Vom Pergament ins Internet

ST.GALLEN. Vor zehn Jahren begannen die St.Galler Stiftsbibliothek und die Universität Freiburg, Handschriften zu digitalisieren und im Internet für jedermann sichtbar zu machen. Das Pionierprojekt E-Codices wird nun weiter ausgebaut.

Adrian Vögele
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Seite für Seite auf die Festplatte: Fotograf Urs Baumann digitalisiert mit Hilfe des Repro-Tisches in der Stiftsbibliothek eine Handschrift. (Bild: Michel Canonica)

Seite für Seite auf die Festplatte: Fotograf Urs Baumann digitalisiert mit Hilfe des Repro-Tisches in der Stiftsbibliothek eine Handschrift. (Bild: Michel Canonica)

Bücher in digitaler Form am Bildschirm zu lesen ist heute eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur Neuerscheinungen sind virtuell verfügbar, sondern auch Handschriften, die mehrere Jahrhunderte oder gar über tausend Jahre alt sind. Letzteres ist zu einem guten Teil dem Projekt E-Codices der Stiftsbibliothek St.Gallen und der Universität Freiburg zu verdanken, das vor zehn Jahren begann. «Damals gab es weltweit kaum eine Handvoll digitaler Bibliotheken, die mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften im Internet publizierten und einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht wurden», erinnert sich Christoph Flüeler, Professor am mediävistischen Institut der Universität Freiburg und Leiter von E-Codices. Nur sehr wenige Personen hätten Zugang zu den historischen Bücherschätzen gehabt. «Handschriften waren etwas Elitäres.» Flüelers Projekt, das im Januar 2005 unter dem Namen «Digitale Stiftsbibliothek St.Gallen» startete, sollte dies ändern.

Auch Fragmente publizieren

Heute umfasst E-Codices über 1200 Handschriften aus 51 Bibliotheken, die jedermann gratis im Internet betrachten kann – Seite für Seite, in hoher Auflösung. Die Plattform wird weltweit genutzt, im Jahr 2013 zählte sie knapp 4,4 Millionen Besucher. «Auch Werke, die der Forschung bisher nicht bekannt waren, konnten wir zugänglich machen», sagt Flüeler. Sie stammen aus versteckten Archiven und Privatsammlungen.

2015 sollen weitere 200 Bücher online gestellt werden, darunter die Sammlung René Braginsky in Zürich, die weltweit grösste Privatsammlung jüdischer Handschriften. Im März beginnt ein Teilprojekt, das es Forschern ermöglicht, Handschriften vorzuschlagen, die dann gegen eine wissenschaftliche Gegenleistung digital publiziert werden. Zudem wird E-Codices künftig auch handschriftliche Fragmente im Internet zeigen. So können Texte, die seit langem blattweise über den halben Erdball verstreut aufbewahrt werden, virtuell wieder zusammengefügt werden.

Bis zu 400 Seiten pro Tag

An der Stiftsbibliothek sind zwei Fotografen mit der Digitalisierung der Handschriften beschäftigt. Sie arbeiten – unter strengen Sicherheitsvorkehrungen – in einem Atelier mit einer komplexen Apparatur, die es ermöglicht, die Handschriften so schonend wie möglich abzufotografieren. Auf einem eigens für diesen Zweck konstruierten Reprotisch wird die Handschrift mit Hilfe von Pneumatik und Lasertechnik in die optimale Position gebracht. Fotografiert wird mit einer Hasselblad-Kamera, die über dem Tisch fixiert ist. «Wir digitalisieren 200 bis 400 Seiten pro Tag», sagt Fotograf Urs Baumann. Der Aufwand pro Handschrift variiere stark. Klar sei aber: «Pressieren darf man nicht.» Die Bücher sind wertvoll und fragil. So ist zwar Pergament ein zähes Material, jedoch können Bindungen und Buchrücken leicht Schaden nehmen. Besonders heikel sei der Umgang mit Papierhandschriften, so Baumann.

Ein zweites Digitalisierungsatelier von E-Codices befindet sich in Cologny bei Genf. An der Uni Freiburg kümmert sich ein Team von Experten um die Aufbereitung des Materials für die Veröffentlichung im Internet.

Originale weiterhin gefragt

Wenn die Handschriften im Internet verfügbar sind, braucht niemand mehr die Originale – könnte man meinen. Doch der Eindruck täuscht. «Die Nutzung unserer Handschriften hat eher zugenommen», stellt Stiftsbibliothekar Cornel Dora fest. Durch die Digitalisierung sind die Handschriften stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Wissenschafter und Interessierte sind von der Aura der Originale fasziniert. So erhält die Stiftsbibliothek oft Besuch von Seminargruppen, die ihr Studienobjekt einmal in echt sehen und berühren wollen. Für die tatsächlichen Forschungszwecke ist die digitale Version aber meist ausreichend oder sogar noch besser als das Original.

Dennoch bergen die Handschriften noch immer Geheimnisse für die Forschung, die bei E-Codices (noch) nicht zu erkennen sind. Etwa Griffelglossen – Schriftzeichen, die in die Pergamentseiten geritzt und nur mit Hilfe von Streiflicht sichtbar sind.

Einfach im Archiv begraben kann die Stiftsbibliothek die Handschriften ohnehin nicht: Sie müssen regelmässig gepflegt und auf Schäden geprüft werden. «Das Schlimmste für eine Handschrift ist es, sie oft zu benutzen – das Zweitschlimmste, sie nie zu benutzen», sagt der Stiftsbibliothekar.

www.e-codices.unifr.ch