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VOR GERICHT: Kein Raser

Jan Ullrich kann zufrieden sein. Zwar erhöht das Gericht das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass, aber er ist froh, ist nun alles vorbei. Erklärungsbedarf hat nach dem Prozess aber die Richterin.
Peter Exinger
Jan Ullrich wird von etwa zwei Dutzend Journalisten vor dem Gerichtstermin in Weinfelden empfangen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Jan Ullrich wird von etwa zwei Dutzend Journalisten vor dem Gerichtstermin in Weinfelden empfangen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Peter Exinger

peter.exinger@thurgauerzeitung.ch

Der Prozess gegen Jan Ullrich benötigte nach dem gescheiterten abgekürzten Verfahren vom Juli 2015 gestern sogar zwei Anläufe. Zuerst wollte Richterin Claudia Spring die versammelten Journalisten nicht in den Gerichtssaal im zweiten Stock des Weinfelder Rathauses lassen. Die fünfzehn Berichterstatter sollten mit einer unscharfen Bildübertragung im Rathaussaal abgespeist werden. Die Tonübertragung war derart miserabel, dass niemand der Anwesenden auch nur einen halben Satz verstanden hat.

Auf heftigen und begründeten Protest von SRF-Regionaljournal, der SDA und dem Berichterstatter unserer Zeitung wurde der Prozess samt Übertragung gestern um 13.39 Uhr unterbrochen. Um dann schliesslich zwölf Minuten später wieder aufgenommen zu werden, als alle akkreditierten Journalisten im Gerichtsaal Platz genommen hatten. Ohne Entschuldigung für diese Vorkommnisse eröffnete die Vorsitzende Richterin Claudia Spring nun zum zweiten Mal den Prozess.

Fahren mit Medikamenten im Blut

Jan Ullrich war als Radrennprofi ein Hochleistungssportler – deswegen fällt es weniger ins Gewicht, wenn er mit 1,85 Promille Alkohol im Blut als Autolenker unterwegs sei. Meint er. Auch rauschte zusätzlich noch nachgewiesenermassen Diazepan, ein Psychopharmakawirkstoff, in seinen Blutbahnen. Ausserdem Fluoxetin, ein Antidepressivum, sowie Temazepan, ein Schlafmittel. Als sich Ullrich an seinem «schwarzen Montag» im Mai 2014 hinters Steuer seines «Audi Quattro RS6 Avant» setzte, hatte er in den Stunden davor umgangssprachlich «mächtig getankt», mehrere Flaschen Weisswein verkostet. Die Wirkstoffe der Medikamente stammen noch vom Vortag, sagt er.

In der Nähe von Mattwil war er laut Gutachten wahrscheinlich mit mindestens 132 km/h unterwegs, als er auf die Kreuzung zweier Kantonsstrassen zusteuerte. Er crashte in den auf seiner Fahrbahn stehenden Citroen und Sekundenbruchteile später frontal in einen Alfa Romeo. «Das war ein Fehler. Und es tut mir sehr leid», sagt mit leiser Stimme Jan Ullrich vor Gericht – er laboriert zurzeit an einer akuten Angina. Der Prozess an diesem regnerischen Nachmittag fällt kurz und einigermassen knapp aus. Nach einer kurzen Befragung des Angeklagten durch die Richterin – Jan Ullrich gab abermals alle ihm vorgeworfenen Tatbestände zu und sprach vom «grossen Glück, dass niemand ernsthaft verletzt worden ist» – kamen Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu Wort. Kurz: Die Anklage fordert wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln sowie des mehrfachen vorsätzlichen Fahrens im fahrunfähigen Zustand 17 Monate bedingt auf 4 Jahre sowie Verhängung einer Busse in der Höhe von 10000 Franken samt Überwälzung der Verfahrenskosten.

Die Verteidigung erhebt grosso modo keine Einsprüche. Sie bittet aber das richterliche Dreiergremium (mit Erwin Tschopp und Otto Brunner) die Mehrkosten für das notwendig gewordene zweite Gutachten nicht ihrem Mandanten anzurechnen.

Das Gericht spricht von «verwerflichem Verhalten»

Es hat bereits zu regnen aufgehört, als das Gericht ein härteres Urteil als erwartet bekannt gibt: 21 Monate Freiheitsstrafe, bedingt auf 4 Jahre Bewährung. Jan Ullrich muss eine Busse von 10000 Franken berappen und bekommt die gesamten Verfahrenskosten von 27121,55 Franken auferlegt. In ihrer Begründung spricht Claudia Spring von «verwerflichem Verhalten» des Angeklagten, der dazu zustimmend nickt.

Jan Ullrich wäre froh um jeden Urteilsspruch gewesen – so hat es den Anschein. Ob er gegen das Urteil berufen wolle, wird er nach Verlassen des Gerichtssaales gefragt: «Nein. Sicher nicht.» In ein paar Stunden wird er der Schweiz wieder per Flieger den Rücken kehren: Der Verurteilte wohnt mittlerweile auf Mallorca.

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