Vom Spital zum Sozialamt: Krebs kann auch im Thurgau arm machen

200 Krebskranke aus dem Thurgau haben 2018 von der Krebsliga Überbrückungszahlungen erhalten, weil sie ihre Mieten oder Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen konnten. Noch schlimmer kommt es, wenn die Kasse das Krebsmedikament nicht vergütet.

Claudia Schumm-Robustelli
Drucken
Teilen
«Diese grossen Steine gefallen mir. Sie sehen zwar sehr angegriffen aus, aber kein Sturm bringt sie zum Umfallen», sagt Hilda B., die vor elf Monaten ihren Mann verloren hat. (Bild: Reto Martin)

«Diese grossen Steine gefallen mir. Sie sehen zwar sehr angegriffen aus, aber kein Sturm bringt sie zum Umfallen», sagt Hilda B., die vor elf Monaten ihren Mann verloren hat. (Bild: Reto Martin)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Elf Monate ist es her, seit ich meinen lieben Mann verloren habe», erzählt die Thurgauerin Hilda B. 62 Jahre alt war ihr Mann, als er zum zweiten Mal an Krebs erkrankte. Zehn Jahre dauerte sein Leiden. «Am schlimmsten sind die letzten vier Jahre gewesen. Mein Mann hat sich vielen belastenden Chemotherapien unterzogen, dazu kam die emotionale Achterbahnfahrt.» Die Eheleute machten sich auch Sorgen, ob die Krankenkasse die Krebsmedikamente zahlen würde, weil der Onkologe vor dem Behandlungsbeginn oft eine Kostengutsprache einholen musste. «Wir hatten ja schon beträchtliche Ausgaben für das Auto, die auswärtige Verpflegung und den Selbstbehalt. Teure Medikamente hätten unser Budget gesprengt.»

Der Job steht auf dem Spiel

Welche drastischen finanziellen Folgen eine Krebserkrankung mit sich bringen kann, schildert Christian Taverna, leitender Arzt Onkologie am Kantonsspital Münsterlingen und Präsident der Thurgauischen Krebsliga:

«Viele Krebspatienten können wegen ihrer Erkrankung über Monate oder manchmal sogar Jahre nicht mehr arbeiten.»

Für Selbständigerwerbende sei die Situation besonders schlimm. «Sie verlieren unter Umständen ihr ganzes Einkommen und, wenn sie arbeitsunfähig sind, können sie sich auch nicht beim RAV melden.» Aber auch festangestellte Menschen mit einer Krebserkrankung hätten es schwer. «Nach Ablauf des Kündigungsschutzes sprechen viele Arbeitgeber ihren krebskranken Arbeitnehmern die Kündigung aus.»

Eine neue Stelle zu finden, sei für sie mehr als nur schwierig, da potenzielle neue Arbeitgeber ihre Lücken im Lebenslauf sehen würden. «Und die Lebenskosten bleiben, dazu kommen Auslagen für die vielen Fahrten ins Spital, auswärtige Verpflegung – auch für die Angehörigen – oder auch der Selbstbehalt.» Leider bleibe deshalb vielen krebskranken Patienten der Weg zum Sozialamt nicht erspart.

Umfassende Prüfung

Bevor ein Arzneimittel auf die Spezialitätenliste kommt, wird es vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) bezüglich der sogenannten WZW-Kriterien überprüft. Diese umfassen die Faktoren Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Sobald das Bundesamt für Gesundheit die WZW-Kriterien als erfüllt betrachtet, kann das Medikament anschliessend in die Spezialitätenliste aufgenommen werden. Ist ein Medikament in der Spezialitätenliste aufgeführt, wird es von den Krankenversicherern auch vergütet.

Hilfe erhalten die Thurgauer Krebspatienten von der Thurgauischen Krebsliga. «Wir leisten Überbrückungszahlungen, beispielsweise bei Lohnausfall, wenn die Wohnungsmiete oder die Krankenkassenprämie nicht mehr bezahlt werden kann», sagt Cornelia Herzog-Helg, Geschäftsleiterin der Thurgauischen Krebsliga. Basis für diese finanzielle Hilfeleistung bilde jeweils die Steuererklärung. Gemeinsam würde man ein Budget erstellen, nach individuellen Lösungen suchen und miteinander den Gang zu den Ämtern bestreiten. «Im letzten Jahr haben wir rund 2200 Personen beraten und von diesen 200 finanziell unterstützt.»

Geld für Medikamente selber aufbringen

Noch schlimmer kann es für Krebspatienten kommen, wenn die Krankenkassen die erforderlichen Krebsmedikamente gar nicht oder nur teilweise vergüten. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines älteren Mannes, der an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und von Regina Woelky, leitende Ärztin Onkologie am Kantonsspital Frauenfeld, betreut wird. «Eigentlich wäre für meinen Patienten eine kombinierte Chemo- und Immuntherapie die Standardtherapie gewesen», sagt sie. «Aufgrund seines Gesundheitszustandes und der Schwere der zu erwartenden Nebenwirkungen habe ich mich aber gegen diese Therapieform entschieden und behandle ihn mit einem anderen Medikament in Form von Tabletten gegen seinen Krebs.»

