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Vor den Wahlen im Kanton St.Gallen: Das gespaltene Tal – der Wahlkreis Toggenburg im Porträt

Hochburg der SVP, geschundene Randregion, aufstrebende Tourismusdestination: Wie das Toggenburg den Anschluss nicht verlieren will.

Noemi Heule
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Zeugen der Boomzeit: Die Heberlein-Hochhäuser bei Wattwil strecken sich in Richtung Churfirsten empor.

Zeugen der Boomzeit: Die Heberlein-Hochhäuser bei Wattwil strecken sich in Richtung Churfirsten empor.

Michael Szoenyi / IMAGEBROKER

Kein Tal, nein zwei Täler, stellt jeder Toggenburger sofort klar, wenn es um seine Heimatregion geht. Thur oder Necker, Papst oder Zwingli, CVP oder FDP: Das Toggenburg ist gespalten, in der Geografie, in der Konfession, lange Zeit auch in der Politik. Bis die SVP kam.

Wer sich heute eine Wählerkarte ansieht, sieht keine Zweiteilung, sondern Einheit. Ob am Necker oder an der Thur, am unteren oder oberen Flusslauf, jeder dritte Toggenburger wählte die SVP. «Die neue Hochburg der Partei» nannte Wahlkampfleiter Toni Brunner das Toggenburg nach den nationalen Wahlen im Herbst, nachdem seine Partei in seiner Heimat zwar auch verlor, aber nicht so dramatisch wie andernorts.

Das Volk zu Besuch auf dem Wintersberg

Da schwang auch eine gehörige Portion Eigenlob mit, denn zu verdanken hat er dies vor allem sich selber. Toni Brunner ist nebst Kägi Fret (die sich nun international schlicht Kägi nennt) oder Überflieger Simon Ammann der erfolgreichste Toggenburger Export seit der Jahrtausendwende. Bodenständig, naturverbunden, volksnah, präsentierte er sich der bürgerlichen Schweiz.

Heute kommt das Volk zu ihm nach Ebnat Kappel, schlängelt sich eine gewundene Bergstrasse hinauf auf den Wintersberg, dem Herrliberg der Ostschweiz. Autos mit Schwyzer, Zürcher oder Thurgauer Kennzeichen parkieren vor der Tür zum Haus der Freiheit. Drinnen erklingt das helle Lachen Toni Brunners, übertönt Geschirrgeklapper und durchdringt den Gesprächsteppich. Die Beiz ist bevölkert, Toni Brunner, seit seinem Abschied von der Politik offiziell Gastronom, mittendrin. Er schüttelt Hände, Max Hungerbühler, Ex-Präsident der IHK St.Gallens da, Erich Schärer, Ex-Bobprofi, dort.

Die Trübsal nach dem Zerfall der Textilindustrie

Vreni Wild, Gemeindepräsidentin Neckertal.

Vreni Wild, Gemeindepräsidentin Neckertal.

Dass die SVP so stark ist in der Region, sei klar personenabhängig, sagt Vreni Wild, Präsidentin der fusionierten Gemeinde Neckertal auf der anderen Seite der Wasserfluh. «An den Ausländern kann es nicht liegen, überrannt werden wir hier nicht», sagt die ehemalige FDP-Kantonsrätin und zeigt auf grüne Hügel am Horizont, garniert mit einzelnen Bauernhöfen vor dem Fenster des Gemeindehauses in Mogelsberg.

Dennoch präge ein schwarz-weiss-Denken das Toggenburg, über das sich mit dem Ende der Textilindustrie eine allgemeine Trübsal legte.

Als 2001 mit der Heberlein Textil AG das Wattwiler Textilimperium endgültig unterging, erfasste die Depression nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern drang bis in die Köpfe der Toggenburger, die gemeinhin als stur gelten. Dass die Wattwiler einst hoch hinaus wollten – sie liebäugelten gar mit einem eigenen Atomkraftwerk, um den Energiebedarf der boomenden Textilindustrie zu decken – davon zeugen heute etwa die drei Heberlein-Hochhäuser. Im verstaubten 60er-Jahre-Schick recken sie sich den Churfirsten entgegen.

