Serie

Vor den Wahlen im Kanton St.Gallen: Das kämpferische Transitland – der Wahlkreis Sarganserland im Porträt

Das Sarganserland ist trotz vieler Berge offen. Nur gegenüber St.Gallen gibt es Vorbehalte – aktuell besonders heftige.

Regula Weik
Drucken
Teilen
Blick von der Anhöhe ins Tal und Richtung Sargans

Blick von der Anhöhe ins Tal und Richtung Sargans

Bild: Nik Roth

Wer von St.Gallen ins Sarganserland reist, fährt auf eine Wand zu. In diesen Tagen eine freundlich-helle. Der Pizol ist frisch eingeschneit. Von Bad Ragaz windet sich die Strasse den Berg hoch. In der ersten Haarnadelkurve grüsst ein farbiges Zebra von der Felswand. Eine Wahlwerbung der Grünliberalen.

In Pfäfers wartet Axel Zimmermann. Wer sich im Dorf nach dem Gemeindehaus erkundigt, outet sich als ortsfremd. Der Gemeindepräsident von Pfäfers regiert im Rathaus. Seit dreieinhalb Jahren steht Zimmermann der Gemeinde vor. Zuvor hatte er 16 Jahre als Reporter für den «Sarganserländer» gearbeitet. Die Tür zum Chefbüro steht offen. «Hier redet man noch miteinander, ohne Umschweife und Umweg.» Eine einzige anonyme Zuschrift hat Zimmermann in seiner bisherigen Amtszeit erhalten.

Die Wölfe und die Brücke

Zwei Ereignisse rückten die Gemeinde in den vergangenen Jahren ins Rampenlicht. Die Wölfe und die Brücke. Um die Wölfe ist es ruhig geworden. Bis vor kurzem, als zwei Tiere im Skigebiet Flumserberg über die Piste streiften.

Skigebiet Flumserberg

Skigebiet Flumserberg

Bild: Nik Roth

Und die Brücke? Ein Tal, eine Gemeinde, zwei Welten. So funktionierte die flächenmässig zweitgrösste Gemeinde im Kanton, so funktionierte das Taminatal bis zum Sommer 2017, bis zur Eröffnung der Verbindungsbrücke. Die einstigen Skeptiker auf beiden Talseiten haben sich längst mit dem eleganten Bauwerk versöhnt. Die anfänglichen Wettrennen von Autofahrern über die Brücke hat die Polizei rasch gestoppt.

Taminabrücke - die anfänglichen Skeptiker auf beiden Talseiten haben sich mit dem Bauwerk versöhnt.

Taminabrücke - die anfänglichen Skeptiker auf beiden Talseiten haben sich mit dem Bauwerk versöhnt. 

Bild: Michel Canonica (Juni 2017)

Einst die Autobahn, dann die Armee, nun das Spital

Rasend schnell brettern die meisten Zürcher und St. Galler auch durchs Sarganserland – auf der Autobahn Richtung Süden. Das Sarganserland ist Transitland. Dabei ist es am Ufer des Walensees, Föhn sei dank, oft ebenso warm wie in Ascona, Verona oder Genua.

Für die Autobahn hatte die Region einst gekämpft, genauso wie für den Erhalt der Armeeeinrichtungen, die Kantonsschule und die Berufsschule in Sargans. Heute tut sie es erneut, diesmal wegen der angedrohten Schliessung des Spitals Walenstadt.

Im Taminatal finden sich kaum kämpferische Stimmen für das hiesige Spital. Pfäfers sei viel näher an Chur als an Walenstadt, erklärt Zimmermann. Und das Spital Grabs? «Dorthin geht kein Sarganserländer», sagt Guido Städler, ehemaliger Lehrer, Ehrenpräsident der Talgemeinschaft Sarganserland-Walensee und seit Jahrzehnten in Walenstadt wohnhaft. Für ihn ist die Spitalfrage eine Schicksalsfrage für die Region. Spitalverwaltungsrat und Regierung spielten ein gefährliches Spiel, sagt er. Sie riskierten eine Spaltung des Kantons und torpedierten die Bemühungen der vergangenen 50 Jahre, das Sarganserland und St. Gallen zusammenzukitten.  

Die Debatte ist emotional. Doch es geht um mehr, um Arbeitsplätze. Die Gesundheitsbranche ist mit der Psychiatrischen Klinik Pfäfers, den Rehakliniken Valens und Walenstadtberg und dem Spital Walenstadt der Hauptarbeitgeber im Sarganserland.

Die grösste Kluft ist der Steuerfuss

«Eigentumswohnungen zu verkaufen», «Neue Mietwohnungen, Bezug ab Sommer 2020», «Suchen Sie etwas Besonderes? Wir planen neue Lofts». Zwischen Mels und Bad Ragaz ragen überall Baukräne in den Himmel. Das Sarganserland ist gefragte Wohnlage bei Pendlern nach Zürich. Städler sagt:

«Wir geraten immer stärker
in den Sog von Zürich.»

