Vorprojekt
«Die Freifläche ist die Marktgasse»: So möchte die Stadt St.Gallen Marktplatz und Bohl neu gestalten

2020 hat das Stadtsanktgaller Stimmvolk über einen Rahmenkredit von rund 27,7 Millionen Franken für einen neuen Marktplatz entschieden. Jetzt legt der Stadtrat das Vorprojekt vor. Ab Mitte Mai kann sich die Bevölkerung während 30 Tagen einbringen.

Marlen Hämmerli
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Blick auf den Marktplatz mit den Häuschen des ständigen Markts: Läuft alles nach Plan, steht hier 2026 ein Marktpavillon.

Blick auf den Marktplatz mit den Häuschen des ständigen Markts: Läuft alles nach Plan, steht hier 2026 ein Marktpavillon.

Bild: Arthur Gamsa

Stadtrat Markus Buschor wirkte am Donnerstag fröhlich und aufgeräumt – kein Wunder, schliesslich konnte er den Medien das Vorprojekt zur Sanierung und Neugestaltung von Marktplatz und Bohl präsentieren. Ein Projekt, dem eine «Leidensgeschichte» vorausgegangen ist, wie der städtische Baudirektor selbst sagte. «Da kommt es einem schnell über die Lippen: Aller guten Dinge sind drei.» Gemeint sind die drei Anläufe an der Abstimmungsurne.

Der Stadtrat hat das Vorprojekt verabschiedet. Mitte Mai geht es für 30 Tage ins Mitwirkungsverfahren. Buschor war es wichtig, zu betonen: «Der Stadtrat hat keinen endgültigen Entscheid gefällt, die Mitwirkung soll offen erfolgen.» Das Vorprojekt zeigt, wie Marktplatz und Bohl künftig aussehen werden. Der Rahmen ist definiert, über Details kann noch diskutiert werden.

Gegenüber der Abstimmungsvorlage hat sich einiges geändert

Der geplante zweiteilige Marktpavillon und die Anordnung der Stände von Wochen- und Bauernmarkt könnten am meisten zu reden geben. Das Siegerprojekt «Vadian» aus einem Ideenwettbewerb zeigte den Marktpavillon gerade angeordnet, praktisch parallel zur Strasse. Die Stände von Wochen- und Bauernmarkt waren nicht auf dem Marktplatz, sondern in der Marktgasse angesiedelt. Beides hat sich mit dem Vorprojekt geändert.

Stadtrat Markus Buschor, Direktion Planung und Bau.

Stadtrat Markus Buschor, Direktion Planung und Bau.

Bild: Tobias Garcia (18. Mai 2021)

Der Ideenwettbewerb war kein fertiges Projekt. «Was den Marktplatz betrifft, wussten wir noch nicht genau, wohin es geht», sagte Markus Buschor am Donnerstag vor den Medien. Das habe sich nun geklärt. «Uns war es ganz wichtig, dies zusammen mit den Marktfahrerinnen und Marktfahrern zu tun.»

Dabei hat sich gezeigt: So wie der Marktpavillon zuerst geplant war, entstand eine Vorder- und eine Rückseite. «Das war nicht gut, weil ja jeder einen möglichst guten Standort haben möchte», sagte Buschor. Daher wurden die zwei Teile des Pavillons versetzt zueinander angeordnet und und leicht abgedreht:

Dadurch sind die Verkaufsflächen von allen Seiten gleich nutzbar und zugänglich. Die Marktfahrerinnen und Marktfahrer vom Wochen- und Bauernmarkt sollen gemäss Vorprojekt ihre Stände links und rechts vom Pavillon aufstellen, also in etwa vor der Treppe zum Blumenmarkt und bei der heutigen Rondelle.

Attraktiver Markt soll Innenstadt beleben

Das Ziel sei klar, sagte Stadträtin Sonja Lüthi vor den Medien: «Wir möchten einen neuen attraktiven Markt mit einem breiten Angebot, und wir möchten damit auch eine Belebung erreichen.» Durch die Nähe würden die Märkte voneinander profitieren und als Einheit wahrgenommen.

Stadträtin Sonja Lüthi, Direktion Soziales und Sicherheit.

Stadträtin Sonja Lüthi, Direktion Soziales und Sicherheit.

Bild: Tobias Garcia (18. Mai 2021)

Der Marktplatz solle zum Treffpunkt werden mit Sitzmöglichkeiten, wo man etwa Zmittag essen könne. Ein Dach verbindet die zwei Pavillonteile. Sowieso ist der Pavillon mit einem Dachvorsprung geplant, der Schatten spenden soll. Hier sollen Tische und Stühle zum Verweilen einladen. Der Pavillon ist gegenüber dem Siegerprojekt «Vadian» gewachsen und nimmt relativ viel Platz ein. Zwischen dem Pavillon und der Bank Acrevis verbleibt ein Durchgang, der auf dem Modell wirkt wie eine Gasse.

Modell Sanierung und Neugestaltung Marktplatz und Bohl, Pavillon für ständigen Markt.

Modell Sanierung und Neugestaltung Marktplatz und Bohl, Pavillon für ständigen Markt.

Ist der Pavillon zu gross geraten in Anbetracht dessen, dass die neue Bibliothek auf dem Blumenmarkt viel Raum einnehmen soll? Stadtrat Markus Buschor sagt: «Das Ziel war nie, auf dem Marktplatz eine möglichst grosse Freifläche zu erreichen. Die eigentliche Freifläche ist die Marktgasse, die wir freigespielt haben.»

