Interview

«Vor dem Wolf muss niemand Angst haben, ausser man geht hin um ein Foto zu machen» – Der Wildhüter im Interview

Im St.Galler Oberland sorgte der Wolf für Schlagzeilen. Albert Good, der Wildhüter erklärt die Lebensweise des Wolfes und warum Wanderer keine Angst vor dem Wolf haben müssen.

Raphael Rohner
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Albert Good ist seit vielen Jahren Wildhüter im St.Galler Oberland.

Albert Good ist seit vielen Jahren Wildhüter im St.Galler Oberland.

Bild: Raphael Rohner

Sie sind der Wildhüter im St.Galler Oberland und auch zuständig für das Tal wo zweimal inner kurzer Zeit 19 Schafe gerissen wurden. Sie haben einen neuen Bewohner hier in der Region, den Wolf. Wie geht man damit um?

Albert Good: Erst muss ich sagen, dass der Wolf schon länger hier daheim ist. Seit 2016 wissen wir dass in der Region ein Wolf lebt. Erst war es ein Männchen und jetzt wissen wir, dass ein Weibchen dazugekommen ist, da es genetisch nachgewiesen werden konnte.

Wie geht man als Wildhüter vor, wenn ein Wolf Schafe reisst?

Wir müssen möglichst schnell vor Ort sein um DNA-Proben zu nehmen. Die DNA lässt sich nur rund 48 Stunden nach dem Angriff sicherstellen. Die Analyse der DNA dient dazu, einzelne Individuen und allenfalls die Anzahl der beteiligten Wölfe zu bestimmen. Ob es sich beim Täter um einen Wolf handelt oder nicht, beurteilt der Wildhüter an Hand er Bisswunden und weiterer Spuren vor Ort. Luchse, Füchse und Wölfe hinterlassen jeweils andere Spuren an ihren Beutetieren.

Wie ist das für Sie als Wildhüter hier zu arbeiten, wo ein Wolf heimisch wurde?

Das ist auf der einen Seite eine zusätzliche Bereicherung der einheimischen Tierwelt. Andererseits ist der Anblick der gerissenen Tiere auch für mich nicht schön und es tut weh, wenn man verletzte Tiere erlösen muss.

19 Schafe soll ein Wolf innert kurzer Zeit gerissen haben. Warum tut ein Wolf so etwas? Können Sie das erklären?

Das ist eigentlich normal, denn die Schafe können dort ja nicht fliehen. In der Natur fliehen Rehe oder Hirsche, wenn ein Artgenosse getötet wird. Bei Schafen in einem Zaun ist dies nicht oft der Fall. Sie bleiben in der Nähe und solange sie sich bewegen, jagt der Wolf sie instinktiv. Der Wolf kann ja nicht zählen, wie viele er schon erlegt hat.

Warum holt der Wolf nicht jeden Tag Schafe?

Wir haben hier ein sehr wildreiches Tal und im Moment haben wir genug andere Wildtiere, die er jagen kann. Der Wolf ist ein sehr intelligentes Raubtier und merkt schnell, dass Haustiere eine einfache Beute darstellen. Doch jagt der Wolf primär Rehe und Hirsche.

Kann man also ausschliessen, dass der Wolf in einer Art Blutrausch ist?

Absolut. Der Wolf hat fast immer Hunger und muss jede Möglichkeit wahrnehmen, um Beute zu erlegen. Er weiss nicht, ob er die Tage danach noch Futter findet und darum schlägt er die erreichbare Beute. Der Wolf ist sich gewohnt, dass er manchmal über Wochen hungert und darum nutzt er die Möglichkeit um so viel zu fressen, wie möglich. Und zählen kann er – wie bereits gesagt – nicht. Zudem weiss er nicht, dass er einen Hirsch jagen darf, ein Schaf aber nicht.

Ein Schaf steht im Schilstal nachts auf der Weide wo 19 Schafe vom Wolf gerissen wurden.

Ein Schaf steht im Schilstal nachts auf der Weide wo 19 Schafe vom Wolf gerissen wurden.

Bild: Raphael Rohner

Im Schilstal ist der Wolf seit vier Jahren. Wie hat sich das Zusammenleben über die Zeit entwickelt?

Wir haben hier im Tal drei Schafalpen und eine davon hat seit vier Jahren gerissene Schafe. Die beiden anderen Alpen hatten erstaunlicherweise noch nie Risse zu verzeichnen. Bei der betroffenen Alp hat man nach den ersten Rissen schnell reagiert und sofort Herdeschutzhunde geholt. Das bedeutet aber nicht, dass die Risse bei jener Herde gleich Null wären. Da geschehen noch wenige Risse pro Jahr, jedoch schafft es der Wolf nur einzelne Tiere zu holen und wird dann von den Hunden vertrieben.

Wie sehen Sie das persönlich, kann der Mensch neben dem Wolf im Tal zusammenleben?

Absolut, es muss niemand Angst haben vor dem Wolf. Der hat hier genügend Platz und wie schon gesagt ist das Wild recht zahlreich. Angst ist aber verständlich und kann nicht einfach verschwinden. Auch Touristen müssen sich keinesfalls fürchten. Lediglich das Zusammenleben mit den Nutztieren ist etwas schwierig, da man dem Wolf nicht beibringen kann dass er ein Hirsch oder ein Reh holen darf und ein Schaf nicht. Der Aufwand für das Alppersonal wird mit den Zäunen und den weiteren Schutzmassnahmen deutlich grösser. Auf einer Wanderung muss sich jedoch niemand anders verhalten als bisher.

Ein frisches Trittsiegel im Schilstal. Spuren eines Wolfes?

Ein frisches Trittsiegel im Schilstal. Spuren eines Wolfes?

Bild: Raphael Rohner

Was wünschen Sie sich für die Zukunft bezüglich dem Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf?

Ich denke es braucht einige Jahre bis wir uns wieder daran gewöhnen werden, dass der Wolf wieder da ist. Die letzten ca. 130 Jahre gab es keine Wölfe mehr hier und die Menschen haben sich daran gewöhnt. In Ländern wo der Wolf nie ausgestorben war, funktioniert das Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf recht gut. Wir leben ja mit anderen Raubtieren schon seit jeher zusammen, wie dem Fuchs oder dem Dachs und wir haben keine Angst. Generell braucht man keine Angst zu haben, solange man gewisse Verhaltensregeln einhält.

Wie verhält man sich denn richtig, wenn man einem Wolf begegnet?

Man soll nicht auf die Wölfe zugehen – übrigens auch nicht auf andere Wildtiere. Heutzutage ist ja generell die Tendenz gross, dass man mit dem Natel näher hin will um ein Foto zu machen. Aus meinen Befragungen mit Leuten, die dem Wolf schon begegnet sind, zeigt sich, dass der Wolf sich eher zurückzieht. Man soll stehen bleiben und ruhig bleiben. In allen Jahren, in denen ich Wildhüter bin, habe ich nicht nie gehört, dass ein Wolf geknurrt haben soll, oder gar angegriffen hat.

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