«Wäre uns alles scheissegal, wären wir zu acht hier»: Über Ostern kamen vor allem Städter in den Alpstein
– bis die Polizei am Montag die Notbremse zog

Die Bitte: Kommt nicht in den Alpstein. Die Drohung: Bei zu grossem Andrang wird die Zufahrt zu den Parkplätzen in Wasserauen gesperrt. Trotzdem wanderten auch über Ostern Menschen zum Seealpsee. Am Montag zog die Innerrhoder Kantonspolizei die Konsequenzen und beschränkte die Zufahrt.

Daniel Walt
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«Der Grundsatz, daheim zu bleiben, wird nicht von allen befolgt. In der Schweiz ist man halt freiheitsliebend.»

Roland Koster, Mediensprecher der Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden, steht beim Restaurant Alpenrose in Wasserauen. Es ist geschlossen:

Bild: Benjamin Manser

Genauso verrammelt sind der Kiosk auf der gegenüberliegenden Strassenseite und die Toiletten:

Bild: Benjamin Manser

Normalerweise würde hier, an diesem strahlend schönen Tag, das pure Leben blühen: Heerscharen von Wanderlustigen würden vom Bahnhof beziehungsweise vom Parkplatz aus an der «Alpenrose» vorbei in Richtung Seealpsee ziehen – und jede Touristin, jeder Tourist wäre seitens der Einheimischen hoch willkommen.

In Coronazeiten ist dies anders: Wiederholt hatten die Innerrhoder Behörden dazu aufgerufen, derzeit doch bitte nicht in den Alpstein zu kommen. Weil der Ansturm vor einer Woche trotzdem viel zu gross war, kündigten sie diese Woche an, die Zufahrt zu den Parkplätzen in Wasserauen und Brülisau ab einer Belegung von 80 Prozent zu verweigern.

«Lieber an frischer Luft in den Bergen als in der Stadt»

Samstag, 10 Uhr. Mariela Kraljevic steigt aus einem Wagen mit Zürcher Nummernschildern. Die Dentalassistentin in Kurzarbeit aus Winterthur gehört mit ihrer chronischen Bronchitis zur Corona-Risikogruppe – genauso wie ihr Vater und ihr Bruder. Trotzdem hat sich die 25-Jährige mit zwei befreundeten Pärchen zum Ausflug in den Alpstein entschlossen:

«Ich bin lieber an der frischen Luft in den Bergen, als sinnlos einkaufen zu gehen oder in einer Stadt unterwegs zu sein, wo es viele Leute hat.»
Mariela Kraljevic.

Mariela Kraljevic.

Bild: Daniel Walt

Bei diesem wunderbaren Frühlingswetter ziehe es einen einfach raus, sagt die Winterthurerin fast schon entschuldigend. Und betont, sie habe Respekt vor Corona, mache aber nicht auf Panik.

26 Bilder

Bild: Benjamin Manser

Ebenfalls in einem Wagen mit Zürcher Nummernschild ist Gzim Amiti aus Wallisellen angereist. Die Androhung der Behörden, die Zufahrt zu den Parkplätzen abzusperren, könne er verstehen. Er habe davon aber nichts mitbekommen, sagt der 31-jährige Informatiker, der derzeit im Homeoffice arbeitet. Er sei in der Überzeugung gekommen, hier oben habe es ohnehin nicht viele Leute.

Gzim Amiti.

Gzim Amiti.

Bild: Daniel Walt

Gzim Amiti hat im Moment einen Kollegen aus dem Kosovo zu Besuch, dem er eigentlich die Schweiz zeigen möchte. Tags zuvor seien sie mit dem Auto nach Zug gefahren, aber nicht einmal ausgestiegen, weil es viel zu viele Leute gehabt habe.

«Nicht das typische Alpstein-Publikum»

Auffallend viele Wagen aus dem Kanton Zürich stehen an diesem Tag auf dem Parkplatz in Wasserauen. Aber auch solche aus dem St.Gallischen und aus dem Thurgau. Bruno Manser, für den Bezirk Schwende im Ordnungsdienst im Einsatz, stellt fest:

«Es ist nicht das typische Alpstein-Publikum, das jetzt kommt – die meisten sind Städter. Viele sind in Trainerhosen unterwegs.»
Bruno Manser, Ordnungsdienst Bezirk Schwende.

Bruno Manser, Ordnungsdienst Bezirk Schwende.

Bild: Daniel Walt

Verboten sei das ja nicht, fügt er an. Und stellt weiter fest, Einheimische blieben derzeit fast gänzlich weg. Am Karfreitag habe er gerade einmal drei Fahrzeuge aus dem Innerrhodischen gesehen. Seine Vermutung: Viele suchen im Alpstein die heile Welt angesichts gesperrter Uferpromenaden in den grossen Städten oder Parkplätzen am Bodensee, die nicht mehr zugänglich sind.

