Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

VORSTOSS: Das Trogner Problemgrab der UBS

Der St.Galler Historiker Hans Fässler will von der US-Stadt Chicago wissen, ob die grösste Schweizer Bank ihre Sklavereivergangenheit aufgrund ihrer Appenzeller Vorläuferbank offengelegt hat. Die Fragen gehen auch an den Bundesrat.
Marcel Elsener
Historiker Hans Fässler am Grab von Johann Ulrich Zellweger in Trogen, einem Wohltäter, der aber auch von Sklavenarbeit auf Kuba profitierte. (Bild: Urs Bucher (Trogen, 23. Januar 2018))

Historiker Hans Fässler am Grab von Johann Ulrich Zellweger in Trogen, einem Wohltäter, der aber auch von Sklavenarbeit auf Kuba profitierte. (Bild: Urs Bucher (Trogen, 23. Januar 2018))

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Hans Fässler hat wieder einmal einen offiziellen Brief geschrieben. Fast immer, wenn er das tut, kommen ein paar Dinge in Bewegung und einige Leute ins Zittern. Oder kriegen Wutanfälle. Zuletzt hielt er mit Agassiz den SAC auf Trab. Diesmal geht der auf Englisch verfasste Brief "from a little mountain village in Switzerland to the shores of Lake Michigan", von einem Schweizer Bergdorf in die drittgrösste Stadt der USA: Chicago. Es geht um Globalisierung, Finanzhandel und Sklaverei. Gemeint mit dem Bergdorf ist aber nicht der WEF-Ort Davos, sondern Trogen. Oder eigentlich, augenzwinkernd, St. Gallen, das einst im Zuge der Wegelin-Ermittlungen in der "New York Times" so bezeichnet wurde. Es geht nicht um eine St. Galler Privatbank und die Beihilfe zur Steuerflucht, sondern um die grösste Bank der Schweiz, die UBS, und deren Sklavenvergangenheit. Die Adressaten von Fässlers Schreiben sind nebst der Stadt Chicago UBS-CEO Sergio Ermotti, die Bankenaufsicht Finma und die frühere Chicagoer Stadträtin Dorothy Tillman. Sowie, mittels einer Interpellation der St. Galler SP-Nationalrätin Claudia Friedl, auch der Schweizer Bundesrat.

Trogen ist der Ausgangspunkt, weil es das Dorf der Kaufmann-Dynastie der Zellwegers ist; in diesem Fall von Johann Ulrich Zellweger (1804–1871), dem Unternehmer, der in den 1840er-Jahren von einer Zuckerplantage mit Sklaven auf Kuba profitierte und 1866 die Bank für Appenzell A. Rh. gründete – eine Vorläuferbank der UBS. Trogen markiert ­einen bedeutenden "Schweizer Orts­termin in Sachen Sklaverei", gemäss Untertitel von Fässlers Buch "Reise in Schwarz-Weiss" (2005). Der frühere St.Galler SP-Kantonsrat und Historiker mit Schwerpunkt Kolonialgeschichte, der an der Kanti Trogen Englisch lehrt, beschreibt darin die Sklavereiverbindungen mehrerer Zellwegers.

"Mega-Menschheitsverbrechen" ins Bewusstsein rücken

Besagter Johann Ulrich kommt im Buch nicht vor, doch belegen mittlerweile mehrere Publikationen, namentlich eine Lizenziatsarbeit zu seiner Person an der Uni Zürich von 2010, dessen direkte Profite aus kubanischer Sklavenarbeit. Fässler hat die Presse vor den Friedhof in Trogen geladen, doch bittet er am Grab des "Bürgers und Wohltäters der Gemeinde", die Totenruhe zu respektieren, zumal "ich mal Pfarrer werden wollte". In seinen pfarrherrlichen Gedanken erinnert er an die "Welle von gemeinnützigen Werken", die der Philanthrop gestiftet habe, von der Armenfürsorge in Trogen bis zur Basler Mission. "Ich will ihn nicht als Einzelperson instrumentalisieren und dämonisieren", sagt Fässler. "Es geht mir um die politischen Strukturen." Im Gegensatz zu Zellweger hätten die Sklaven, die auf den Plantagen in Matanzas für ihn arbeiteten, kein Grab und oft nicht einmal Namen. "Zum würdigen Gedenken gehört auch die Wahrheit." Und erst recht gehe es ihm nicht um eine Tafel auf dem Landsgemeindeplatz von Trogen, das sich bekanntlich offen und aufgeschlossen mit seiner Vergangenheit beschäftige.

