Vorwurf der Vergewaltigung und Ausbeutung: Gossauer Wirt wehrt sich gegen 12 Jahre Haft

Einem 68-jährigen Griechen wird vorgeworfen, er habe in seinem Restaurant die Notlage von Frauen ausgenutzt. Er verneint die Vorwürfe.

Claudia Schmid
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Bild: Imago Images

Die Anklage lastet dem Beschuldigten verschiedene Sexualdelikte zum Nachteil von drei Frauen an. Sie stammten aus dem Balkan und arbeiteten in seinem Restaurant in Gossau. Zudem werden dem 68-jährigen Griechen Arbeitsausbeutung, Verstösse gegen das Ausländerrecht und Betreibungsdelikte zur Last gelegt.

Überraschend hohes Strafmass

Vor einem Jahr verurteilte ihn das Kreisgericht St.Gallen zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren. Die Höhe des Strafmasses fiel überraschend hoch aus, denn die Staatsanwaltschaft hatte lediglich 4,5 Jahre gefordert. Die Diskrepanz zwischen dem von der Anklage beantragten und dem vom Gericht gesprochenen Strafmass lag hauptsächlich in der unterschiedlichen Beurteilung des Sachverhaltes begründet.

Der Staatsanwalt war davon ausgegangen, dass die Ausnützung der Notlage die schwerste der vorgeworfenen Straftaten darstellt und eine Anklage wegen Vergewaltigung nicht rechtsgenügend gegeben ist. Demgegenüber sprach das Kreisgericht auch Schuldsprüche wegen Vergewaltigung.

Freisprüche und milde Strafe beantragt

Der Restaurantbesitzer, der nach dem mündlich eröffneten Gerichtsurteil der Vorinstanz wegen Fluchtgefahr sofort in Sicherheitshaft genommen wurde, wehrt sich nun am Kantonsgericht gegen die Hauptvorwürfe und beantragt eine deutlich mildere Strafe. Konkret fordert er Freisprüche von den Vorwürfen der mehrfachen Vergewaltigung und der Ausnützung der Notlage zweier Privatklägerinnen, die Abweisung der meisten Zivilklagen, eine bedingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten und eine angemessene Entschädigung für die Überhaft. Der Staatsanwalt verlangt im Gegenzug zusätzliche Schuldsprüche wegen Wuchers und Menschenhandels sowie eine Landesverweisung von fünf Jahren. Die Privatklägerinnen beantragen die Abweisung der Berufung.

Gemäss Anklageschrift hatte der Mann zwischen 2013 und 2017 in seinem Restaurant in Gossau rund ein Dutzend Frauen aus Osteuropa als billige Arbeitskräfte zu untersetzten Löhnen beschäftigt. Über eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verfügten sie nicht und hatten auch keine Aussicht, eine zu erhalten. Drei Frauen warfen ihm vor, er habe sie – teilweise regelmässig – zu sexuellen Handlungen gezwungen. Er habe ihnen einen Job angeboten, dann aber mit Rauswurf und Lohnentzug gedroht und von ihnen Sex verlangt.

Aggressiv psychischen Druck ausgeübt

An der Berufungsverhandlung vom Dienstag befragte das Kantonsgericht den Beschuldigten und zwei der Privatklägerinnen als Auskunftspersonen. Der griechische Staatsangehörige bestritt, die Notlage der Frauen ausgenutzt zu haben. Sein einziger Fehler sei gewesen, dass er die Frauen ohne Bewilligung habe in seinem Restaurant arbeiten lassen. Der Sex sei einvernehmlich gewesen.

Die betroffenen Frauen, die sowohl am Kreis- als auch am Kantonsgericht aussagten, berichteten von schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen in ihrer Heimat. Der Lohn habe kaum zum Überleben gereicht. Sie hätten sich in der Schweiz eine Arbeit erhofft, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Der Beschuldigte habe ihnen einen Job versprochen. Nachdem sie die Arbeit aufgenommen hätten, habe er sehr aggressiv psychischen Druck ausgeübt. Eine der Frauen erklärte, der Beschuldigte habe sie über Wochen zu Sex genötigt und sie ständig überwacht. Sie habe praktisch Tag und Nacht für ihn gearbeitet und kaum Lohn dafür erhalten.

Zweiter Verhandlungstag anberaumt

Nach den Befragungen unterbrach das Kantonsgericht die Verhandlung. Damit die Parteien genügend Zeit haben, um die Aussagen des Beschuldigten und der Auskunftspersonen zu verarbeiten, wird sie erst nächste Woche fortgesetzt.

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