Von Konsternation bis Zustimmung: So reagieren Experten und Politiker auf den Stopp des Spitalprojektes in Appenzell Innerrhoden

Der Entscheid der Innerrhoder Standeskommission, den Spitalneubau zu stoppen, findet bei Politikern und Experten Zuspruch. Der zu erwartende Stellenabbau wird bedauert.

Mea McGhee, Astrid Zysset, Karin Erni
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Wegweisender Entscheid der Standeskommission: Der Spitalneubau wird gestoppt.

Wegweisender Entscheid der Standeskommission: Der Spitalneubau wird gestoppt.

Bild: Benjamin Manser
Gesundheitsökonom Willy Oggier

Gesundheitsökonom Willy Oggier

Bild: PD

Für Gesundheitsökonom Willy Oggier kommt der Entscheid der Innerrhoder Regierung nicht überraschend. «Ich durfte bei der ersten Spitalplanung nach KVG vor rund 20 Jahren eine Expertise machen. Schon damals habe ich darauf hingewiesen, dass die Existenz für ein Spital mit einem Einzugsgebiet von 14'000 Einwohnern schwierig ist. Insbesondere, wenn sich in der Nähe ein hochspezialisiertes Zentrumsspital wie St. Gallen und eine im orthopädischen Bereich starke Privatklinik wie die Berit-Klinik befinden.» Als vernünftige Nachfolgelösung sieht Oggier ein Gesundheitszentrum mit einigen Betten, wie es sie in nordeuropäischen Ländern gibt. «Die Spitalbauten könnten auch von anderen Gesundheitsdienstleistern wie Arztpraxen, Spitex oder Physiotherapie genutzt werden.»

Wandel im Gesundheitswesen

Grossrat Raphaël Brunner

Grossrat Raphaël Brunner

Bild: PD

Einer, der sich schon früh wirtschaftlich kritisch gegenüber dem Spitalneubau geäussert hat, ist Grossrat Raphaël Brunner (Schwende). Über die Meldung, dass das Bauprojekt nun abgebrochen wird, sagt der Politiker dementsprechend: «Es ist auf jeden Fall der richtige Entscheid.» Ein Wandel habe im Gesundheitswesen stattgefunden. Zudem seien die Annahmen, dass die Fallzahlen im Spital Appenzell ansteigen und sich somit der Betrieb erholen würde, «zu optimistisch» gewesen. Schon jetzt beträgt das jährliche Defizit bis zu drei Millionen Franken. Mit dem Neubau wäre es aus seiner Sicht unter Berücksichtigung betriebswirtschaftlichen Aspekte noch höher gewesen. «Aus ökonomischer Sicht ist es daher sicherlich richtig gewesen, jetzt die Reissleine zu ziehen», sagt Brunner. Allerdings bedauert er sehr, dass ab Mitte 2021 die stationäre Abteilung im Spital Appenzell geschlossen und damit einhergehend ein Stellenabbau unumgänglich wird.

Stellenabbau wird eine Herausforderung

Stefan Ledergeber, Präsident der CVP AI

Stefan Ledergeber, Präsident der CVP AI

Bild: PD

«Es ist ein richtiger Entscheid, aber ein mutiger», kommentiert Stefan Ledergerber, Präsident der CVP Innerrhoden, den Beschluss der Standeskommission. Die politisch dominierende Partei im Kanton hat das Projekt stets befürwortet und hatte vor der Landsgemeinde 2018 die Ja-Parole herausgegeben. Eine deutliche Mehrheit sei es aber nicht gewesen, so Ledergerber. Angesichts der engen Abstimmung an der Landsgemeinde und des Fakts, dass sich die Fallzahlen nicht in die gewünschte Richtung entwickelt haben, sei es richtig, das Projekt zu stoppen. Die Regierung nehme ihre Aufgabe mit dem Entscheid wahr, so Ledergerber.

Der CVP-Präsident begrüsst es, dass die Vorlage erneut vor die Landsgemeinde kommen soll. Der sich abzeichnende Stellenabbau werde den Kanton vor Herausforderungen stellen. «Es ist einschneidend, wenn man nicht mehr am Wohnort seinem Beruf nachgehen kann», sagt Stefan Ledergerber. Gerade in der Coronakrise zeige es sich, dass das Gesundheitswesen grundsätzlich analysiert werden müsse. Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung habe durch die Pandemie eine neue Bedeutung erhalten. Dass der Svar die Zusammenarbeit mit dem Spital Innerrhoden auflöst, erstaunt Stefan Ledergerber nicht: «In der aktuellen Lage erleiden die Spitäler finanzielle Einbussen und schauen vermehrt auf sich.»

Gewerbepräsident ist konsterniert

Albert Manser, der abtretende Präsident des kantonalen Gewerbeverbands AI, zeigt sich enttäuscht und konsterniert. «Ich habe zwar gewusst, dass die Zusammenarbeit mit dem Svar die Achillesferse des Projekts ist. Das einzig Positive ist, dass dessen Verantwortliche den Entscheid kommuniziert haben, bevor mit dem Bau begonnen wurde.»

Albert Manser, Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes AI

Albert Manser, Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes AI

Bild: PD

Dass das Volk den Regierungsentscheid an der Landsgemeinde nicht stützen würde, hält er für unwahrscheinlich. «Es wäre unvernünftig, am Spital festzuhalten, wenn es keine Perspektive gibt.» Dass es zu einem Personalabbau kommt, sei für die Betroffenen schwierig, so Manser. «Medizinisches Personal ist jedoch gesucht. Die Gesundheitsbranche ist ein wachsender Markt.»