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«Vorwurf der Diskriminierung der Männer liegt auf der Hand»: Im Thurgau sind vier von fünf Lehrkräften Frauen – das sorgt nun für Kritik

Thurgauer SVP-Kantonsräte interpellieren gegen «Feminisierung» in der Schule und warnen vor einer Benachteiligung der Knaben.
Judith Schuck
Im Schulzimmer wartet die Lehrerin: Die grosse Mehrheit der Lehrkräfte in der Primarschule sind Frauen. (Bild: Andrea Stalder)

Im Schulzimmer wartet die Lehrerin: Die grosse Mehrheit der Lehrkräfte in der Primarschule sind Frauen. (Bild: Andrea Stalder)

«Im Nachgang zum Frauenstreik vom vergangenen Juni und der Forderung nach vollständiger Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen liegt der Vorwurf der Diskriminierung der Männer auf der Hand», heisst es in der Interpellation «Feminisierung der PH und der Volksschule», mit der sich die SVP-Kantonsräte Andrea Vonlanthen, Aline Indergand und Hermann Lei an den Regierungsrat richten.

Der Bildungsbericht des Schuljahrs 2017/18 weist 80 Prozent weibliche Lehrkräfte an den Thurgauer Volksschulen aus. Während in der Sekundarstufe I das Geschlechterverhältnis ausgeglichen sei, arbeiten im Kindergarten und in der Primarstufe vor allem weibliche Personen. Bei den Führungspositionen zeichnet der Bericht ein anderes Bild, hier sind von 138 Schulleiterinnen und Schulleitern im Kanton 89 männlich.

Sichtweisen driften auseinander

In dieser «offensichtlich fehlenden Gleichstellung der Geschlechter» sehen die Interpellanten eine Benachteiligung für die Knaben. Frauen unterrichteten gewiss nicht schlechter als Männer. Die Interpellanten schreiben:

«Aber sie unterrichten und reagieren vielfach anders. Sie werden Knaben und ihren Bedürfnissen oftmals weniger gerecht als Männer.»

Das Defizit an männlichen Lehrpersonen stufen Vonlanthen, Indergand und Lei auch deshalb als kritisch ein, «als den Knaben heute im familiären Alltag ohnehin oft die väterliche Bezugsperson fehlt». Damit wieder mehr Männer den Beruf des Primarlehrers ausüben, müsse dieser attraktiver gestaltet werden.

Bemühungen der PH

Patric Brugger ist Gleichstellungsbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und glaubt nicht, dass das Geschlecht der Lehrperson Einfluss auf den Bildungserfolg der Jungen habe. Auch gebe es bereits verschiedene Bemühungen seitens der PH, explizit Männer für den Lehrberuf zu gewinnen, wie beispielsweise das Projekt «Männer an die Primarschule». «Die Pädagogische Hochschule achtet bei ihren Informationen über ihre Studiengänge und den Lehrberuf darauf, auch Männer explizit anzusprechen.»

Um hier etwas zu ändern sei aber auch ein gesellschaftliches Umdenken nötig. Geschlechterlabels bei Berufen seien oft gesellschaftlich geprägt. Dadurch, dass der Lehrberuf mit der «Liebe zum Kind» in Verbindung gebracht wird, wird er eher der Frau zugesprochen. Die Geschlechtsidentität junger Männer kollidiere häufig mit diesem als weiblich wahrgenommenen Beruf. Brugger sagt:

«Um der Feminisierung im Lehrberuf entgegenzuwirken sind Massnahmen gefragt, welche die familiären Rollenbilder verändern, die Vereinbarkeit von Familienarbeit und Beruf fördern sowie die Teilzeitarbeit in anderen verantwortungsvollen Berufen ermöglichen.»

Sind die Knaben auf dem Abstellgleis?

Die SVP-Kantonsräte Daniel Vetterli, Urs Schrepfer und Andreas Wirth stellen ebenfalls eine Anfrage zum Thema Schule an den Regierungsrat: «Knaben an der Volksschule Thurgau im Abseits?» Im Jahr 2015 zeigten die Statistiken des Amts für Volksschule Thurgau, dass Mädchen leistungsstärker sind als ihre männlichen Mitschüler. Bei der Verteilung in die Sekundarschultypen E und G, also Erweiterte und Grundanforderungen, zögen die Jungs den Kürzeren: Während 65,1 Prozent der Mädchen Typ E zugeteilt werden, waren es nur 56,1 Prozent bei den Knaben.

Beim Sekundarschultyp E werden die Schüler nicht nur auf das Berufsleben, sondern auch auf den Übertritt in weiterführende Bildungseinrichtungen vorbereitet. Auf Sonderschulen sind die Knaben gegenüber den Mädchen ebenfalls in der Überzahl, wie die Statistik von 2015 zeigt. «Die Zahlen werden aus heutiger Sicht mit Sicherheit nicht besser sein», sind Vetterli, Schrepfer und Wirth überzeugt. Urs Schrepfer, der selbst Sekundarschulleiter ist, sagt:

«Wären diese Zahlen umgekehrt, zu Ungunsten der Mädchen, gäbe es einen Aufschrei.»

Er und seine Mitstreiter wollen vom Amt für Volksschule nun wissen, was die entscheidenden Faktoren dieses «offensichtlichen Ungleichgewichts bei der Einstufung des Sekundarschultyps oder auch der Zuweisung in die Sonderschule» sind und welche Massnahmen es ansetzt, um mittelfristig ein ausgeglichenes Verhältnis von Knaben und Mädchen zu erhalten.

«Mit verschiedenen kleinen Massnahmen, wie etwa bei den Einstufungen in den Typ der Sekundarschule das Fach Mathematik stärker zu gewichten, versuchte man, Gegensteuer zu geben», heisst es ihm Text. Leider habe dies nicht den gewünschten Erfolg gebracht, das Problem sei vielschichtiger.

Feminisierung als Argument nicht haltbar

Hierzu antwortet der Gleichstellungsbeauftragte Brugger: «Die mittlerweile häufiger auftretenden relativen Bildungserfolge der Mädchen werden uminterpretiert in Bildungsmisserfolge der Jungen.» Die angeführte Begründung für die Bildungsmisserfolge sei dann gelegentlich die Feminisierung der Bildung, was nicht haltbar sei, da Mädchen schon vor rund 90 Jahren durchschnittlich bessere schulische und akademische Leistungen erbrachten als die Jungen. «Also in Zeiten, in denen mehrheitlich Männer unterrichteten.»

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