Standmiete: 750 Franken im Monat plus fünf Prozent vom Umsatz

Im Pavillon sind 16 Stände vorgesehen mit Flächen zwischen sechs und neun Quadratmetern. Für die Vermietung ist eine öffentliche Ausschreibung vorgesehen, auf die sich alle bewerben können. Die Mietverträge werden für fünf Jahre abgeschlossen und die Miete pro Stand soll 750 Franken im Monat kosten. Zusätzlich fällt eine Umsatzmiete von fünf Prozent an.

Heute zahlen die Mieterinnen und Mieter des ständigen Markts 150 Franken im Monat für die grünen Häuschen. Das sei «exorbitant tief», sagte Markus Buschor am Donnerstag. Gemessen am heutigen Betrag ist die neue Miete erheblich höher: «Uns war es wichtig, einen fairen Schlüssel zu finden. Die Stadt investiert mit Steuergeldern in ein Gebäude.» Rund sechs Millionen Franken kostet der Pavillon. An dessen Amortisation sollen sich die Markthändler beteiligen. Und zur Umsatzmiete sagte Markus Buschor:

«Wenn jemand gute Geschäfte macht, dann hat auch die öffentliche Hand etwas davon.»

Ein Marktkonzept, das ebenfalls in die öffentliche Mitwirkung geht, hält die inhaltliche Neuausrichtung fest. Der ständige Markt solle durch ein breites Angebot punkten und möglichst regionale Lebensmittel anbieten. Wochen- und Bauernmarkt sollen weitergeführt werden wie bisher, abgesehen von der neuen Anordnung links und rechts des Pavillons.

Die Märktler dürfen Autos und Lieferwagen künftig nicht mehr auf dem Marktplatz parkieren. Der Auf- und Abbau mit Fahrzeugen bleibt aber erlaubt und das Parkieren auch, wenn es lebensmittelrechtliche Vorschriften nötig machen.

Bäume, Brunnen, ungebundene Pflästerung

Die linken Parteien dürften sich freuen: Auf Marktplatz und Bohl sind mehr Bäume als heute vorgesehen. Und eine ungebundene Pflästerung, bei der die Fugen zwischen den Steinen mit Sand aufgefüllt werden. Der ganze Marktplatz wird zur Begegnungszone.

Die zwölf Taxiplätze bleiben. Die Bus- und Bahnhaltestelle in Fahrtrichtung Bahnhofplatz wird vom Bohl auf die Nordseite des Marktplatzes verschoben. Die Dächer der Wartezonen sollen die Fenster im ersten Stock der dahinter liegenden Häuserzeile nicht überragen. Das auch aus Gründen des Denkmalschutzes.

Mögliche Stolperfalle: Haltekanten für Bus und Bahn

Die Haltekanten für Bus und Bahn auf Marktplatz und Bohl werden 22 Zentimeter hoch. Die Behindertenverbände hätten eingewilligt, sagte Stadtrat Markus Buschor. Dies mit Hinweis darauf, dass am Spisertor die Kante für die Bahn mit 32 Zentimeter Höhe umgesetzt werden müsse. Am Marktplatz bedeutet das für Personen im Rollstuhl: Busse können sie selbstständig nutzen. Die Appenzeller Bahnen nur mit einer Rampe. Es gibt also eine einfache Lösung am Marktplatz, einer zentralen ÖV-Drehscheibe, und am Spisertor wird seit Jahren über die Haltekante gestritten?

Nachfrage bei Procap St.Gallen-Appenzell: Markus Alder leitet die Fachstelle Hindernisfreies Bauen der Behindertenorganisation: «Wir wurden nie über das Ergebnis der Tests oder einen definitiven Entscheid informiert und konnten auch keine Stellung nehmen.» Ins Projekt hingegen war er eingebunden.

Zwei Varianten wurden diskutiert: eine Haltekante von 22 und eine von 28 Zentimetern. Dieses «Zürich-Board» ermöglicht es, Bus und Bahn ebenerdig zu besteigen. Ob ein «Zürich-Board» auf Marktplatz und Bohl in St.Gallen möglich sei, sei seines Wissens noch offen, sagt Alder. Er werde nun jedenfalls das Gespräch mit Stadtrat Buschor suchen.

Wer etwas zu sagen hat, sollte das jetzt tun

Und wie geht es nun weiter? Als Nächstes gehen Vorprojekt und Marktkonzept ins Mitwirkungsverfahren. Ab Mitte Mai kann sich jede und jeder unter www.partizipieren.stadt.sg.ch einbringen.

Betroffene, die nach dem Verfahren immer noch nicht einverstanden sind, können danach nur noch per Einsprache den Rechtsweg beschreiten, wenn sie etwas verändern wollen. Das städtische Stimmvolk hat nämlich im Herbst 2020 den Rahmenkredit von rund 27,7 Millionen Franken fürs Vorhaben gesprochen. Daher sind für Sanierung und Neugestaltung von Marktplatz und Bohl keine politischen Entscheide mehr nötig. Das Stadtparlament muss nicht mehr über das Projekt befinden.

Parallel zum Mitwirkungsverfahren beginnen die Vorarbeiten fürs Bauprojekt. Dabei handle es sich um Arbeiten, die den Untergrund betreffen, sagte Stadtrat Markus Buschor. Nächstes Jahr werden die Details des Bauprojekts ausgearbeitet. 2024 und 2025 werde die Neugestaltung realisiert. Der neue Marktplatz soll 2025 eingeweiht werden – sofern alles nach Plan läuft und keine Einsprachen eingehen. Buschor: «Wir sind nicht so naiv, anzunehmen, dass bei einem solchen Grossprojekt keine Einsprachen eingehen.»

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