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Vorbereitungskurse für Kanti boomen, wirken aber nicht

Private Vorbereitungskurse für Kantiprüfungen werden immer beliebter. Auch in der Ostschweiz steigt die Zahl der Anbieter. Doch häufig bringt die Nachhilfe keinen nachhaltigen Erfolg, warnen Bildungsforscher.
Michael Genova
Eltern greifen für die Zukunft ihrer Kinder tief in die Tasche: Ein Kanti-Vorbereitungskurs kostet in der Regel zwischen 3000 und 4000 Franken. (Bild: Getty)

Eltern greifen für die Zukunft ihrer Kinder tief in die Tasche: Ein Kanti-Vorbereitungskurs kostet in der Regel zwischen 3000 und 4000 Franken. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Sie haben den Sprung bereits geschafft: 889 Schülerinnen und Schüler starten morgen den Unterricht an einer der sechs St.Galler Gymnasien. Für viele ­Sekundarschüler beginnt hingegen ein Lernmarathon. Ihr Ziel: Das Bestehen der Kantiprüfung im März 2019.

Immer mehr Eltern und Jugendliche nehmen dafür die Dienste einer privaten Nachhilfeschule in Anspruch. Der Markt boomt. Wer auf Google nach dem Stichwort Kanti-Vorbereitung sucht, erhält gleich zuoberst zahlreiche Anzeigen kommerzieller Anbieter präsentiert. Und vor den Sommerferien warb die Zürcher Privatschule Lernstudio auf ­Plakatwänden in der Stadt St.Gallen. Ihr Versprechen: «In 22 Wochen fit für die Kantiprüfung 2019».

Das Zürcher Lernstudio wirbt in St. Gallen auf Plakaten für seine Angebote. (Bild: PD)

Das Zürcher Lernstudio wirbt in St. Gallen auf Plakaten für seine Angebote. (Bild: PD)

Professionelle Anbieter sprechen von einer steigenden Nachfrage

Lernstudio war bislang vor allem in ­Zürich und Winterthur aktiv und hat in St.Gallen kürzlich einen neuen Standort eröffnet. Mediensprecherin Astrid Marquardt beobachtet eine steigende Nachfrage nach Kanti-Vorbereitungskursen: «Die Eltern wollen ihren Kindern möglichst viele berufliche Möglichkeiten offenhalten», sagt sie. Ein Vorteil privater Schulen seien vor allem die kleinen Klassen. «Dadurch können wir besser auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen.»

Von einem stetigen Wachstum spricht auch Christian Frischknecht, Geschäftsführer des Impuls Nachhilfezentrums. Es gehört zu den Pionieren in der Region und bietet seit über 20 Jahren an mittlerweile zwölf Standorten in der ­ganzen Ostschweiz Nachhilfekurse an. Frischknecht sieht für die Beliebtheit der Kurse noch weitere Gründe. Zum Teil seien schulinterne Angebote in den vergangenen Jahren gekürzt oder gestrichen worden. Häufig hänge es zudem von der Initiative einzelner Sekundarlehrer ab, ob Schüler gezielt auf die Kantiprüfungen vorbereitet würden.

Private Nachhilfe ist jedoch nicht ­gerade günstig. Bei Lernstudio kostet ein 22-wöchiger Vorbereitungskurs fürs Langzeitgymnasium 3940 Franken. Unterrichtet wird in Kleingruppen mit bis zu sechs Schülern. Beim Impuls Nachhilfezentrum kostet ein Abo mit 24 Doppellektionen Einzelunterricht 3500 Franken, in der Kleingruppe die Hälfte. Astrid Marquardt von der Firma Lernstudio glaubt nicht, dass die Kosten wirtschaftlich schlechter gestellte Familien ausschliessen. «Wir haben Kunden aus allen Schichten», sagt sie.

Auch Christian Frischknecht unterrichtet neben Schülern aus gutsituierten Familien auch viele Kinder mit Migrationshintergrund. «Solche Familien schränken sich stark ein, damit sie die Schulgebühren bezahlen können.» Als Staatsbürger finde er dies eher störend, als Nachhilfeanbieter profitiere er allerdings vom Wunsch nach einer möglichst guten Ausbildung.

Nicht alle Oberstufen bieten eigene Kurse an

Während die Anbieter selbst von einer steigenden Nachfrage sprechen, ist das St.Galler Bildungsdepartement skeptisch. «Wir konnten bislang nicht feststellen, dass immer mehr Kinder solche Kurse besuchen», sagt Tina Cassidy, Leiterin des Amts für Mittelschulen. Das Potenzial im Kanton St.Gallen ist aus ihrer Sicht begrenzt. «Denn viele Oberstufen bieten bereits eigene Kurse an.» Aus dem Kanton Zürich wisse man ausserdem, dass vor allem Schüler vor Eintritt in ein Langzeitgymnasium solche Vorbereitungskurse besuchten, sagt Cassidy. Im Kanton St.Gallen gebe es hingegen lediglich an der Kantonsschule am Bruggraben ein Untergymnasium mit nur zwei Klassen.

