Von der Stickerei zur High-Tech-Firma

Forster Rohner ist heute mehr als ein Stickereibetrieb, der auf Mode fokussiert ist. Seit ein paar Jahren experimentiert das St. Galler Unternehmen auch mit technischen Funktionen textiler Komponenten. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Erfahrungsschatz des Patrons Ueli Forster.

Eliane Jäger
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Mit eigens entwickelten Technologien integriert Forster Rohner Textile Innovations LED in Textilien, von feinem Voile bis hin zu schwerer Wolle und technischen Textilien. (Bilder: pd)

Mit eigens entwickelten Technologien integriert Forster Rohner Textile Innovations LED in Textilien, von feinem Voile bis hin zu schwerer Wolle und technischen Textilien. (Bilder: pd)

Das eigene, mit LED bestückte T-Shirt-Motiv mit dem Smartphone programmieren und die Botschaften täglich wechseln: ein Traum oder bereits Realität? Das Stickereiunternehmen Forster Rohner AG in St. Gallen hat diese Idee umgesetzt. Nach jahrelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit erlangt die Firma mit ihren neuartigen, von Technik geprägten Produkten zunehmend auch internationale Aufmerksamkeit.

Lohn der bisherigen Anstrengungen: An der diesjährigen Messe Techtextil in Frankfurt wurde der neue Geschäftszweig Forster Rohner Textile Innovations mit zwei Preisen gekürt. Ausgezeichnet wurde zum einen ein textilbasierter Sensorgurt, der die exakte Messung von EKG-Daten über mehrere Tage ermöglicht. Zum anderen heimste man mit dem Smartphone-gesteuerten textilen und waschbaren Display einen Preis ein.

Haute Couture mit Lichtelementen

Forster Rohner Textile Innovations, gegründet 2012, ist ein eigenständiger Geschäftsbereich der Forster-Rohner-Gruppe und wird von Jan Zimmermann geleitet. Die Geschäftsidee beruht auf der Entwicklung neuer Produktionsverfahren und Technologien. Die Grundidee sind gestickte, elektrisch leitende Bahnen. Sie verändern den textilen Aspekt praktisch nicht, wirken kaum technisch. Damit werden neuartige Möglichkeiten für Lichttextilien, textiles Heizen und textile Sensoren erschlossen. «Wir verstehen uns als Zulieferer textiler Komponenten mit technischen Funktionen», sagt Zimmermann. So stellt die Firma auf Kundenwunsch beispielsweise exklusive Prêt-à-porter- und Haute-Couture-Stoffe mit Lichtelementen oder Komponenten für beheizbare Kleidungsstücke her. Hauptsächlich werden Partner aus Lifestyle, Inneneinrichtung, Architektur und im Medizinalsektor bedient.

Erhalt der St. Galler Stickereiindustrie

Die 1904 gegründete Stickerei hat den fundamentalen Wandel der Schweizer Textilindustrie nicht nur miterlebt, sondern auch erfolgreich mitgestaltet. Textilien waren vor gut hundert Jahren das wichtigste Schweizer Exportprodukt und brachten vor allem Ostschweizer Unternehmen regelmässige Gewinne ein. Nachdem die florierende Zeit vorüber war, schafften es viele Textilunternehmen nicht, aus traditionellen Geschäftsmodellen auszubrechen. «Anders Forster Rohner», sagt Ueli Forster, grösster Aktionär und ehemaliger Geschäftsführer der Firmengruppe. «Meine Vision war es deshalb, einen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der St. Galler Stickereiindustrie zu leisten. Ich hatte vor einigen Jahren die Vorstellung, für meine Nachkommen ein Fundament für nachhaltige Produkte zu schaffen, die weniger von Modeströmungen abhängen.» Dies, obwohl oder vielleicht gerade auch weil das Stickereigeschäft «aussergewöhnlich erfolgreich» verlief.

Leichtbauteile aus Karbonfasern

Ueli Forsters Nachfolger in der operativen Firmenführung sind zwei seiner vier Kinder, Emanuel und Caroline Forster. An sie hat der Patron die Geschäftsleitung im Jahr 2007 übergeben. Zu dieser Zeit machte sich Ueli Forster auch Gedanken, «wie man mehr aus einer Stickmaschine herausholen kann». Auslöser für die Suche neuer und eher technischer Anwendungen war der Gedanke, dass jede Paillette, wie sie das Unternehmen früher selbst produzierte, eine Fotozelle sein könnte. «Das ergäbe ein Produkt, flexibel und drapierbar, das für die Energieerzeugung im täglichen Gebrauch geeignet wäre», beschreibt Forster die damalige Idee. Realisieren liess sie sich nicht eins zu eins, jedoch wurde sie Basis einer Fülle weiterer Ideen, die alle auf dem Prinzip gestickter Leiterbahnen basieren.

2009 wurde zudem die Firma Biontec gegründet, die auf Stickmaschinen Karbonfasern zu Leichtbauteilen verarbeitet. Erstes und seit fünf Jahren im Markt erhältliches Produkt sind Bremshebel für Velos. Weitere aufwendige Entwicklungen wurden vor allem in der Messtechnik und der Maschinenindustrie gefunden, wo heute stark steigende Umsätze generiert werden. Die Stickmaschine erlaubt eine kraftflussorientierte Ablage von Karbonfasern, was im Konkurrenzvergleich bessere Produkteigenschaften ergebe.

Der Rentner als Jungunternehmer

Ueli Forster bereitet es sichtlich Vergnügen, sich im AHV-Alter als Jungunternehmer zu betätigen. Die Biontec, bei der er zum Rechten schaut, gehört mehrheitlich ihm und seiner Frau Erika. «Ich habe meinen Kindern mein Know-how und meine Leidenschaft für die Stickerei weitergegeben», sagt Forster. Nun will er die Biontec und Forster Rohner Textile Innovations wirtschaftlich zum Erfolg führen. Dabei empfindet Forster die Arbeit mit jungen Ingenieuren als gegenseitig befruchtend. «Sie profitieren von meinem Erfahrungsschatz und ich von ihrem modernen Wissen. Man lernt enorm viel und wird gefordert.»

In absehbarer Zeit gewinnbringend

Obwohl das neue High-Tech-Geschäft im Gegensatz zur traditionellen Stickerei erst in absehbarer Zeit gewinnbringend wird, sehen Ueli Forster und Jan Zimmermann grosses Potenzial in den neu aufgebauten Segmenten. Biontec hat bereits annähernd 20 Mitarbeitende, Forster Rohner Textile Innovations ein halbes Dutzend. «Beide Geschäfte sollen kontinuierlich wachsen», sagt Zimmermann, der an der ETH Naturwissenschaften studiert hat und seit 2009 bei Forster Rohner arbeitet. Die grosse Kunst sei es, bei der Vielzahl der Möglichkeiten, die sich bieten, die vielversprechendsten zu erkennen. Bei den technischen Textilien will man vor allem auf Lichttextilien fokussieren. Und wie lange möchte Ueli Forster, auf dessen Visitenkarte als Beruf schlicht «Unternehmer» steht, sich noch professionell betätigen? «So lange es gesundheitlich geht.»

Jan Zimmermann Leiter von Forster Rohner Textile Innovations (Bilder: Benjamin Manser)

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Ueli Forster Verwaltungsratspräsident der Forster Rohner AG (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

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Textilien mit LED-Displays sind wasch- und drapierbar.

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Textilien mit integrierten Sensoren eröffnen neue Möglichkeiten im Gesundheitswesen.

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