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Vor den Wahlen im Kanton St.Gallen: Die Werdenberger - ein knorriges Volk

Empfindsame Bergler und ein Bilderbuch-Städtli als Namensträger: Der Wahlkreis Werdenberg hat viele Facetten.

Christoph Zweili
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Bild: Nik Roth

Mitten im undefinierten Siedlungsbrei, gerade noch auf Grabser Boden und nur wenige Meter vom Buchser Ortsschild entfernt, liegt das Winzig-Städtli Werdenberg – als stammte es aus einer Parallelwelt, als hätte ein Zauberer es hier geschaffen. Früher haben hier Reisebusse aus aller Welt im Sommer die Touristen ausgespuckt – während der Chauffeur mit einem Bunsenbrenner seine Wienerli sott, klickten die Kameras der Reisenden. Auch heute noch stehen Neugierige plötzlich in den Stuben der Einheimischen – in der Meinung, sie seien zu Gast in einem Museumsdorf, geöffnet von 10 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr.

Doch der Eindruck täuscht. Das Städtli, das dem Wahlkreis seinen Namen gibt, lebt. Hier wohnen junge Familien mit ihren Kindern, gibt es eine Töpferin, eine Goldschmiedin – und eine Beiz, in der sich die Städtlibewohner jeden Sonntag um 16 Uhr zum Bier treffen. Ganz am Ende der Dorfstadt ist das Schlangenhaus mit dem Regionalmuseum zu finden, zuoberst thront das Schloss. Jeweils mittwochs um 11 Uhr kommt Martin, der Gemüsemann mit seinem Wagen, dann ratschen und tratschen die Bewohner im breiten Werdenberger Dialekt auf dem kleinen Marktplatz – wie früher. Nur, dass sich für den Milchmann die Fuhre nicht mehr lohnt und dass es die Poststelle ennet dem See, die Bank, das Heimatwerk und den Lebensmittelladen beim Städtli nicht mehr gibt.

Vom «Altersheim von Grabs» zum Kulturplatz

Es ist noch nicht lange her, da haben sie es als das «Armenhaus von Grabs» verspottet: Heute sind die Werdenberger stolz auf ihr Wahrzeichen – ihren Platz für Kultur, wenn auch vielen zu elitär. Die Oper «Carmen» im August wird schon der zweite Versuch sein, die Kunst herunter zu holen. Hier spazieren am Wochenende die Einheimischen rund um das Seeli, füttert der Nachwuchs Schwäne und Enten. Ein Vierteljahrhundert schon wohnt der Oberrieter Kuno Bont mit seiner Frau hier – ein baufälliges Haus mit 150 Zentimeter dicken Mauern hat der ehemalige Chefredaktor des «Werdenberger & Obertoggenburger» gekauft und innen renoviert: Der älteste Balken wurde im Herbst 1232 geschlagen. «Villa Kunterbunt» nannten es die Handwerker, als sie fertig waren.

Kuno Bont.

Kuno Bont.

Bild: PD

Wer hier lebt, lebt im Idyll. Und ist – selbst als Zugezogener – Teil eines Klischees, das von vielen blumigen Titeln genährt wird: «Werdenberg, die kleinste Stadt der Welt», «Die intimsten Festspiele in der kleinsten Festspielstadt der Welt», «Die älteste Holzsiedlung der Schweiz». Letzteres grenzt an ein Wunder: Das nationale Denkmal wurde nie von kriegerischen Horden heimgesucht und hat auch noch nie eine Feuersbrunst gesehen - weder der wilde Föhn im Rheintal noch Sturmtief «Sabine» konnten dem Städtli etwas anhaben. «Wir leben aber in ständiger Angst vor dem Feuer», sagt Bont, der selber auch mit Holz heizt.

Manchmal, wenn der Geruch nach Feuerholz über dem Städtli liegt, sehnt er sich nach dem Torfgeruch auf der grünen Insel: Irland ist sein zweiter Inspirationsort. Jeden Abend vor dem Schlafengehen werden im Städtchen daher noch ein letztes Mal die Öfen kontrolliert. Schilder am Eingang zum Städtli und beim Durchgang zum See sagen allen Besuchern eine «Rauchfreie Zone» an – das ist zwar nicht gesetzeskonform, aber als Warnung gemeinhin verständlich. Denn: Im Städtli gibt es keine Feuermelder und keine Löschanlage – dem Grabser Gemeinderat waren sie zu teuer, ihre Anschaffung wäre daher alleinige Sache der Hausbesitzer, trotz nationalem Denkmalschutz.

