Vorstand komplett ausgewechselt – wie der Neuanfang im Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz aussehen soll

Jahrelange Streitereien und ein mutmasslicher sexueller Missbrauch einer Turnerin haben das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil ins Chaos gestürzt. Nun übernimmt ein neues Team das Zepter.

Odilia Hiller und Raya Badraun
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Neue Gesichter im Vorstand des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz für Kunstturnen: Vorstandsmitglied Marcel Altherr, der neue Präsident Alexander Brochier, Vorstandsmitglied Markus Züblin, sowie als Berater für die Übergangszeit Jürg Litscher vom St.Galler Turnverband (von links).

Neue Gesichter im Vorstand des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz für Kunstturnen: Vorstandsmitglied Marcel Altherr, der neue Präsident Alexander Brochier, Vorstandsmitglied Markus Züblin, sowie als Berater für die Übergangszeit Jürg Litscher vom St.Galler Turnverband (von links).

Bild: Benjamin Manser (Wil, 6. März 2020)

Während das Strafverfahren gegen den ehemaligen Cheftrainer am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) in Wil gemäss St.Galler Staatsanwaltschaft kurz vor dem Abschluss steht, wagt die regionale Kaderschmiede für Kunstturnerinnen und Kunstturner den Neuanfang.

Nun scheint am Ort, wo in den vergangenen Jahren so viel geschah, was einem gesunden Spitzensportbetrieb nicht hätte passieren dürfen, ein wichtiger Schritt getan: Am Freitag hat sich ein neuer Präsident mit einem völlig ausgewechselten Vorstand den Medien vorgestellt.

Der Cheftrainer des Frauenkaders war im August 2019 von einer ihm unterstellten Turnerin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt worden. Zum mutmasslichen Tatzeitpunkt wäre die Turnerin minderjährig gewesen. Seither ermitteln die Behörden. Schon Monate zuvor war das Leistungszentrum wegen Streitereien um die damalige Führungsriege in die Schlagzeilen geraten.

In die Top 3 der Leistungszentren bis ins Jahr 2025

Tonalität und Vokabular des Vereinsvorstandes haben sich nun von heute auf morgen radikal verändert: Alexander Brochier, der neue Präsident, spricht von Vision, Mission, Glaubwürdigkeit, Neugier, Transparenz, Werten und Zielen und präsentiert am ersten Tag nach seiner einstimmigen Wahl durch die Delegiertenversammlung des Vereins RLZO einen ehrgeizigen Umsetzungsplan. Gleichbehandlung von Frauen und Männern nennt er ebenso wie die Orientierung auf ausserordentliche sportliche Leistungen.

Brochier, selbst ehemaliger Kunstturner und selbstständiger Unternehmer im Bereich Personalwesen, verfolgt mit seiner Strategie einem «modernen, ganzheitlichen Ansatz». Ziel sei, das Leistungszentrum bis ins Jahr 2025 in die Top 3 der regionalen Schweizer Leistungszentren zu bringen. «Wir bilden künftige Olympioniken aus», so das Credo, welches fett über der neuen Strategie prangt.

Zusammen mit dem neuen Team möchte Brochier eine «leistungssportkonforme Grundlage für die Entwicklung der Kinder in unserer Region schaffen, die Stabilität und Glaubwürdigkeit ausstrahlt». Der neue Präsident sagt über sein persönliches Ziel in der neuen Rolle:

«Damit Eltern ­gerne und ohne zu zögern ihre Kinder in unsere Obhut geben und eine ­steigende Anzahl Kinder mit Freude den Kunstturnsport betreiben.»

Ein Beirat und eine Vertrauensstelle für Kinder

Das RLZO wird auch über den Vorstand hinaus personell neu bestellt. Das Organigramm ist mit wesentlich mehr Positionen bestückt als früher und, so scheint es jedenfalls, breit und mit einem offensichtlichen Willen zu professionellen Strukturen abgestützt. Neu wird am Zentrum ein Beirat mit Vertreterinnen und Vertretern aus Leistungssport, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ins Leben gerufen.

Und nach der von der Öffentlichkeit weitgehend als beschämend wahrgenommenen Affäre um die junge Kaderturnerin, die ihren Trainer anzeigte und dem Kunstturnsport kurz darauf völlig isoliert den Rücken kehren musste, folgt ein bedeutender Schritt: Der neue Präsident beabsichtigt, eine «Vertrauensstelle» ins Leben zu rufen.

An die Vertrauensperson sollen sich laut Brochier Kinder wenden können, die etwas plagt oder etwas erzählen möchten. «Minderjährige brauchen Schutz und müssen ernst genommen werden. Wir müssen ihnen zuhören», sagt der neue Präsident. Über die Vergangenheit möchte Brochier nicht viele Worte verlieren:

«Die Situation in vergangener Zeit war nicht zufriedenstellend. Da sind wir Anwesenden uns alle einig.»

Ganz wichtig sei es nun, eine offene Kommunikation zu pflegen. «Mit den Eltern, mit den Satellitenturnvereinen der gesamten Ostschweiz, einfach mit allen.» Weiter nennt der neue Präsident den Respekt. «Das ist ganz wichtig für uns.»

Weitere Mitglieder des neuen ­Vorstands sind: Ramona Eichenberger (Finanzen), Roland Brändli (Spitzensport St.Galler Turnverband), Marcel Altherr (Marketing, Sponsoring), Eva Eisenring (Kontaktperson Eltern und Gastfamilien) sowie Markus Züblin (Projekt Neustart und Label Sport-­vereint).

«Wir werden die Trainersituation detailliert anschauen»

In den vergangenen Jahren war es zu Zerwürfnissen mit verschiedenen Satellitenvereinen gekommen – unter anderem mit dem TZ Fürstenland. Cheftrainerin Marianne Steinemann steht der Veränderung im Vorstand offen und positiv gegenüber. Sie kenne Brochier aus seiner Zeit als Präsident beim TZ Fürstenland. Zudem trainiere seine Tochter seit sechs Jahren in ihrem Verein. «Er hat viel bewegt und professionelle Strukturen hineingebracht. Davon profitieren wir bis heute», sagt Steinemann.

Mit dem veränderten Vorstand sei ein Neuanfang möglich. Dieser sei wichtig und unumgänglich. Nun sei sie gespannt, wie die Ziele umgesetzt würden, etwa die Trennung zwischen Breiten- und Spitzensport. Dafür habe sie sich lang eingesetzt. Oder auch auf die Cheftrainerfrage bei den Frauen: Noch immer ist die Frau des entlassenen Cheftrainers im Amt.

Der neue Präsident sagt dazu: «Wir werden die Trainersituation detailliert anschauen und dann entscheiden, ­welches die richtige Aufstellung für die Zukunft ist.»