Von der Skeptikerin bis zum Verschwörungstheoretiker: In der Ostschweiz sind die 5G-Gegner bunt gemischt

Nur durch den gemeinsamen Feind vereint: Die 5G-Gegner sind so divers wie ihre Argumente.

Noemi Heule
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Jung, alt, links oder rechts: Die 5G-Gegner lassen sich nicht in eine Ecke drängen.

Jung, alt, links oder rechts: Die 5G-Gegner lassen sich nicht in eine Ecke drängen.

Bild: Ralph Ribi

Eine Zahl, ein Buchstabe, unzählige Gegner. 5G entzweit die Schweiz wie keine andere Mobilfunk-Generation zuvor. Wobei die Gegner in der Angst um ihre Gesundheit ungleich lauter sind als die Befürworter in der Hoffnung auf technischen Fortschritt. Sie protestieren, blockieren Bauvorhaben oder stören Infoveranstaltungen.

Die Widerständler und Skeptiker sind bunt gemischt: Politiker am linken und rechten Rand verbrüdern sich gegen 5G, Bürger aller Schichten, genauso Esoteriker oder Verschwörungstheoretiker. Nichts eint so sehr wie ein gemeinsamer Feind, heisst es. Eine passende Redewendung für die 5G-Gegnerschaft, die sich nun allerorts gruppiert.

Ein unerwarteter Schlussspurt der Swisscom

Vergangene Woche gingen in St. Gallen 150 Personen auf die Strasse, 70 waren es in Frauenfeld. Während sich der Widerstand formiert, rüsten die Telekomanbieter im Eiltempo ihre Anlagen auf. Innert eines Jahres ist die Zahl an 5G-Antennen in St. Gallen von 0 auf rund 100 Stück explodiert. Das Bundesamt für Kommunikation aktualisiert den momentanen Stand laufend.

Ein Grossteil der Antennen wurde erst kurz vor Jahreswechsel in Betrieb genommen. Grund dafür ist der Schlussspurt der Swisscom. Der Betreiber versprach seiner Kundschaft bis Jahresende eine 90 prozentige Abdeckung mit 5G. Kurz vor Silvester erklärte sie die Aufgabe unerwartet zum Erfolg. Allerdings nur dank eines Kunstgriffs.

Einsprecher blockieren jedes dritte Gesuch.

Um schnell ein grossflächiges Netz zu erreichen, sendet die Swisscom das 5G-Signal auch auf einer tieferen Frequenz als der üblichen 3500 Megahertz. Es handle sich dabei allerdings um ein «abgespecktes 5G», sagt Marco Paganoni vom kantonalen Baudepartement, die Übertragungsgeschwindigkeit sei beschränkt.

Dafür können die Betreiber bürokratische Hürden umgehen, weil für diese Umstellung weder Baugesuch noch Bagatelländerung nötig sind. Bei öffentlich ausgeschriebenen Bauvorhaben für Mobilfunkanlagen treten zudem schnell Einsprecher auf den Plan. Gemäss Schätzungen der Gegner ist schweizweit jedes dritte derartige Baugesuch wegen Einsprachen blockiert.

Keine Mehrheit für Baumoratorium

In punkto 5G ist die Schweiz europaweit Vorreiterin. Einige Kantone wollen dies ändern. Insbesondere in der Romandie ist die Résistance gross. Die Kantone Genf, Waadt und Jura haben im vergangenen Jahr ein Moratorium beschlossen. Zuletzt stimmte das Neuenburger Parlament einer Standesinitiative zu, die einen landesweiten Marschhalt erreichen will.

Im St. Galler Kantonsrat ist dieses Vorhaben längst vom Tisch. Vertreter von SVP, SP und Grünen forderten im Frühling ein Moratorium. Die Allianz von links und rechts fand jedoch in der politischen Mitte kein Gehör. Die Motionäre forderten erfolglos, dass vor dem Bau von 5G-Antennen unabhängige wissenschaftliche Erkenntnisse abgewartet werden – oder mindestens bis zum Bericht des Bundes zu Mobilfunk und Strahlung zugewartet wird.

Bericht aus Bern lässt Fragen offen

SVP-Kantonsrat Bruno Dudli

SVP-Kantonsrat Bruno Dudli

(Bild: Michel Canonica(

Der Bericht, der Ende November erschien, lässt weiterhin Fragen offen. Ob Mobilfunkantennen der Gesundheit schaden, beantwortet er nicht eindeutig. Man könne weder gesundheitliche Schäden durch die bisherigen Antennen beweisen, noch garantieren, dass der Mensch gar nicht beeinträchtigt werde, heisst es. Dafür fehlen wegen des rasanten technologischen Wandels Langzeitstudien. Die Gegner sind damit nicht beschwichtigt. SVP-Kantonsrat Bruno Dudli sagt:

«Ich bin nicht gegen technische Errungenschaften, aber solange eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht auszuschliessen ist, mahne ich zur Vorsicht.»

Ähnlich argumentieren Dario Sulzer (SP) und Guido Wick (Grüne).

Leserbriefschreiber, Einsprecher, Behördenschreck

Während die Politik höchstens von einem allfälligen Gesundheitsrisiko spricht, ist 5G für militante Gegner schlicht Teufelszeug. Demenz, Impotenz oder Krebs haben sie auf ihre Transparente geschrieben. Einige fürchten die Totalüberwachung.

Hansueli Stettler und sein Messgerät an der Demonstration in St.Gallen.

Hansueli Stettler und sein Messgerät an der Demonstration in St.Gallen.

