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Vor den Wahlen im Kanton St.Gallen: Die stotternde Hauptstadt

Der Wahlkreis St.Gallen ist der grösste im Kanton. Doch die Stadtregion zieht nicht als metropolitaner Motor, wie sie eigentlich sollte.

Marcel Elsener
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Der Winter dauert hier länger: St.Gallen mit Hauptbahnhof, Fachhochschule und Lokremise.

Der Winter dauert hier länger: St.Gallen mit Hauptbahnhof, Fachhochschule und Lokremise.

(Bild: Urs Bucher, 13. Februar 2019)

«St.Gallen spielt Stadt.» Der Satz fiel an der rappelvollen Kinok-Bar, ein Filmregisseur zu Gast, ausverkaufter Saal, viel Betrieb im Restaurant. Die Aussage einer Besucherin war nicht spöttisch gemeint, sondern drückte das Erstaunen über ein Kulturlokal aus, wie es das nur in St.Gallen gibt. Tatsächlich wirkt die Lokremise als Ort selten gelebter Urbanität in einer Stadt, die immer wieder mit ihrer städtischen Identität hadert.

Wenn sich die Hauptstadt einmal etwas grösser macht, wird das im ländlichen Kanton skeptisch beobachtet oder schlicht abgelehnt. Legendär die Abneigung von SVP-Chefbauer Toni Brunner gegen die Lokremise. Er sieht sie nicht als Ort für Kino, Theater und Kunst, sondern als «überflüssige, staatlich finanzierte Konkurrenz für das städtische Gastgewerbe», wie er sagte: «Ich habe noch nie einen Fuss in das Haus gesetzt und werde es auch nie tun.»

Serie: Unsere Wahlkreise

Am 8. März wählt der Kanton St.Gallen Regierung und Parlament. Er ist in acht Wahlkreise aufgeteilt, denen der Bevölkerungszahl entsprechend unterschiedlich viele Sitze im Kantonsrat zustehen. Vor der Wahl stellt unsere Zeitung sämtliche acht Wahlkreise in einer Serie vor. Was bewegt das Sarganserland? Was macht das Toggenburg aus? Wohin mit der Region Rorschach? Unsere Redaktion beleuchtet die politischen Regionen des Ringkantons.

Zuletzt galt der Angriff der SVP dem Theater, das als elitäres Stadttheater gebrandmarkt wurde. «Der Büezer im Toggenburg oder Sarganserland finanziert jeden Theaterbesuch der deutschen Professorengattin mit über 140 Franken mit.» Die Polemik mit dem Stadt-Land-Graben verfing indes nicht: 62 von 77 Gemeinden stimmten der Theatersanierung zu, und Stadtpräsident Thomas Scheitlin (FDP) freute sich über das «solidarische Verständnis», das im Ringkanton «besonders anspruchsvoll und wichtig» sei.

Mit Würfen tut sich die Gallusstadt schwer

Ein gutes Zeichen für künftige kantonale Projekte in der Stadt – wie den HSG-Ausbau am Platztor, meinte Scheitlin und räsonierte: «Investitionen in Projekte von überregionaler Bedeutung sind Investitionen in den Wirtschafts- und Lebensraum Ostschweiz.» Damit benannte er ein Kernproblem der Hauptstadt, das sie sich aber oft genug selber einbrockt. Ihre überregional bedeutenden Projekte harzen nicht nur wegen der SVP oder ländlicher Interessen, sondern wegen eigener Unzulänglichkeiten und Selbstzweifel.

In der Stadtfalte im Hochtal der Steinach tut man sich schwer mit städtebaulichen Würfen. Exemplarisch zeigt sich dies nördlich des Hauptbahnhofs, wo eine Brache zwischen Lokremise und Fachhochschule an bester Lage zum Parkplatz-«Providurium» geworden ist. Wenn es in direkter Umgebung um den Erhalt einer alten Stadtvilla oder eines populären Spanierlokals geht, toben epische Auseinandersetzungen, derweil ein sizilianischer Kiosk als Inititalzündung zur weiteren Entwicklung an komplizierten Verhältnissen scheitert. Ein anderes, weitherum verlachtes Beispiel ist die Gestaltung des Marktplatzes: Im Mai steht nach zwei gescheiterten Anläufen und aufwändigem Partizipationsprozess die dritte Volksabstimmung an.

Den Eindruck einer zögerlichen Stadtentwicklung und mangelnden Dynamik teilen linke und liberale Kräfte. St.Gallen sei eine «lahme Ente», rief kürzlich der ehemalige kantonale Standortförderer Remo Daguati und forderte einen «Marshall-Plan» namentlich für die S-Bahn. Derweil veranstaltete die SP einen Workshop zur Nutzung frei werdender Verwaltungsbauten, was den Stadtblogger Marcel Baur am guten Willen des Kantons und dem Gewicht der Stadtvertreter im Kantonsrat zweifeln liess.