Ohne Corona geht es aber auch auf dem Weg zum Seealpsee nicht. Auf Tafeln geben die Behörden Verhaltenshinweise – die Bitte, auf Wanderungen zu verzichten, inklusive:

Bild: Benjamin Manser

Die Nacht am Seealpsee verbracht

Bis Samstagmittag füllt sich der Parkplatz nahe der «Alpenrose» zwar immer etwas mehr. Von einem Ansturm wie vor einer Woche kann aber keine Rede sein – vorerst:

Bild: Benjamin Manser

Auch die Kompositionen der Appenzeller Bahn, die stündlich verkehren, bleiben an diesem Tag grossmehrheitlich leer.

Die Nacht am Seealpsee verbracht

Es gibt Menschen, die während der Coronakrise nicht nur zum Seealpsee laufen, sondern sogar dort im Freien übernachten. Ein solches Pärchen macht sich am Samstagmittag bereits wieder auf den Heimweg. «Wir sind gestern Abend zum Fotografieren hinaufgelaufen. Es hatte zwei, drei andere Gruppen oben, die auch ein Feuer gemacht haben», berichtet die Frau. Bedenken wegen ihrer Wanderung hätten sie keine gehabt – vor allem deswegen nicht, weil sie ja abends unterwegs gewesen und niemandem zu nahe gekommen seien. «Das ist mir sehr wichtig», hält sie fest. Wenn sich Gruppen begegneten, weiche man einander aus, die Rücksichtnahme bei den Wanderern sei da.

«Schlimm ist hingegen der Abfall, der überall herumliegt. Aber das ist ein Dauerproblem und hat mit Corona nichts zu tun.»

«Ärger über uns ist voll berechtigt»

Auch der 20-jährige Oliver Ullrich aus Zürich hat sich seinen Ausflug in den Alpstein nicht nehmen lassen. Er ist mit vier Kollegen im Zug angereist.

Oliver Ullrich.

Oliver Ullrich.

Bild: Daniel Walt

Dass die Gruppe zu fünft unterwegs ist, sei kein Zufall, so Ullrich: «Wenn der Bundesrat sagt, dass nicht mehr als fünf Menschen zusammen sein dürfen, dann soll man sich daran halten.» Deshalb hätten drei weitere Kollegen darauf verzichtet, ebenfalls mitzukommen.

Was sagt der junge Mann dazu, dass sich viele wieder über Menschen wie ihn ärgern dürften, die nach wie vor im Alpstein unterwegs sind?

«Das ist voll berechtigt – jeder hat seine Meinung zu diesem Thema. Doch man kann den Menschen das Leben nicht verbieten. Wäre uns alles scheissegal, wären wir zu acht und nicht zu fünft hierhergekommen.»

Posten weisen Fahrzeuge auf dem Weg nach Wasserauen ab

Auch am Sonntag muss die Polizei die angedrohte Beschränkung der Zufahrt noch nicht aktivieren. Der Zustrom als Tagesausflüglern nimmt aber deutlich zu: Nach offiziellen Angaben sind die Parkplätze am Sonntag bis gegen 80 Prozent ausgelastet. Anfang Montagnachmittag ist es dann soweit: Die Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden macht bekannt, dass auf verschiedenen Zufahrtsachsen jetzt Posten präsent sind. Ab 14.30 Uhr können nur noch Fahrzeuge in Richtung Alpstein fahren, deren Lenker einen triftigen Grund angeben können.

Roland Koster, Mediensprecher Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden.

Roland Koster, Mediensprecher Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden.

Bild: Daniel Walt

Polizeisprecher Roland Koster erklärt, dass am Ostermontag um 11 Uhr noch praktisch niemand in Wasserauen gewesen sei. Ab Mittag sei der Verkehr dann aber regelrecht explodiert. «Das sind nicht die gewöhnlichen Wanderer, die sind jeweils früher unterwegs», sagt er.

Landammann: «Irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen»

Noch am Samstag hatte sich der Innerrhoder Landammann Roland Inauen zufrieden gezeigt, wie sich die Dinge bis dato entwickelt hatten. Dass man die Zufahrtssperre jetzt, auf den Ostermontag-Nachmittag hin, doch noch aktivieren musste, bedauert er.

«Anfang Nachmittag waren viel zu viele Menschen in Wasserauen.»
Roland Inauen, Landammann.

Roland Inauen, Landammann.

Bild: Martina Basista

Jene Menschen, die trotz aller Bitten in den Alpstein gekommen sind, bezeichnet der Innerrhoder Landammann als Ausweichpublikum und nicht als typische Wanderer. Mit den Medienberichten habe man einen Teil der betreffenden Menschen vielleicht nicht erreicht, mutmasst er.

Im Krisenstab werde man nun genau analysieren, welches die Gründe für den grossen Zustrom am Ostermontag gewesen seien und welche Konsequenzen man nun ziehen müsse – vor allem auch im Hinblick auf das kommende Wochenende. Für dieses ist ebenfalls wieder schönes Wetter angekündigt.

«Im schlimmsten Fall müssen wir die Parkplätze in Wasserauen ganz sperren. Irgendetwas müssen wir uns einfallen lassen.»
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