügend zu informieren.

Aiyana Haas. (Bild: Simon Huber)

Aiyana Haas. (Bild: Simon Huber)

Aiyana Haas (18): Ich persönlich finde Abstimmungen wichtiger als Wahlen, weil ich dann direkt über ein bestimmtes Thema abstimmen kann. Meine Teilnahme hängt jedoch davon ab, ob mich das Thema, über welches abgestimmt wird, direkt betrifft. Wenn das nicht der Fall ist, dann überlege ich es mir zweimal, ob ich an die Urne gehe. (siu)