Vor den St.Galler Wahlen: Ein gefühlter Kanton Linth – der Wahlkreis See-Gaster im Porträt

Zürich, Schwyz, Glarus: Die Leute in See-Gaster leben und arbeiten grenzüberschreitend. Das Wort «St. Gallen» ist für viele eher Theorie.

Adrian Vögele
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Bijou mit Magnetwirkung: Rapperswil-Jona liegt mitten in der Agglomeration Obersee, die stark wächst.

Bijou mit Magnetwirkung: Rapperswil-Jona liegt mitten in der Agglomeration Obersee, die stark wächst.

Ralph Ribi

Und hinein in den Rickentunnel. Wattwil verschwindet, samt der verwinkelten Toggenburger Hügelwelt. Die Durchfahrt nach Süden ist sagenumwoben. Beissender Gestank plage die Passagiere wegen Bauarbeiten im Tunnel, war vor zwei Jahren zu lesen. In den letzten Monaten wiederum klagten die Fahrgäste über eisige Kälte in den neuen Zügen der Südostbahn. Als bedürfte das distanzierte Verhältnis der St.Galler nördlich und südlich des Rickens noch einer physischen Inszenierung. Die Passstrasse scheint übrigens auch nicht viel besser. Sie ist in die Jahre gekommen und berüchtigt für schwere Unfälle.

Wer den Übergang unbeschadet übersteht – und das sind dann doch die allermeisten – wird mit einem kompletten Szeneriewechsel belohnt. Die weite Linthebene tut sich auf, der Blick fällt auf Gebirgsketten, die schon ausserhalb des Kantons liegen. Der Säntis interessiert hier niemanden, die Hausberge sind Speer und Glärnisch. Wie diese Region heisst, die an Zürich, Schwyz und Glarus grenzt und vom Bergdorf Amden bis zum urbanen Rapperswil-Jona reicht, ist umstritten. Der Wahlkreisname «See-Gaster» jedenfalls lässt die meisten Einheimischen kalt. Auch «Linthgebiet» passe nicht, sagt Regionalmanager und CVP-Kantonsrat Peter Göldi: Rapperswil beispielsweise liege nicht an der Linth, sondern am oberen Zürichsee. Am treffendsten sei daher «Zürichsee-Linth» – «die Bevölkerung orientiert sich stark an diesen Gewässern.» Göldi schlug der St.Galler Regierung vor, den Wahlkreis so zu taufen, doch diese verspürt wenig Lust, deswegen die Kantonsverfassung zu ändern. Der Aufwand sei unverhältnismässig. Ein Schelm, wer denkt, es liege eher am unsanktgallischen Wort «Zürich».

«Fast innerstädtische Verhältnisse»: Zürich ist nah

Dabei ist der Fall klar: Den meisten Leuten in See-Gaster liegt Zürich näher als St.Gallen. «Wer bei uns sagt, er fahre in die Stadt, der meint Zürich», sagt Göldi. Ab Rapperswil verkehren die Züge im Viertelstundentakt, in einer halben Stunde erreicht man die Metropole. «Das sind fast innerstädtische Verhältnisse.» Dass die Region punkto Wohnbevölkerung zu den wachstumsstärksten im Kanton St.Gallen gehört, hat viel mit dem Wirtschaftsmotor Zürich zu tun. Darüber hinaus haben einige internationale Unternehmen ihren Sitz in See-Gaster – Geberit, Holcim, Wicor. Die Exporte der Region sind im vergangenen Jahr um 18 Prozent gestiegen, vor allem in der Präzisionsindustrie.

«Die Jungen bleiben – wenn sie es bezahlen können»

Von Göldis Büro auf dem Campus der Hochschule für Technik ist es nur ein Katzensprung an die Rapperswiler Seepromenade. «Das Ascona der Deutschschweiz!», sagt Sarah Loffredo und lacht. Die Jonerin ist Präsidentin des Vereins Regionale Identität Obersee-Linth und kennt die Vor- und Nachteile ihrer beliebten Gegend. «Die Jungen wandern nicht ab, sondern bleiben hier oder kehren nach dem Studium zurück – wenn sie es sich leisten können.» Denn das Wohnen ist teuer – eine Kehrseite des Wachstums.

