Vorwurf der Testamentfälschung

Ein knapp 60jähriger Beistand musste sich gestern vor dem Kreisgericht St. Gallen verantworten, weil er das Testament einer Mandantin zu seinen Gunsten gefälscht haben soll. Er bestreitet die Tat vehement. Das Urteil steht noch aus.

Claudia Schmid
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ST. GALLEN. Der deutsche Staatsbürger war über mehrere Monate der private Beistand einer 1921 geborenen Frau. Er war ab Ende August 2013 von der Kesb-Behörde Region St. Gallen eingesetzt. Als die Frau im Februar 2014 starb, überbrachte der Beschuldigte dem Amtsnotariat in St. Gallen ein Testament. Darin vermachte die Frau ihm sein ganzes Vermögen von knapp einer Million Franken.

Mit zittriger Hand verfasst

Erst nachdem das Amtsnotariat dem Beschuldigten eine Erbbescheinigung ausgestellt hatte, kam der Verdacht auf, dass das Testament gefälscht sein könnte. Die Anklage warf ihm vor, er habe es mit zittriger Hand selber verfasst und die Unterschrift der Frau gefälscht. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Die Betagte sei aufgrund ihrer starken Sehbehinderung gar nicht mehr in der Lage gewesen, einen Text zu verfassen, erklärte der Staatsanwalt an der gestrigen Gerichtsverhandlung. Zudem passe das Schriftbild nicht zur Handschrift der Frau, sondern ähnle weit mehr derjenigen des Beschuldigten.

Nach der Erbbescheinigung liess sich der Beschuldigte das Geld auf sein Konto überweisen, bezahlte die Erbschaftssteuern und kaufte sich unter anderem einen Mercedes und ein Motorboot. Vorgeworfen wurde ihm aber auch, dass er bereits zu Lebzeiten der Frau von ihrem Geld allerlei Gegenstände für sich gekauft hat. Zudem hielt ihm die Staatsanwaltschaft vor, er habe sich bei der IV-Stelle in Zürich für eine Rente beworben. Er habe dabei geltend gemacht, er sei wegen einer Diskushernieoperation in seiner Arbeits- sowie Haushalttätigkeit eingeschränkt und wegen massiver Schmerzen zu 100 Prozent krankgeschrieben. Er habe den Behörden dabei verschwiegen, dass er sich bei der Kesb St. Gallen für die Übernahme mehrerer privater Beistandschaften beworben und die Basisausbildung absolviert habe.

Vorwürfe zurückgewiesen

Der Beschuldigte wies die Vorwürfe vehement zurück. Die betagte Frau habe deutlich und immer wieder den Willen geäussert, ihn als Alleinerben einzusetzen. Sie sei zu diesem Zeitpunkt «komplett klar im Kopf» gewesen und habe ihn gebeten, ihr beim Verfassen des Testaments zu helfen. Er habe dies getan, indem er ihre Hand beim Schreiben geführt habe. Seinen Vorschlag, das Testament vom Amtsnotariat aufsetzen zu lassen, habe sie abgelehnt.

Er habe nie auf ihre Kosten Geld für sich verwendet. Jedoch habe die Frau ihm ab und zu Geschenke gemacht. Zur beantragten IV-Rente erklärte der Mann, er habe ja als privater Beistand praktisch nichts verdient und diese Tätigkeit auch von zu Hause aus ausüben können, wenn er beispielsweise grosse Schmerzen gehabt habe.

Freispruch verlangt

Die Verteidigerin verlangte Freisprüche von allen Anklagepunkten. Es gebe keinerlei Beweise für den Vorwurf der Testamentfälschung. Die Frau habe ihren Beistand sehr gemocht und sei für die gute Betreuung dankbar gewesen. Deshalb habe sie ihr Vermögen ihm und nicht ihr unbekannten Verwandten oder einer Behörde vermachen wollen. Ihr Mandant habe keinerlei Einfluss auf den Inhalt des Testamentes genommen. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass die Annahme von kleineren Geschenken als Beistand heikel sei. Auf jeden Fall sei dies aber kein Tatbestand. Auch den Vorwurf des Sozialbetrugs bezeichnete die Verteidigerin als abwegig. Als Beistand habe er lediglich Spesen erhalten, aber nichts verdient. Das Urteil des Kreisgerichts St. Gallen wird nächste Woche erwartet.