Von der Kirche ins Kantonsspital

Beide haben kürzlich eine neue Stelle angetreten. Der eine ist evangelisch, der andere katholisch. Der eine heisst Peter Gutknecht, der andere nennt sich neu Franziskus. Der neue Seelsorger im Kantonsspital St. Gallen hat die Ernennung des Papstes mit Spannung beobachtet.

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Peter Gutknecht wünscht sich eine vereinte Kirche. (Bild: Benjamin Manser)

Peter Gutknecht wünscht sich eine vereinte Kirche. (Bild: Benjamin Manser)

Beide haben kürzlich eine neue Stelle angetreten. Der eine ist evangelisch, der andere katholisch. Der eine heisst Peter Gutknecht, der andere nennt sich neu Franziskus. Der neue Seelsorger im Kantonsspital St. Gallen hat die Ernennung des Papstes mit Spannung beobachtet. Mit diesem Ausgang hatte er nicht gerechnet. «Ich war erstaunt und erfreut», sagt Gutknecht. Die Wahl des Namens Franziskus weckt bei Gutknecht Hoffnungen, einiges solle besser werden. Franz von Assisi war ein bescheidener und kirchenkritischer Mensch, ein Mann der Armen. Gutknecht, der 59jährige Zürcher hofft, dass nun auch der Vatikan vermehrt die Anliegen des Volkes hört. Wichtig ist dem Spitalseelsorger zudem die Ökumene. «Ich hoffe, nun wird von Rom aus das erlaubt, was an der Basis schon lange gelebt wird», sagt er.

Doppelte Gottesdienste

Ginge es nach Peter Gutknecht, wäre die Ökumene gar nur der Anfang. Er kann sich eine gemeinsame Kirche vorstellen, in der Reformierte und Katholiken vereint sind. Der Gott sei ja der gleiche. Die «Zukunftsvision» würde vieles einfacher machen. «Wir könnten bei der Verwaltung anfangen», meint er. Damit liessen sich die Ressourcen besser nützen. Jetzt laufe alles doppelt, auch im Spital. Die Gottesdienste werden parallel durchgeführt, die Stationen sind durch die Seelsorger jeweils zweifach besetzt.

«Kein Schoggijob»

Peter Gutknecht hat seine Stelle im Kantonsspital Anfang März angetreten. Er besucht häufig Menschen in der Not und mit Schmerzen. Er sagt, er brauche mehr Kraft als früher. Spitalseelsorger sei «kein Schoggijob». Trotzdem, Gutknecht ist zufrieden: «Ich habe nun das, was ich immer wollte, ich bin glücklich.» Das heisst nicht, dass er vorher nicht gerne Pfarrer in der Kirchgemeinde Wil gewesen ist. Aber: «Pfarrer sein beinhaltet viele Berufe: Prediger, Lehrer, Sozialarbeiter, Moderator, Mediator, Organisator, Manager, Verwalter. Die Seelsorge kommt oft nur am Rande vor, wenn dafür überhaupt Zeit bleibt.» Gutknechts persönliche Rangliste sieht jedoch vollständig anders aus: An erster, zweiter und dritter Stelle nennt er die Seelsorge, dann den Gottesdienst, erst viel später komme für ihn der Rest. Das «Sich-Sorgen um die Seele» ist für Gutknecht die Quintessenz des Berufs – «den Menschen mit Verständnis und Mitgefühl zu begleiten, ihnen zuzuhören. Seelsorge ist Zuhören.»

Dreimal täglich beten

Peter Gutknecht legt grossen Wert auf Spiritualität. Dreimal am Tag geht er in sich, sucht die Stille und betet. In der Gesellschaft ist Ruhe selten. «Wir sind Weltmeister im Krachmachen. Wir lenken damit vom Wesentlichen ab.» Stress zählt er ebenfalls zu den Verführern. Er sei oft selbstgemacht, «um die Unruhe in den Herzen zu überdecken». Stress macht er auch im Gesundheitsbereich aus. Den Patienten wird aus Kostengründen nur noch kurze Zeit im Spital zugestanden. Die Zeit, um zur Ruhe zu kommen und zu genesen, sei knapp bemessen. Dies schränkt auch die Möglichkeiten des Seelsorgers ein. Peter Gutknecht beklagt sich nicht. Er lasse sich führen, ist damit zufrieden, «punktuell Hoffnungsschimmer bringen zu können».

Zuerst Chemie studiert

Am Anfang stand bei Peter Gutknecht nicht das geistliche Wort, sondern eine weltliche Karriere. Aufgewachsen in Bülach, studierte er bis zum ersten Vordiplom Chemie, brach das Studium mangels Interesse aber ab. «Die erworbenen Kenntnisse der exakten Wissenschaften blieben mir auch als Pfarrer von Nutzen», sagt er und zitiert Albert Einstein. «Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.» Nach dem Theologiestudium bildete er sich in Psychologie, Psychopathologie und Psychoanalyse weiter, um die Menschen, aber auch um sich selber besser zu verstehen.

Die erste Stelle als Pfarrer trat er in Riggisberg an und kam dann nach Goldiwil bei Thun. Nach 14 Jahren zog er nach Wil weiter. Er dachte, dort bis zur Pensionierung zu bleiben. Dann sah er das Inserat des Kantonsspitals und er wusste: «Das ist mein Weg.»

David Scarano

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