Von «tötelig » bis «toll»: Grosse Parkplätze am See in Arbon und Romanshorn sind wegen Corona gesperrt – was die Menschen darüber denken

Über die Ostertage können Tagesausflügler die grossen Parkplätze in Oberthurgauer Städten wie Arbon oder Romanshorn nicht benutzen. Die einen finden die Sperrung toll, die anderen fragen sich, ob das wirklich nötig war. Ein Augenschein.

Daniel Walt
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Ein Wagen mit St.Galler Nummernschild nähert sich den Parkplätzen beim Schwimmbad Arbon. Der Mann am Steuer verlangsamt seine Fahrt – er bemerkt, dass es hier nicht weitergeht. Gitter versperren die Zufahrt zum Badiparkplatz, im Hintergrund bei den Parkplätzen sind rotweisse Absperrbänder zu sehen:

Bild: Daniel Walt

Der Mann am Steuer heisst August Knecht, 64, wohnhaft in St.Gallen. «Ich möchte ein paar Schritte am See machen und auf einer Bank ein Heftli lesen», sagt er. Er hat davon gehört, dass die grossen Parkplätze am See abgesperrt werden, dachte aber nicht, dass dies am frühen Donnerstagnachmittag bereits umgesetzt sein würde. Er habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man am See keinen Auflauf wolle, hält Knecht fest.

Ein schlechtes Gewissen, den Weg von St.Gallen nach Arbon unter die Räder genommen zu haben, hat er nicht: 

«Man kann nicht immer auf dem Balkon hocken und muss auch mal raus.»

Hier am See könne man besser Distanz zu anderen Menschen wahren als in der Stadt, fügt er an.

Glacé am See – ein Stück Normalität in der Coronakrise

Ein paar hundert Meter weiter verkauft Nadja Binder an einem Verkaufswagen der Confiserie Martin Glacé. Man spüre, dass weniger Leute da seien – möglicherweise auch aufgrund der Sperrung der grossen Parkplätze, sagt sie. Es gebe Argumente für und gegen den Entscheid, so Binder.

Nadja Binder, Glacéverkäuferin.

Nadja Binder, Glacéverkäuferin.

Bild: Daniel Walt

Sie selbst hat Verständnis, dass die grossen Oberthurgauer Gemeinden derzeit möglichst keine Tagesausflügler von weiter weg wollen – «es gibt schnell viel Volk», sagt sie. Froh ist Binder, dass es in Arbon noch möglich ist, Glacé am See zu verkaufen – anders als beispielsweise in Goldach. So sieht es auch eine Frau aus Salmsach, die mit dem Velo nach Arbon gefahren ist.

Ein Glacé am See zu schlecken –  das ist ein Stück Normalität in der Coronakrise. Genauso wie der Traktor, der mehrere Boote zum Einwassern in Richtung Hafen schleppt. Und genauso wie die Velofahrer, die an den abgesperrten Parkplätzen vorbeifahren.

Romanshorn: «Ob das wirklich nötig war?»

Andere Stadt, dasselbe Bild: Auch an der Romanshorner Hafenstrasse signalisieren Verbotsschilder, dass die Fahrt zum See für Tagesausflügler vorzeitig vorbei ist:

Bild: Daniel Walt

Ein paar Meter weiter vorne: Sämtliche Plätze beim Park und bei der Seeparkwiese sind mit Bändern abgesperrt:

Bild: Daniel Walt

«Tötelig» sei die Atmosphäre, sagt eine Seniorin, die nach einem Spaziergang am See auf dem Weg zurück an den Bahnhof ist. Sie will ihre Aussage nicht nur auf die abgesperrten Parkplätze und das fehlende Leben an diesem Nachmittag bezogen wissen, sondern auf die Corona-Situation insgesamt.

Derweil ist Joël Nussbaumer aus Walzenhausen in ein Gespräch mit einer Passantin über den Glauben, Gott und den guten Weg vertieft.

Joël Nussbaumer, in christlicher Mission unterwegs.

Joël Nussbaumer, in christlicher Mission unterwegs.

Bild: Daniel Walt

In Krisen und nach Katastrophen gewinnt die Religion bei vielen Menschen an Stellenwert – diese Erfahrung macht auch Nussbaumer, der mit Kollegen regelmässig in christlicher Mission unterwegs ist: 

«Teils sind die Menschen jetzt sicher empfänglicher für mein Anliegen.»
Rinor Lumi, Spaziergänger.

Rinor Lumi, Spaziergänger.

Bild: Daniel Walt

Gerade noch einen Parkplatz in der blauen Zone gefunden hat Rinor Lumi. Der 31-Jährige aus Amriswil will sich mit seinem Kollegen etwas die Beine vertreten. Warum in Romanshorn und nicht daheim in Amriswil? «Man will halt auch wieder einmal an den See», hält er fest. Er und sein Kollege halten sich nach eigenen Aussagen strikt an die Abstandsregeln, auch Desinfektionsspray haben sie dabei.

Die Sperrung der grossen Parkplätze löst in Rinor Lumi gemischte Gefühle aus: «Ich weiss nicht, ob das wirklich nötig war. Aber die Massnahmen sind getroffen worden, und jetzt müssen wir damit leben.» Vermutlich hätten sich viele Leute einfach zu wenig an die vom Bund erlassenen Regeln gehalten, mutmasst er.

«Wie schön wäre es doch, wenn das immer so wäre!»

Zurück in Arbon. Die 60-jährige Einheimische Marlies Wagner ist geradezu euphorisch, was die Sperrung der Parkplätze am See angeht:

«Ich finde das toll. Wie schön wäre es doch, wenn das immer so wäre! Ich bin halt eine grüne, alternative Tante...»
Marlies Wagner, Kanutin.

Marlies Wagner, Kanutin.

Bild: Daniel Walt

Klar sei es gut, wenn beispielsweise ältere Menschen irgendwann wieder nahe an den See fahren und dort parkieren könnten, findet sie. Was Wagner ärgert, sind vielmehr die Jüngeren, die mit ihren Boliden am Seeufer vorbeidonnern, um Kollegen oder das weibliche Geschlecht zu beeindrucken. Das habe in einem solch schönen Gebiet doch nichts zu suchen, findet sie.

Marlies Wagner schickt sich gerade an, mit ihrem Kanu auf den See hinauszufahren. Etwas will sie noch loswerden: «Man muss die vielen alten Menschen loben, die sich in der Coronakrise mustergültig verhalten. Ihnen gilt mein Dank», sagt sie. Umso trauriger stimmt sie ein Erlebnis, das sie tags zuvor in Arbon gemacht hat: Junge Menschen hätten Senioren, die draussen unterwegs gewesen seien, übel beschimpft. Das könne es doch einfach nicht sein.

Derweil schickt sich der St.Galler August Knecht beim Arboner Schwimmbad an, seinen Wagen zu wenden. «Ich habe Respekt vor Corona, aber keine Angst. Angst ist ein schlechter Begleiter», sagt er. Er will sich jetzt, mangels Alternativen am See, einen Parkplatz im Städtli suchen. 

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