Serie

Vor den St.Galler Wahlen: Der Hafen der Heimatlosen – der Wahlkreis Rorschach im Porträt

Rorschach zog einst Massen von Arbeitern an. Heute lockt die steuergünstige Nachbarschaft.

Michael Genova
Drucken
Teilen
Die ehemalige Industriestadt erneuert sich: neu gestalteter Marktplatz in Rorschach.

Die ehemalige Industriestadt erneuert sich: neu gestalteter Marktplatz in Rorschach.

Bild: Nik Roth (Rorschach, 25. Februar 2020)

Die Signalstrasse in Rorschach versinkt in einen unruhigen Winterschlaf. Totalausverkauf wegen Geschäftsaufgabe bei den Goldschmieden Senn. «Wir gehen in Pension», haben die Inhaber ans Schaufenster geschrieben. Totalausverkauf auch bei der Athena-Drogerie, die nach Mörschwil umzieht. Die Denner-Filiale zieht in die Überbauung Löwengarten. Und bereits Monate zuvor tranken die Stammgäste im Restaurant Signal ihr letztes Einerli. «Das ist jetzt alles geschlossen», sagt eine Frau mit Rollator zu ihrer Freundin. Am Ende der Signalstrasse schaukelt das Fondue-Schiff Rhynegg im Hafenbecken geduldig vor sich hin und wartet auf Passagiere – und bessere Zeiten.

Gleich daneben liegt der Hafenbahnhof, Silvano Moeckli steigt aus der S7. Der Hafen als Verkehrsknotenpunkt sei schon immer der grosse Vorzug Rorschachs gewesen, sagt der emeritierte HSG-Professor und ehemalige SP-Kantonsrat. Im 19. Jahrhundert profitierte die Stadt von der Entwicklung des Verkehrs und der neu erbauten Bahnstrecken nach St.Gallen und Romanshorn. Doch die Eisenbahn durchschnitt die Stadt gleich an zwei Stellen. Eine strategische Fehlentscheidung, sagt Moeckli. «Hätte man damals die Eisenbahnlinien weiter entfernt gebaut, würde eine intakte Altstadt heute von Touristen überrannt.»

Wer es sich leisten kann, zieht weg

Rorschach bildet das Zentrum des gleichnamigen Wahlkreises. Doch das bringt kaum Vorteile. «Rorschach trägt die Lasten, die anderen profitieren», sagt Moeckli. In der Hafenstadt liegt der Ausländeranteil bei 48 Prozent, die Sozialhilfequote bei rekordhohen 4,2 Prozent – im gesamten Wahlkreis liegt sie bei lediglich 1,9 Prozent. Wer eine billige Wohnung sucht, kommt nach Rorschach. Wer es sich leisten kann, zieht ein paar Strassen weiter in die steuergünstigen Gemeinden Rorschacherberg oder Goldach. See, Cafés und Supermärkte bleiben auch so in Reichweite.

In Rorschach herrscht derweil ein Kommen und Gehen. Jedes Jahr ziehen rund 1000 Personen her, 1000 ziehen wieder weg. Das ist viel in einer Stadt mit 9400 Einwohnern. Silvano Moeckli sagt:

«Rorschach hat zwar ein Heimatmuseum, ist aber keine Heimat mehr.»

Wobei es auch Neuankömmlinge gibt, die Wurzeln schlagen und ihre Chance packen, wie man an den Schaufenstern der Signalstrasse auch ablesen kann. Im kürzlich eröffneten «New Point» bietet Hussein Mahmoud seinen Gästen Hummus, Falafel und andere syrische Spezialitäten an. Über die Mariabergstrasse mit ihren eleganten Bürgerhäusern führt die Stadtwanderung der Eisenbahnlinie entlang weiter zum Feldmühle-Areal. Auf der Industriebrache soll ein neuer Stadtkern mit Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen. Zur Blütezeit um 1910 arbeiteten in der Stickereifabrik Feldmühle rund 2700 Arbeiterinnen und Arbeiter. Hier lernten sich einst Silvano Moecklis Eltern kennen – der Vater Schweizer, die Mutter aus der norditalienischen Provinz Belluno. Und hier absolvierte Möckli eine KV-Lehre, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg die Matura absolvierte und danach studierte. Heute sagt er zur geplanten Umnutzung des Areals: «Es ist schön, dass ein Teil des Alten bewahrt wird.»