Bergbahnen, Kanti, Spital: Streitigkeiten prägen das Bild

Den Niedergang der Textilbranche konnte auch der Tourismus nicht auffangen, zumal dieser momentan mit dem Bergbahnenstreit auf sich aufmerksam macht. Überhaupt bestimmen Streitereien das Bild des gespaltenen Toggenburgs, wie der Kantistreit zwischen Wattwil und Linthgebiet oder der neuerliche Spitalstreit zwischen Wattwil und Wil.

«Der arme Mann aus dem Tockenburg», dieses Bild sei weiterhin prägend im Kanton, sagt Vreni Wild. Auch weil der Toggenburger gerne jammere. Dabei sei der Wahlkreis klein, aber fein und habe mehr zu bieten als die schöne Landschaft, innovative Unternehmen etwa. Sie würde sich mehr Selbstbewusstsein, mehr Stolz von den Toggenburgern wünschen.

Bescheiden, zurückhaltend, fast schüchtern

Peter Roth, Komponist und Initiant des Toggenburger Klanghauses.

Peter Roth, Komponist und Initiant des Toggenburger Klanghauses.

Ralph Ribi

Auch Peter Roth, Komponist und Klanghausbegründer, definiert die DNA des Toggenburgers über 200 Jahre nach Erscheinen mit Ulrich Bräkers Autobiografie des armen Mannes aus dem Tockenburg. Er sei zwar nicht mehr arm, aber bescheiden, zurückhaltend, fast schüchtern. Sich selbstbewusst zu vermarkten, gelinge den Tälern ennet des Säntis schlecht.

Mit der Klangwelt will er nicht weniger als «das Toggenburg neu erfinden und auf dem Fundament der Alpkultur eine neue Identität schaffen». Er kritisiert die lähmende Stimmung, welche die SVP im Tal verbreitete und jegliche Innovation verhinderte. Der Bau des Klanghauses war denn auch von jahrzehntelangem Widerstand geprägt, bis das St.Galler Stimmvolk 2019 den Kredit sprach.

Die Jammertalsohle durchschritten

Toni Brunner im «Haus der Freiheit»

Toni Brunner im «Haus der Freiheit»

Chris Iseli / MAN

Vor Selbstbewusstsein strotzt dagegen Toni Brunner. Im Toggenburg schlage das Herz des Kantons, sagt er in der SVP-Schaltzentrale. Brunner startete seine Karriere als Gründungspräsident der SVP Obertoggenburg und überwand im Schnelldurchlauf die historische Rivalität zweier bürgerlicher Parteien. Zuvor wählte der katholische Norden CVP und der reformierte Süden FDP.

«Bei der SVP hat Konfession nie eine Rolle gespielt.»

Das Toggenburg, Heimat von Bauern und Büezern, repräsentiere die SVP-Kernwählerschaft.

Gegen die Obrigkeit habe sich diese Klientel stets aufgelehnt. Auch heute fühlten sich die Toggenburger von der Kantonshauptstadt abgeschnitten, unverstanden. Dass man der geschundenen Region sogar das Spital streitig mache, stachle die Wut weiter an. Investiert werde stattdessen in den Speckgürtel entlang der A1 zwischen Wil und Rorschach, heisst es.

Die Wege sind heute kurz

Dass es auch anders geht zeigen die Umfahrungen entlang der Hauptverbindungsachsen in Bütschwil und Wattwil. In einem Punkt sind sich Vreni Wild und Toni Brunner einig, die wegen des Naturparks Neckertal auch schon erbitterte Kämpfe führten: Das Toggenburg sei nicht etwa Randregion, sondern liege zentral. Die Wege ins Appenzellerland, nach Buchs, Wil, St. Gallen oder in Richtung Zürich sind kurz.

Wohnen im Grünen, arbeiten in der Stadt, diesen Trend kann das Toggenburg erfüllen. Entsprechend wächst die Bevölkerung. Das Toggenburg hat die Jammertalsohle durchschritten.

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