Sondern um Vergangenheitsarbeit und um die Prinzipien, wie sie der französische Jurist Louis Joinet benannt hat: das Recht auf Wahrheit, auf Gerechtigkeit, auf Wiedergutmachung. Und die "Garantie der Nichtwiederholung". Alles Rechte, die selbstverständlich für das "Mega-Menschheitsverbrechen" der Sklaverei gelten, betont Fässler: «Das Schlimmste ist, darüber zu schweigen." Seit den 90er-Jahren habe sich in der Schweiz, die ihre Sklavereiverbindungen lange herunterspielte, "viel getan", sagt Fässler und hofft optimistisch auf weitere Bewusstseinsschritte. Deshalb sein neuer Anlauf, der auf einem Erlass der Stadt Chicago (und weiterer US-Grossstädte) von 2003 beruht. Demnach sollen Firmen, die mit der Stadt Geschäfte abwickeln, ihre Sklavenvergangenheit offenlegen. Die UBS, die an der Anleihenemission für den Flughafen O’Hare beteiligt war, tat dies mit dem Verweis auf den St. Galler Banker Jakob Laurenz Gsell (1815–1896) und dessen Sklavenbesitz in Brasilien. Nun müssten die Behörden überprüfen, fordert Fässler, ob die UBS in ihrer eidesstattlichen Erklärung von 2006 die Sklavereibeziehung zu Zellwegers Privatbank (die 1909 in den Bankverein und der wiederum 1998 in die UBS überging) verschwiegen hat.

Schweizer Banken sollen Gelder für Forschung spenden

Bestenfalls stelle sich die UBS ihrer ­Sklavenvergangenheit und fördere die Aufarbeitung unabhängig von ihrem Konzernhistoriker, meint Fässler. "Meine Vision ist ein Lehrstuhl für Kolonialgeschichte an einer Schweizer Universität." Ergänzend zum Historiker äussert sich auf Anfrage der emeritierte HSG-Professor Rainer Schweizer: Der Staats- und Menschenrechtler schlägt vor, dass die beiden Grossbanken UBS und CS ihre «punktuell problematische Vergangenheit» aufarbeiten und Gelder für Forschung und Recherche bereitstellen. Die Schweiz habe sich mit ihrer Unterschrift zu den Beschlüssen des Wiener Kongresses von 1815 (Grenzen, Neutralität, Menschenrechte) völkerrechtlich verbindlich zur Bekämpfung der Sklaverei verpflichtet. Die Diskussion über den verdrängten Diskurs tue not, sagt Schweizer, auch mit Blick auf die heutigen "sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in manchen Wirtschaftszweigen". Der Staatsrechtler begrüsst denn auch die Konzernverantwortungs-Initiative oder zumindest einen brauchbaren Gegenvorschlag. Den konkreten Fall Zellweger findet Schweizer "schwierig", weil über 3000 Finanzinstitute in die heutige UBS einflossen. "Sehr interessant" sei, dass der Trogner die ethische Dimension der Sklaverei erkannte und eine "religiöse Bekehrung" machte, meint Schweizer, der mit Johann Ulrichs Urenkel, Pfarrer Dieter Zellweger, befreundet ist.

Sergio Ermotti hat den Brieferhalt bis dato noch nicht bestätigt, im Gegensatz zur Finma. Wenn die Sklavereigeschichte der UBS im heutigen "Kulturplatz" von SRF aber kurz nach Trumps Auftritt am WEF in Davos erneut über die Schweizer Bildschirme geht, dürfte das die Diskussion beflügeln. Dass sein Termin gestern in Trogen just am Eröffnungstag des Globalwirtschaftsforums stattfand, sei übrigens "reiner Zufall", schmunzelt Fässler. Aber ein schöner, womöglich ergiebiger.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.