Biederes Image und kleines Selbstbewusstsein

Das «lächerliche Schwarz-Peter-Spiel» zwischen Stadt und Kanton mit der Folge gegenseitiger Blockaden gibt auch dem langjährigen Bundeshaus-Fernsehjournalisten und «Föbü» (Ehren-Födlebürger) Hanspeter Trütsch zu denken. Die Ostschweizer Metropole verharre als «Gare Terminus» mit Olma- und Bratwurst-Image und drohe mangels Gestaltungswillen im Schweizer Standortwettbewerb zu verlieren. So habe St.Gallen eine Tramstudie fahrlässig auf Eis gelegt, derweil man – wie es Bern vormachte – gezielt Bundesgelder hätte abholen können.

Ein «Trauerspiel» seit 30 Jahren auch die Bahnhofbrache St.Fiden, die andere Städte längst entwickelt hätten. Generell trete die Region gegenüber Bundesbern zuwenig geschlossen auf, sagt Trütsch. Und ihre eidgenössischen Institutionen wie die Empa oder das Verwaltungsgericht spielten eine zu kleine Rolle. Was auch für die HSG gelte: Ihr unbestritten hohes Ranking beflügle die Stadt ungenügend, «man geht nicht abends an die Uni». Schliesslich gäbe es beim Unesco-Weltkulturerbe, das eher lähmt als belebt, «noch Luft nach oben».

Statt ständig die Randlage zu beklagen und «hilflos-naive» Mottos wie «St.Gallen kann es» zu bemühen, sollte die Stadtregion mit ihren 120000 Einwohnerinnen und Einwohnern – Gossau als viertgrösste Stadt im Kanton sowie Gaiserwald und Wittenbach eingerechnet – ihre Grenznähe offensiv vermarkten. Gegen die «Schifflisticker-Mentalität» des «Wa choschts?» und «Me sött halt» hälfe Anpacken: «St.Gallen täte gut daran, mehr Lust an positiver Provokation zu entwickeln», meint Trütsch und spitzt zu: «Verwaltung abbauen, Gestaltung aufbauen.»

Freilich hat die Stadtregion einige Trümpfe, wie die überschaubare Grösse, den günstigen Wohnraum und das vielfältige kulturelle Angebot. Trütsch streicht sie ebenso heraus wie eine junge Rückkehrerin: Claudia Bühler ist nach einem Fotografiestudium in Berlin in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wo sie im Palace mitarbeitet und Kunstfestivals in Zwischennutzungen organisiert. Im Vergleich mit ähnlichen deutschen Städten biete St.Gallen einen «doppelt so spannenden kulturellen Nährboden». Zwar sei das Fehlen einer Uni mit Geisteswissenschaften sowie einer Kunstschule «wirklich ein Problem» und ein Grund für den anhaltenden «Brain Drain». Doch müsse die Stadt ihre alten Bauten und Brachen lustvoller nutzen: «Stadt ist dort, wo Leben stattfindet, über das Funktionale hinaus.» Freilich gehe es, «von Velostadt keine Spur», auch um Velowege.

In der Stagnation ein Lob des Stillstands

Hundert Jahre nach der Stickereikrise taugt die Ausrede der «kollektiven Depression» nicht mehr, die geforderte Dynamik verspricht neue IT- und Med-Tech-Jobs. Darüber ist man sich in fast allen Lagern einig, doch zwischen radikalem und sanften Umbau liegen Welten: Den Turbo-Arealentwicklern halten Wachstumskritiker die «Chancen des Stillstands» entgegen, wie das Magazin «Hochparterre» titelte und Freiräume statt Immo-Investments vorschlug: «St.Gallen kann zum Modell einer Stadt werden, die in der Stagnation zu neuer Schönheit findet.»

Die Identitätsdebatte in der «Stadt im grünen Ring» und ihrem – virtuell konstruierten – Wahlkreis ist neu lanciert. Speziell dessen «Westquartiere» Winkeln und Gossau hätte die vom Volk abgelehnte Ostschweizer Expo 2027 Impulse gegeben. Umso mehr setzt die Stadt auf die Städte-Expo; Konturen sind im Herbst versprochen, dann liegt auch die Wohnraumstrategie vor. Zeichen der Hoffnung, dass St.Gallen dereinst nicht nur Stadt spielt, sondern eine Stadt ist, garament Grossstadt.