Zwei Strassen weiter befindet sich das Bocciodromo Feldmühle-Primavera, der Bocciaclub der Italiener. Ein zweisprachiger Hinweis begrüsst an der Türe die «cari soci e clienti» – die lieben Mitglieder und Kunden. In zwei Tagen findet die Serata Toscana statt: Wildschwein-Eintopf und gnudi alla fiorentina für 37.50 Franken stehen auf dem Menuplan. Das Bocciodromo ist eine Insel der Heimat im vermeintlich «heimatlosen» Rorschach. Die vielen Einwanderer hätten Rorschach bereichert, sagt Moeckli. «Das Zusammenleben der unterschiedlichen Nationalitäten klappt erstaunlich gut.» Das Multikulturelle sei ein positives Echo der Industrialisierung Rorschachs, die alte Wohnsubstanz ein negatives.

Das Bocciodromo liegt direkt an der Grenze zu Rorschacherberg. Eine Strasse weiter beginnt bereits Goldach. Für Auswärtige bleiben die Grenzen unergründlich. Die Gemeinden arbeiten durchaus zusammen. Rorschach und Goldach haben ihre Fussballclubs fusioniert. Rorschach und Rorschacherberg betreiben eine gemeinsame Feuerwehr. Und der Sportplatz Kellen ist ein Gemeinschaftsprojekt von Tübach, Goldach, Rorschach und Rorschacherberg. Doch spätestens beim Steuerfuss hört die gute Nachbarschaft auf. Die Differenz zu den Nachbargemeinden beträgt rund 40 Steuerprozente.

Kein Interesse an den Armenhäuslern vom Berg

Zwei Mal prüften Rorschach, Rorschacherberg und Goldach eine Fusion zu einer «Stadt am See». Zwei Mal wurde sie von den Einwohnern der steuergünstigen Gemeinden Goldach und Rorschacherberg klar abgelehnt. Im Jahr 1804 war es umgekehrt. Damals wehrte sich die Stadt Rorschach gegen einen Zusammenschluss mit «den Armenhäuslern vom Berg». Das ist die bittere Ironie der Geschichte. Politologe Silvano Moeckli ist überzeugt, dass eine «Stadt am See» mehr bewirkt hätte. «Der Region fehlen die Bündelung der Interessen und eine übergeordnete Strategie.» Eine starke Stadt am See könnte eine solche verfolgen und hätte innerhalb des Kantons Gewicht.

Am Rande Rorschachs, an der Industriestrasse wächst seit 2007 ein neues Stück Heimat. Nach dem Verkauf der Brauerei Löwengarten, gründete ein ehemaliger Braumeister hier die kleine Kornhausbräu. Die Einrichtung ist minimalistisch: weisse Fliessen, Holztresen und freie Sicht auf die massiven Kupferkessel. «Wir könnten auch in Zürich sein», sagt Silvano Moeckli und nimmt einen Schluck von seinem Märzen. Die Brauerei befindet sich im Geburtshaus der ehemaligen Konservenfabrik Roco, die später in der Frisco-Findus AG aufging. Als Bub ging Moeckli jeweils mit einem Kübelchen dorthin und liess es von den Arbeitern mit Rahmglacé auffüllen.

Der Wahlkreis Rorschach in Zahlen

Gemeinden: Berg, Goldach, Mörschwil, Rorschach, Rorschacherberg, Steinach, Thal, Tübach, Untereggen
Sitze im Kantonsrat: 10
Stärkste Partei: SVP/FDP (2016: Je 3 Sitze)
Ständige Wohnbevölkerung
: 43'142
Ausländeranteil: 27,8 Prozent
Bevölkerungsdichte: 856,5 Einwohner/km2
Höchster Punkt: 900,1 m. ü. M. (Koblenwald, Rorschacherberg)
Tiefster Punkt: 386,4 m. ü. M. (Fuchsloch, Thal)
Durchschnittsalter: 43,2 Jahre
Beschäftigung: 16 512 Vollzeitäquivalente
Steuerkraft: 2428 Franken/Einwohner
(Quelle: Kanton St. Gallen)