Bild: (Ralph Ribi)

Der Organisator der St.Galler Demo ist Städtern längst bekannt: Hansueli Stettler, einst Stadtparlamentarier, hat sich als Leserbriefschreiber, Einsprecher, und Behördenschreck einen Namen gemacht.

Er kämpft seit jeher gegen Elektrosmog und führt auch Verkehrsunfälle darauf zurück. Während er für seine Mission in der Vergangenheit oft Spott erntete, kann er im Kampf gegen 5G plötzlich auf breite Unterstützung zählen. Der lokale Widerstand sei basisdemokratisch organisiert, sagt Stettler.

«Moskau ist nicht involviert, auch nicht die Kommunistische Partei Chinas.»

Der Präsident der IG Mobilfunk St. Gallen, der im öffentlichen Raum Schutzkleider und eine abschirmende Mütze trägt, tritt auch ausserhalb der Stadt an Informationsveranstaltungen auf, zuletzt in Necker oder Bussnang. Die Gegner sind mobil, die Debatte hochemotional. Das zeigte auch ein Podium der Stadt St. Gallen im November, als Unruhestifter eigens aus Bern anreisten. Eine Frau im Schutzanzug forderte die Besucher auf, wegen ihrer elektromagnetischen Hypersensibilität sämtliche Handys auszuschalten.

Esoteriker und Verschwörungstheoretiker

Esoterikstar Christina von Dreien

Esoterikstar Christina von Dreien

(Bild: Beat Lanzendorfer)

Skurrile Gestalten sind unter den 5G-Gegner nicht selten. Esoterikstar Christina von Dreien sagt: «Bei 5G wird man gegrillt». 5G könne überdies Gedanken, Emotionen, Handlungen und Körperfunktionen manipulieren.

Verschwörungstheoretische Aussagen finden sich auch auf dem Schweizer Fake-News-Portal legitim.ch oder auf orwell-news.ch, das nach eigenen Angaben «orwellianische Geschehnissen in der Schweiz» aufdeckt. Beide Portale machten einen Fall publik, dessen Schauplatz sich am Walensee just hinter der St. Galler Grenze befindet.

SBB testen 5G am Walensee

Eine 5G-Antenne entlang der SBB-Strecke am Walensee

Eine 5G-Antenne entlang der SBB-Strecke am Walensee

(Bild: PD)

Seit Sommer 2019 führen die SBB dort landesweit einzigartige Tests mit 5G-Antennen durch, entlang der Bahnstrecke wurden 15 temporäre Masten aufgestellt. Eine Passantin erzählt in einem Video von Herzrhythmusstörungen und dem Gefühl «als sei sie mit kochendem Wasser übergossen worden».

Die SBB kennen den Fall und betonen, dass die Grenzwerte jederzeit eingehalten würden. Derzeit nutze die Bahn eine veraltete 2G-Technologie für den Hochsicherheits-Bahnfunk, die Tests sind ein erster Schritt zur Aufrüstung.

Befürworter wollen schneller surfen

Als «Schlüsseltechnologie der Digitalisierung» preist die St. Galler Regierung den Mobilfunkstandard 5G. Auch die Wirtschaft begrüsst die «Glasfaser durch die Luft» mit nie da gewesener Reaktionszeit. Bei optimalen Geschwindigkeiten soll ein hochauflösender Film in nur einer Minute heruntergeladen werden können. Diese Geschwindigkeit macht 5G für industrielle Anwendungen und insbesondere das «Internet der Dinge» spannend. Weil das Netz praktisch in Echtzeit reagiert, ist es für die Vernetzung von Maschinen, Industrierobotern oder auch für Anwendungen im Verkehrsmanagement besser geeignet als die vorgängigen Mobilfunk-Generationen.

Handy am Ohr strahlt stärker


5G wird auf Frequenzen von bis zu 3600 Megahertz gesendet. Die verwendete 5G-Technologie habe dieselbe Signalstruktur wie 4G, schreibt die Regierung in ihrer Antwort auf die Motion aus dem Kantonsparlament. «Es werden keine neuartigen elektromagnetischen Felder gesendet.» Die Wissenschaft geht denn auch nicht von neuartigen Gefahren aus, kann ein allfälliges Gesundheitsrisiko allerdings nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen. Bund und Kanton verweisen auf die strengen Grenzwerte in der Schweiz. Die kontrovers diskutierten Millimeterwellen im Frequenzbereich ab 26000 Megahertz kommen hierzulande nicht zum Einsatz. Über 90 Prozent der aufgenommenen Mobilfunkstrahlung stammten ohnehin gar nicht von den Sendeanlagen, sondern vom eigenen Smartphone.

Kantonsrat Guido Wick (Grüne)

Kantonsrat Guido Wick (Grüne)

(Bild: Regina Kühne)

Schaden Esoteriker und Verschwörungstheoretiker der Glaubwürdigkeit der 5G-Gegner? Kantonsrat Guido Wick verneint: «Bekanntlich sind viele Hunde des Hasen Tod.» Ratskollege Dario Sulzer betont allerdings:

SP-Kantonsrat Dario Sulzer

SP-Kantonsrat Dario Sulzer

(Bild: PD)
«Ich will mich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen können, nicht auf Verschwörungstheorien.»

Dass die Gefahr besteht, dass sich die Gegner trotz gemeinsamen Feinds verzetteln, zeigen nationale Auswüchse. Derzeit sind fünf Volksinitiativen zu 5G in der Pipeline.