Knorrige Bergler mit Elefantengedächtnis

Bei gutem Wetter ist vom Marktplatz im Städtli aus der Margelchopf zu sehen, der 2163 Meter hohe Hausberg der Grabser, der von hier aus fast wie das Matterhorn aussieht. Was für die Rheinholzer der Rhein, das sind für die Werdenberger Margelchopf, Gamsberg und Alvier.

Dokumentarfilmer Bont rät, hinter die anmutigen Fassaden zu schauen, um den hiesigen Menschenschlag zu verstehen. Der Wahlkreis stehe nicht still, sagt der 67-Jährige.

«Es gibt einen Drang zur Entwicklung. Auch wenn ich mir manchmal wünschte, die Werdenberger würden mutiger auftreten.»

Hier leben knorrige Menschen, die vom Talgrund rasch ein paar Schritte in die Höhe gehen, um sich die Füsse zu vertreten. Es sind empfindsame, eher schwerfällige Bergler, die nicht gleich beim ersten Witz eines ortsfremden Stadtschnösels lachen. Sie machen lieber die Faust im Sack, als gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. «Und sie haben ein Elefantengedächtnis», sagt Bont. Ab und zu werde dann eben bei Wahlen abgerechnet.

Gute Nachbarschaft mit den Fürstentümlern

Der Werdenberger ist in der Regel parteitreu, panaschiert wird wenig im Wahlkreis. Platzhirsch war traditionellerweise die FDP, mittlerweile ist die SVP stärker. Beide sind allerdings mit je drei Sitzen im Kantonsrat vertreten. Ausreisser gibt es auch: Das katholische Gams, die einzige CVP-Gemeinde. Und natürlich den roten Farbklecks auf der politischen Landkarte: Die städtische Gemeinde Buchs, die von 1986 bis 2000 schon einen Regierungsrat gestellt hatte, aktuell immerhin noch einen von zwei SP-Gemeindepräsidenten im Kanton. Der Wahlkreis ist stark reformiert geprägt: Bis 2016 stellte er stets einen EVP-Kantonsrat - ein Sitz, den die Partei im März unbedingt zurückerobern möchte.

Neugier, Forschungsdrang und Entdeckergeist sind auch an der NTB Interstaatlichen Hochschule für Technik Buchs zu finden. Der Teilstandort der Fachhochschule Ost zählt zu den renommiertesten technischen Hochschulen der Schweiz. Das benachbarte Fürstentum Liechtenstein gehört zu den Mitbegründern des ehemaligen «Neu-Technikums Buchs». Genauso wie viele Werdenberger nach Liechtenstein zur Arbeit pendeln, bringen die meisten Liechtensteinerinnen ihre Kinder im Spital Grabs zur Welt. Ob das so bleibt, wissen die Götter: Die Fürstentümler wollen wieder eine eigene Geburtenstation führen. Gebaut ist noch nichts.

Von Wartau im Süden bis Sennwald im Norden sind es rund 25 Kilometer. Der Zusammenhalt im ländlichen Grabs ist grösser als im städtischen Buchs, aber Werdenberger sind sie alle. Verblüffend ist die Bandbreite der Mundarten: «Etwas» ist «ötschis» in Grabs und weiter südlich, «Knie» und «Schwein» heissen «Chnöü» und «Sou» in Grabs und weiter südlich, jedoch «Chnüü» und «Suu» weiter nördlich. «Stein» ist «Schtoa» in Sennwald, «Schtääi» in Grabs, «Schtäi» in Buchs und «Schtoi» in Wartau. Hier finden sich mit den Dörfchen Fontnas und Gretschins auch die nördlichsten romanischen Ortsnamen. Im Singsang der Wartaue sagt man «Agger» wie der Toggenburger oder der Rheintaler. Oder man sagt «Brenta» für das hölzerne Milchgeschirr, ein Wort romanischen Ursprungs.

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