Waffen
Mysteriöser Schuss in Frauenfeld: Armee rückt in den Fokus der Ermittlungen – das sagt der Kreiskommandant

Am Donnerstag vor einer Woche wurde ein 38-Jähriger im Frauenfelder Kurzdorf von einer Kugel getroffen. Woher diese kam, ist noch immer ungeklärt. Die Kantonspolizei Thurgau hat indes ermitteln können, dass das Geschoss auch von der Armee verwendet wird und schaltete die Militärjustiz ein. Diese fasst nun unter anderem auch Schiessstände, etwa das Schollenholz, ins Auge.

Aylin Erol
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Vor dieser Liegenschaft verspürte der Mann plötzlich einen Schmerz im Unterleib. Erst der Arzt fand heraus, dass er angeschossen worden war.

Vor dieser Liegenschaft verspürte der Mann plötzlich einen Schmerz im Unterleib. Erst der Arzt fand heraus, dass er angeschossen worden war.

Bild: Aylin Erol

Am 10. Februar wurde ein 38-Jähriger mitten im Wohnquartier Kurzdorf in Frauenfeld angeschossen. Mit mittelschweren Verletzungen wurde der Mann, der sich mit einem Freund und seinen zwei Kindern zum Ereigniszeitpunkt vor dem Hauseingang einer Liegenschaft befand, ins Spital gebracht. Die operativ entfernte Kugel wanderte sofort in die Hände der Kantonspolizei Thurgau. Diese fand nun heraus: Diese Art von Munition verlässt auch Waffen, die im Militär verwendet werden.

Der Fall wanderte damit in die Hände der Militärjustiz, das militärische Pendant der Staatsanwaltschaft. Auf Anfrage bestätigt Florian Menzi, Mediensprecher der Militärjustiz:

«Das Geschoss, das vergangenen Donnerstag in Frauenfeld einen Mann verletzt hat, wird in der Schweizer Armee verwendet.»

Die Ermittlungen würden aber noch in alle Richtungen laufen. «Denn es ist noch nicht geklärt, ob der Schuss von einem Angehörigen der Schweizer Armee abgegeben worden ist», sagt Menzi. Um welche Art von Munition es sich handelt, möchte er aufgrund der laufenden Ermittlungen noch nicht preisgeben. Sicher ist: Diese Art von Munition wird neben dem Militär aber auch von anderen verwendet. «Wir untersuchen deshalb auch, ob der Schuss von einem Schiessplatz in der Nähe abgegeben worden ist», fügt Menzi an.

Freie Flugbahn vom Schiessplatz Schollenholz

Steht man am Tatort – eine kleine geteerte Gasse, die einzig zu den Hauseingängen zweier Wohnblöcke führt, direkt gegenüber eine Primarschule – sticht tatsächlich eines ins Auge: In knapp tausend Metern Luftdistanz zum Tatort liegt das Schiesssportzentrum Schollenholz. Kein einziges Gebäude würde eine freie Flugbahn direkt zum Tatort verhindern.

Die weissen Kreise am Boden zeigen, wo sich die Personen aufhielten, als der 38-Jährige von der Kugel getroffen worden ist. Im Hintergrund gut erkennbar: Der Wald, bei dem sich das Schiesssportzentrum Schollenholz befindet.

Die weissen Kreise am Boden zeigen, wo sich die Personen aufhielten, als der 38-Jährige von der Kugel getroffen worden ist. Im Hintergrund gut erkennbar: Der Wald, bei dem sich das Schiesssportzentrum Schollenholz befindet.

Bild: Aylin Erol

Oberst Gregor Kramer, Kreiskommandant in der Abteilung «Armee» beim Thurgauer Amt für Bevölkerungsschutz, weiss: An Schiessständen trainiert das Militär eigentlich nur mit zwei persönlichen Waffentypen, die jeweils immer mit derselben Munition befüllt werden. Je nach Grad und Funktion wird die Pistole 75 oder 49 verwendet, deren Munition einen Durchmesser von 9 Millimetern hat. Als zweiter Waffentyp schiesst das Militär im Schollenholz mit dem Sturmgewehr 90, deren Kugel einen Durchmesser von 5,6 Millimetern hat.

«Beide Waffen und Munitionen finden ihre Verwendung auch in Schützenvereinen, wenn die Waffenträger einerseits aus dem Militär austreten oder diese im privaten Handel erwerben», erklärt Kramer. Es gäbe natürlich noch weitere Geschosse, die das Militär nutze. «Allerdings kommen die nicht an Schiessständen zum Zug», sagt Kramer. Die Armee verwende ausschliesslich Vollmantel-Munition. Das heisst: Die Kugel ist nicht so konzipiert, zusätzlichen Schaden, etwa durch Deformation, im Körper des Getroffenen anzurichten.