Zu St.Gallen, sagt Loffredo, hätten viele Einheimische wenig bis keinen Bezug – das gelte für den Kanton genauso wie für die Stadt. Und gerade der Entscheid, die Kantonsschule in Wattwil zu belassen und nicht nach See-Gaster zu verlegen, habe viele verärgert, vor allem Familien mit Kindern. «Wattwil lebte lange vom Glanz der 80er Jahre, mit der damals starken Industrie. Rapperswil hingegen galt früher einfach als kleine Stadt am See. Doch die Dinge haben sich geändert.»

Cash Cow für den Kanton

Für Peter Göldi ist die Kantidiskussion bis auf weiteres erledigt. «Aber der Kanton täte gut daran, generell mehr in die Region zu investieren. Schliesslich sind wir eine Cash Cow für St. Gallen.» Die Steuerkraft pro Kopf ist so hoch wie nirgendwo sonst im Kanton. Mit Roger Federer kommt in Rapperswil-Jona wohl bald noch ein weiterer guter Steuerzahler hinzu. «Lässig», meint Sarah Loffredo. «Die Federers sind sympathisch.»

Für die regionale Identität, um die sich Loffredos Verein kümmert, sind die Kantonsgrenzen zweitrangig. So ist beispielsweise eine Linthfähre geplant, die Schmerikon und Tuggen verbindet – sie soll nächstes Jahr starten. Brücken schlägt auch der Eishockeyclub SCRJ Lakers, das sportliche Herz der Region Zürichsee-Linth: Er hat viele Fans in den Nachbarkantonen.

Politisch dominierte in See-Gaster lange die CVP, aber auch der liberale Einfluss war stets stark, was mit der Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich zusammenhängt. Die Mentalität der Leute sei insgesamt aufgeschlossen, sagt Göldi. «Vielen ist einerseits die Wertschöpfung wichtig, andererseits aber auch die Umwelt.» Er könne sich vorstellen, dass in diesem Umfeld die GLP bei den Wahlen wieder Boden gut mache. Ihr Kantonsratssitz fiel vor vier Jahren dem Vormarsch der SVP zum Opfer.

Weniger Tempo am Walensee

Beschaulicher als in der pulsierenden Agglomeration Obersee geht es am östlichen Ende des Wahlkreises zu: Hier, am Walensee, sind die Strukturen dörflich und kleinräumig. Wer hier etwas verändern wolle, habe es nicht leicht, sagt der pensionierte Ingenieur und Raumplaner Ernst Reinhardt, der seit Jahrzehnten in Weesen lebt. Das benachbarte Glarus sei fortschrittlicher, habe beispielsweise auch ein besseres Kulturangebot.

Wenn der Schritt über die Grenze derart nahe liegt: Würde See-Gaster vielleicht sogar lieber zu einem anderen Kanton gehören? «Ich denke nicht», sagt der Rapperswiler Silvan Manhart, der eine wissenschaftliche Arbeit über die Identität der Region verfasst hat. «Das Volk würde dem wohl nicht zustimmen.» Einfach den Kanton zu wechseln, sei auch nicht sinnvoll, der Lebensraum am Obersee und in der Linthebene greife ja über die Grenzen hinaus. «Sinnvoller wäre bei einem solchen Szenario ein neuer Kanton, der diesem funktionalen Raum entspricht – ähnlich dem historischen Kanton Linth.» Vorderhand aber bleibt See-Gaster eine St. Galler Region – zu finden vor oder hinter dem Ricken, je nach Perspektive.

Der Wahlkreis See-Gaster in Zahlen



Gemeinden: Amden, Benken, Eschenbach, Gommiswald, Kaltbrunn, Rapperswil-Jona, Schänis, Schmerikon, Uznach, Weesen
Sitze im Kantonsrat: 16
Stärkste Partei: SVP (2016: 6 Sitze)
Ständige Wohnbevölkerung: 67'089
Ausländeranteil: 17,9 Prozent
Bevölkerungsdichte: 272,9 Einwohner/km2
Höchster Punkt: 2101,3 m. ü. M. (Glattrietloch, Amden)
Tiefster Punkt: 402,5 m. ü. M. (ARA Obersee, Schmerikon)
Durchschnittsalter: 42,5 Jahre
Beschäftigung: 25 308 Vollzeitäquivalente
Steuerkraft: 2821 Franken/Einwohner