Die Bodenpreise sind wacker angestiegen. Und wie viele pendeln aus dem Sarganserland nach St.Gallen? Wenige. Zahlreiche arbeiten im Werdenberg oder im Fürstentum. Doch über Buchs hinaus – nein, danke.

Von einer grossen Zerrissenheit des Sarganserlands mag niemand reden. Seine unterschiedlichen Orientierungen haben möglicherweise auch damit zu tun, dass der Region ein Zentrum fehlt. Sargans, Sitz vieler regionaler Institutionen, ist es historisch.

Mels aber ist am bevölkerungsstärksten. Als der «Blick» einmal «Mels bei Sargans» schrieb, war Feuer im Dach. Das Gerangel der beiden Orte amüsiert Auswärtige wie Einheimische, mehr oder weniger. Ein Hauch von Urbanität fehlt der Gegend jedoch nicht: Walenstadt nennt sich ganz offiziell Städtchen. Für Internationalität sorgt das Grand Resort Bad Ragaz.

Alphütten und Luxussuiten

Im Sarganserland treffen unterschiedliche Welten auf engem Raum aufeinander. Pfäfers ist Alpwirtschaft, Wälder, Wasserkraft, Ringelspitz. «Wir sind die einzige St.Galler Hochgebirgsgemeinde mit einer Erhebung von über 3000 Metern», sagt denn auch der Gemeindepräsident. Bad Ragaz ist Luxus und Glanz, geschätzt von der ehemaligen Top-Tennisspielerin, dem Ex-Regierungschef, den WEF-Besuchern und den Bundesliga-Fussballern. Zimmermann sagt:

«Die grösste Kluft zwischen Pfäfers und Bad Ragaz ist der Steuerfuss. »

Gut 90 Prozent ist er unten im Tal, über 140 oben am Berg.  

Einer ist am Sonntag überzählig

Heidi Hanselmann, Gesundheitschefin und Vertreterin des Sarganserlands in der St.Galler Regierung, hat auf Sommer ihren Rücktritt erklärt.

Heidi Hanselmann, Gesundheitschefin und Vertreterin des Sarganserlands in der St.Galler Regierung, hat auf Sommer ihren Rücktritt erklärt.

Bild: Alessandro Della Valle / KEY

Politisch steht das Sarganserland nicht in der ersten Reihe. Seit der Abwahl von Nationalrat Elmar Bigger 2011 ist es in Bern nicht mehr vertreten. Bald wird es auch in der Pfalz fehlen; Regierungspräsidentin und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann hat auf Sommer den Rücktritt erklärt. Und die Delegation des Wahlkreises im Kantonsparlament wird nach den Wahlen geschwächt sein – numerisch.

Dem Wahlkreis stehen zehn Sitze zu. Mit dem Zuzug von Erich Zoller als Gemeindepräsident von Quarten ist die Vertretung auf elf angewachsen (4 SVP, 3 CVP, 2 FDP, 1 SP, 1 GLP). Da alle Bisherigen wieder antreten, ist bereits heute klar: Mindestens einen Verlierer wird es geben.

Längst hat die SVP die frühere Hausmacht, die CVP, als stärkste politische Kraft abgelöst. Das Sarganserland gilt als bodenständig-konservativ. Weit und breit gibt es keine Gemeindepräsidentin. Wohl aber Secondos. Dem Ortsgemeindevorstand von Valens-Vasön gehört Milan Odanovic an, dem Gemeinderat von Vilters-Wangs Nirosh Manoranjithan. Er rückte die Region kürzlich ungewollt in den Fokus: Der Freisinnige wurde Opfer einer rassistischen Entgleisung an der Fasnacht in Wangs.

Unerwarteter Geldsegen Nr. 2

Wenige Tage später war der Gemeinde erneut breite Aufmerksamkeit gewiss: Ein Einwohner ernannte sie zur Alleinerbin und vermachte ihr 1,2 Millionen Franken. Es ist bereits der zweite unerwartete Geldsegen. 2018 hatte sie von einem Ehepaar 8 Millionen Franken geerbt. Spätestens jetzt kapieren St. Gallerinnen und St.Galler: Es lohnt sich, das Sarganserland pfleglich zu behandeln. Die Region ist Gold wert.

Der Wahlkreis Sarganserland in Zahlen

Gemeinden: Bad Ragaz, Flums, Mels, Pfäfers, Quarten, Sargans,
Vilters-Wangs, Walenstadt
Sitze im Kantonsrat: 10
Stärkste Partei: SVP (2016: 4 Sitze)
Ständige Wohnbevölkerung: 40 714
Ausländeranteil: 20,5 Prozent
Bevölkerungsdichte: 78,6 Einwohner/km2
Höchster Punkt: 3247,0 m. ü. M. (Ringelspitz, Pfäfers)
Tiefster Punkt: 419,5 m. ü. M. (Teurenchopf, Quarten)
Durchschnittsalter: 42,2 Jahre
Beschäftigung: 14 977 Vollzeitäquivalente
Steuerkraft: 2004 Franken/Einwohner

Quelle: Kanton St. Gallen

Mehr zum Thema