Auch für den Kreiskommandanten ungewöhnlich

Die Armee nutzt neben dem Schollenholz einzig den Waffenplatz Frauenfeld. Dass aus Richtung der Allmend eine Kugel geflogen gekommen war, ist jedoch schwer vorstellbar. Der Angeschossene befand sich praktisch von Wohnhäusern eingekesselt – ausser eben was die Richtung des Schiessplatzes im Schollenholz angeht. Doch auch im Schollenholz schiesst man eigentlich in die entgegengesetzte Richtung, nach Süden, auf eine Zielscheibe. Querschläger könnten zwar immer passieren, gibt Kramer zu bedenken. Aber:

Oberst Gregor Kramer, Kreiskommandant in der Abteilung «Armee» beim Thurgauer Amt für Bevölkerungsschutz.

Oberst Gregor Kramer, Kreiskommandant in der Abteilung «Armee» beim Thurgauer Amt für Bevölkerungsschutz.

Bild: PD
«Ein Schuss, der 180 Grad in die falsche Richtung geht – selbst, wenn er irgendwo abprallt – ist unter normalen Umständen eigentlich unmöglich. Da muss schon etwas sehr Ungewöhnliches passiert sein.»

Auch in der Grafik ist zu sehen: ein solcher Abprall in entgegengesetzte Richtung ist physikalisch kaum möglich. Dennoch sei ein abgeprallter Schuss das Gefährlichste. «Denn man kann unmöglich wissen, wo die Kugel eintreffen wird.»

So ungefähr hätte die Kugel vom Schollenholz bis ins Wohnquartier finden können: Entweder direkt, oder indirekt, wobei ein Abprallen bei der Zielscheibe eigentlich nicht vorkommt - und schon gar nicht in diesem Abprallwinkel.

So ungefähr hätte die Kugel vom Schollenholz bis ins Wohnquartier finden können: Entweder direkt, oder indirekt, wobei ein Abprallen bei der Zielscheibe eigentlich nicht vorkommt - und schon gar nicht in diesem Abprallwinkel.

Die Kugel eines Sturmgewehrs 90 erreicht eine Mündungs-Geschwindigkeit von 900 Metern pro Sekunde. Kramer illustriert diese enorme Geschwindigkeit mit folgendem Satz:

«In der Zeit, in der der Schuss abgegeben wurde und sein Ziel in zweihundert Metern Distanz erreicht, können Sie nicht zwei Mal blinzeln.»

Im Normalfall trifft eine Kugel eines Sturmgewehrs 90 sein Ziel präzise und durchstösst den Körper sauber. «Sollte ein unkontrollierter Schuss abgegeben worden sein, der womöglich auch noch irgendwo abgeprallt ist, kann das Geschoss beschädigt sein und eine unberechenbare Flugbahn erreichen», erklärt Kramer. Schlimmere Verletzungen werden so wahrscheinlicher – auch auf grosse Distanz. «Auch nach 1000 Metern ist das Projektil unseres Sturmgewehrs noch extrem gefährlich und hat eine grosse Durchschlagskraft.»

Ermittlungen laufen noch immer in alle Richtungen

Der 38-Jährige zog sich mittelschwere Verletzungen zu und bemerkte erst beim Arzt, dass er von einer Kugel getroffen worden ist. Es stellt sich daher die Frage, ob ein direkter oder auch abgeprallter Schuss eines Sturmgewehrs nicht sogar noch schlimmere Verletzungen nach sich gezogen hätte. «Projektile grossen Kalibers sind extrem schnell und haben verheerende Auswirkungen auf den Körper», sagt Martin Eerhard, Waffenexperte und CEO der Swiss Shooting Group, zu «20Minuten». Er bezweifelt deshalb, dass die Kugel aus einer Grosskaliberwaffe stammen könnte.

Oberst Kramer gibt hingegen zu bedenken, dass bei Schussunfällen mehrere Faktoren hineinspielen. Die Art der Waffe, die Geschwindigkeit der Kugel, die Art der Munition, der Abschusswinkel – all dies beeinflusst die Flugbahn. «Beim Sturmgewehr 90 kann man sagen, dass die Kugel nach 300 Metern noch immer etwa gleich hoch fliegt, wie nach 30 Metern», erklärt Kramer. Nach längerer Distanz macht ihre Flugbahn aber einen leichten Bogen, bis sie, sofern sie nicht abgelenkt wird, irgendwann im Boden eintrifft.

Damit möglichst keine Schussunfälle passieren können, werden die Schiessstände regelmässig von Mitgliedern der Kantonalen Schiesskommission überprüft. «Ganz besonders wichtig ist bei diesen Kontrollen eben auch, dass sich in den definierten Schutzzonen keine Oberflächen befinden, auf welchen eine Kugel abprallen könnte», sagt Kramer. Der Fall ist und bleibt vorerst mysteriös. Die Militärjustiz schliesst derzeit noch immer nichts aus, ob Unfall oder Delikt. Neben Gutachten von Experten, die den Tathergang nachzuzeichnen versuchen, werden deshalb auch Personenbefragungen stattfinden.