Tina Cassidy begrüsst es, wenn Oberstufen eigene Kanti-Vorbereitungskurse anbieten. «Das ist auch ein Ausdruck von Chancengleichheit.» Genaue Zahlen darüber hat das Bildungsdepartement allerdings nicht. Denn ob eine Sekundarschule solche Kurse anbietet, liegt in der Kompetenz der jeweiligen Gemeinde. Cassidy betont, dass der Unterricht und die Prüfungsvorbereitungen in der Volksschule die Schülerinnen und Schüler ausreichend auf die Kantonsschule vorbereiten sollten. «Es kann nicht das Ziel sein, dass man nur mit einem privaten Nachhilfekurs die Prüfungen besteht.»

Grösserer Druck in restriktiven Kantonen

Die letzte repräsentative Untersuchung zum Thema Nachhilfe stammt aus dem Jahr 2012. Damals stellten Bildungs­forscher fest, dass die Nachfrage nach bezahltem Nachhilfeunterricht in der Schweiz zwischen 2009 und 2012 um zehn Prozent gewachsen war. Er gehe davon aus, dass sich dieser Trend in der Zwischenzeit fortgesetzt habe, sagt ­Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Wolter ist Herausgeber des Schweizer Bildungsberichts 2018, der kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Gemäss Bildungsbericht gibt es einen Zusammenhang zwischen privater Nachhilfe und den unterschiedlichen Aufnahmebedingungen der Kantone. So liegt in Genf, Basel-Stadt und im Tessin die gymnasiale Maturitätsquote bei über 30 Prozent, in den Kantonen St.Gallen und Thurgau hingegen besuchen nur knapp 14 Prozent der Jugendlichen ein Gymnasium (siehe Grafik unten). In Kantonen mit einer tiefen Maturitätsquote werde bezahlte Nachhilfe viel häufiger in Anspruch genommen, weil es eine grössere Konkurrenz um weniger Plätze gebe, sagt Wolter. «Selbst gute Schüler haben keine Garantie, dass sie den Übertritt schaffen.»

Tiefe Maturitätsquote in der Ostschweiz

Gymnasiale Maturitätsquote nach Wohnkanton, in Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung, 2015.
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Zwar begrüsst Wolter, dass sich unter diesen Bedingungen niemand zurücklehnen könne. Unter dem Strich findet er das relative Wettrennen jedoch schlecht. Es könne nicht Ziel sein, einfach besser als die Klassenkameraden abzuschneiden. Die Kantone kommunizierten zurzeit zu wenig transparent, welche Fähigkeiten jemand benötige, um die Aufnahmeprüfung zu schaffen. «Wir brauchen keine fixen Aufnahmequoten», sagt Wolter. Wenn ein Schüler gewisse Kompetenzen erfülle, sollte er auch Zugang zu einem Gymnasium erhalten.

Dopingmittel Nachhilfe wirkt nicht immer

Besonders häufig nehmen laut Bildungsbericht Jugendliche aus privilegierten Elternhäusern bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Gefährdet also die Nachhilfe-Industrie die Chancengleichheit? Zumindest die Wissenschaft findet keine Anhaltspunkte für einen Verdrängungseffekt. «Nicht die teure Nachhilfe, sondern die Bildungserwartungen der Eltern geben den Ausschlag», sagt Wolter. In anderen Worten: Arbeiterfamilien planen für ihre Kinder eine Zukunft, die eher den eigenen Erfahrungen entspricht. Viele Akademikereltern hingegen wünschen sich, dass ihre Kinder ein Gymnasium besuchen – auch wenn sie die dafür notwendigen Anforderungen nicht erfüllen. Dies führe dazu, dass «die nicht besetzten Plätze der Jugendlichen aus benachteiligten Familien von jenen aus privilegierten Familien ein­genommen werden», heisst es im Bildungsbericht.

Erhebliche Zweifel hat Bildungsökonom Wolter bezüglich der Wirksamkeit der Kanti-Vorbereitungskurse. Oft sei Nachhilfe ein Dopingmittel, das den Schülern zwar kurzfristig den Zugang zum Gymnasium sichere – jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. So hätten Studien nachgewiesen, dass Nachhilfeschüler ein höheres Risiko haben, später einzelne Jahre zu repetieren oder das Gymnasium vorzeitig verlassen zu müssen. «Oft überlegen sich Eltern zu wenig, welche guten Alternativen es zu einen Kanti­besuch gibt.»

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