Das von Woelky gewählte Medikament ist in der Schweiz zugelassen, in der Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit aufgeführt und somit kassenpflichtig. Allerdings sind die Tabletten – wie viele andere Medikamente auch – mit einer Limitation versehen. Diese beschreibt die Anwendung oder Einschränkung eines Medikamentes. Bei den Tabletten, die für den Patienten zum Einsatz kommen, lautet die Limitation: «Für Patienten, die nicht für eine kombinierte Chemo- und Immuntherapie geeignet sind».

Krankenkasse sieht Ausgangslage anders

Obwohl das Medikament dem Patienten ein gutes, eigenständiges Leben ermöglicht, ist die Krankenkasse nicht bereit, den vollen Betrag aus der Grundversicherung zu übernehmen. Ihrer Meinung nach ist der Patient durchaus für eine kombinierte Chemo- und Immuntherapie geeignet. Der Mann, der bis zu seiner Krebserkrankung nie nennenswert krank war und nur von einer sehr kleinen Rente lebt, muss nun jeden Monat 700 Franken an sein Medikament beisteuern – lebenslang, da sein Krebs unheilbar ist.

Gegen den Entscheid der Krankenkasse hat Woelky Einsprache erhoben und mehrere Wiedererwägungsgesuche geschrieben. Eingelenkt hat der Verwaltungsrat der Kasse jedoch nicht. «Für die Betroffenen wirkt diese Situation so, als wenn ihre Krankenkasse bei gesetzlichen Graubereichen die Limitation eines Medikamentes in den Vordergrund stellt. Wir aber sehen den Menschen mit einer schweren Krankheit, der rasch eine verträgliche Therapie benötigt.» Die Limitationen seien oft zu eng gefasst oder würden Ermessensspielraum zulassen, sagt Woelky.

Grosser administrativer Aufwand für die Ärzte

Wenn Krankenkassen Zahlungen verweigern, gibt es für die Patienten zwei Möglichkeiten: Sie können sich an die Ombudsstelle der Krankenkasse wenden oder den Rechtsweg beschreiten. «Es stellt sich allerdings die Frage, woher die schwerkranken Menschen und ihre Angehörigen die Kraft für einen solchen «Ämtermarathon» nehmen sollen», findet Woelky. Ein grosses Problem stellt der administrative Aufwand dar, den die Onkologen betreiben müssen, damit die Krankenkassen die Krebsmedikamente vergüten. Bei Regina Woelky nimmt die Schreiberei 25 Prozent ihres Pensums in Anspruch.

In der Onkologie in Münsterlingen kümmert sich eine Ärztin um die Einholung der Kostengutsprachen und das Verfassen der Wiedererwägungsgesuche. «Bei ihr ist es in etwa ein Pensum von 30 Prozent», sagt Taverna. Der Aufwand sei auch darin zu begründen, dass bei 75 Prozent der Krebsmedikamente in den Limitationen stehe, dass vor der Behandlung eine Kostengutsprache einzuholen sei, so der Onkologe. «Die Unsicherheit, ob die Medikamente bezahlt werden, ist für die Patienten belastend und ausserdem verlieren wir wertvolle Zeit», fügt Woelky hinzu.

«Mein Mann fehlt mir jeden Tag»

Überdies müssen sich die Onkologen bei Anliegen oder Fragen stets zuerst an den Sachbearbeiter des vertrauensärztlichen Dienstes der jeweiligen Kasse wenden – direkt mit dem Vertrauensarzt sprechen können sie nicht. «Alle Sachbearbeiter der Krankenkassen sind gut ausgebildete Spezialisten, die viele Fragen direkt beantworten können», sagt Christophe Kaempf, Mediensprecher vom Krankenkassenverband Santésuisse. «Ausserdem verweisen die Spezialisten den behandelnden Arzt korrekt weiter, wenn eine Kasse mehrere Vertrauensärzte beschäftigt.»

Zurück zu Hilda B.: «Mein Mann fehlt mir jeden Tag, bei allem, was ich tue», sagt sie. «Ich war zu 150 Prozent für ihn da, und das habe ich sehr gerne gemacht. Für mich selber hatte ich aber keine Zeit mehr.» Nun sei es an der Zeit, sich grundlegende Gedanken über die eigenen Wünsche und Ziele zu machen, wieder Freunde zu treffen und vielleicht sogar neue Hobbys auszuprobieren. «Zum Glück habe ich meine wunderbare Familie, die mich immer unterstützt.»