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Vom Kuriosum zum Trend

Das Appenzellerland und Naturheilmittel, das ist eine jahrhundertealte, eng verflochtene, manchmal auch belächelte Geschichte. Die Vielfalt rund um das Heilen ist so gross wie der Unterschied zwischen der Klosterapotheke und dem Industrieunternehmen.
Monika Egli
Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

«Wenn man etwas macht, muss man es besser machen als die andern, sonst braucht man gar nicht erst anzufangen»: Das ist Schwester Dorotheas Leitfaden für die tägliche Arbeit in der Klosterapotheke im innerrhodischen Jakobsbad. Es scheint, ein Teil des Geistes der Klostergründerin sei auf Schwester Dorothea übergegangen. Wie jene ist auch sie eine praktische Person, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Ihre Produktionsräume erinnern an eine Hotelküche: Da steht die professionelle Kenwood-Mischmaschine, ein übergrosser Schwingbesen, ein ebenso grosser Kochkessel. Die Maschinen und Geräte sind nicht neusten Datums, aber blitzblank und funktionstüchtig sind sie alleweil. Selbst der handgeschmiedete alte Brenner («niemand weiss, aus welchem Jahr er stammt») ist unverzichtbar: Gerade köcheln in ihm Angelikawurzel, Anis und sonst noch einige Kräuter, um schliesslich als das älteste Produkt des Klosters im Ladenregal zu stehen: als Angelika-Likör.

Peinlichst exakt

Uhr und Schmuck bleiben in der Garderobe, Haare, Kleider und Schuhe kommen unter Hauben, die Hände sind gewaschen und desinfiziert: Wer in die Produktionsräume der Firma Hänseler in Herisau vordringen darf, der trägt keinen Schmutz von aussen herein, hat saubere Hände wie sonst nie und hat zuvor unterschrieben, an keiner ansteckenden Krankheit zu leiden. Alex Klöti, als COO Chef der Produktion, führt von Raum zu Raum, alles macht einen sterilen Eindruck, die Arbeitsabläufe sind peinlichst genau notiert und rückverfolgbar. Hier steht der Laie ein ums andere Mal vor High-Tech-Anlagen und staunt. Gerade ist eines der bekanntesten Heilmittel der Hänseler AG, die Hamamelis-Salbe, in Produktion. Die Anlagen werden gespeist von Wasser, das in riesigen, hinter Wänden versteckten Anlagen gereinigt wird und somit stets als «aqua purificata» (Reinstwasser ohne Fremdstoffe) fliesst. Nicht nur die Qualität des Wassers bleibt konstant, das gleiche gilt für die Rezepturen. Ein wichtiger Faktor, denn bei der Hänseler AG werden zahlreiche Urtinkturen hergestellt, die als Ausgangsmaterial für homöopathische Produkte dienen. «Grundsätzlich müssen aber alle Präparate stets exakt gleich dosiert in den Handel gelangen», sagt Alex Klöti.

Aufgezwungenes wird torpediert

Das Appenzellerland und Naturheilmittel: eine eng verflochtene, jahrhundertealte Geschichte. Den Anfang nahm sie, wie vielerorten, in den Klöstern. Die im Appenzellerland schon seit Jahrhunderten liberale Haltung gegenüber Heilmitteln und Heilern führte dazu, dass es hier bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine wachsende Anzahl studierter Doktoren, dazu aber auch viele ausgebildete Wundärzte und heilkundige Männer und Frauen gab. Als 1798 der helvetische Einheitsstaat errichtet wurde, sah sich das Appenzellerland zum ersten Mal mit einer von aussen aufgezwungenen Ordnung des Gesundheitswesens konfrontiert. Mit der 1798 erlassenen «Medicinalproclamation» bliesen die zentralstaatlichen Behörden zum Kampf gegen «Quacksalber» und «Afterärzte» – die kantonalen Behörden traten mit Bussenverfügungen gegen Volksmedizin und Laienärzte an. Diese Massnahmen wurden im Appenzellerland aber laufend torpediert, selbst von Behördenmitgliedern. Landammann Mathias Oertli schrieb 1821: «Der Landmann sieht die Arzneikunde als eine freie Kunst an, deren Ausübung jedem gestattet sei (…). Darum wird die Quacksalberei nie aufhören.» Mit grossem Mehr genehmigte die Landsgemeinde 1871 das «Gesetz über die Freigebung der ärztlichen Praxis». Ein Entscheid mit Langzeitwirkung, denn weder das erste Gesundheitsgesetz von 1965 noch die Totalrevision von 1986 rüttelten an diesem Grundsatz. «Die freie Heiltätigkeit ist gewährleistet»: Dieser Artikel in der geltenden Ausserrhoder Kantonsverfassung führt die liberale Tradition fort, die in der ganzen Schweiz lange als Kuriosum galt, in jüngerer Zeit aber dem Trend hin zu alternativen Heilmethoden entspricht.

Novizin, die aus dem Rahmen fiel

Das Kapuzinerinnenkloster «Leiden Christi» in Jakobsbad hat einen wundersamen Ursprung. Das Kloster ist erst 163jährig, seine Geschichte deshalb gut dokumentiert: Mit 23 Jahren durfte Rosa Maria Bättig, geboren 1825 im luzernischen Ettiswil, endlich ins Kloster Wonnenstein eintreten, nachdem sie zuvor auf dem elterlichen Bauernhof hatte anpacken müssen. Dabei wollte sie seit ihrer Kindheit nichts anderes als ein Kloster zur Anbetung des Kostbaren Blutes Christi gründen. Rosa Maria Bättig starb bereits als 30jährige Frau. In den sieben Jahren ihrer Zeit im Kloster – sie hiess nun Schwester Maria Johanna Rosa – schritt sie mit zupackender Art zur Tat: Eine Novizin, die aus dem klösterlichen Rahmen fiel. Denn nicht nur verfasste sie, die kaum lesen und schreiben konnte, bereits die Satzungen für das noch nicht existierende Kloster, sie hatte auch Ekstasen und erhielt die Stigmata (Wundmale Christi). 1848 war das Kloster Steinerberg in Schwyz mit dem Namen «Kloster der Ewigen Anbetung des Kostbaren Blutes» aufgehoben worden. Drei Jahre später kaufte Schwester Maria Johanna Rosa dank finanzieller Unterstützung ihres Vaters im Jakobsbad das Grundstück «Sägenweidli». Schon im April 1851 war das Kloster Leiden Christi gegründet, und ein Jahr später begann die ewige Anbetung des Kostbaren Blutes Christi, wie es Schwester Maria Johanna Rosa von Jesus Christus aufgetragen bekommen hatte. Er soll ihr gesagt haben: «Ich habe das Gebet erhört und also den Anfang und die fliessende Segensquelle von einem andern Orte weggenommen» (Kloster Steinerberg). Nach dem Willen der jung verstorbenen Gründerin sollte das Kloster unter anderem eine Stätte für hilfesuchende Kranke sein.

Aufgebaut, verkauft, gekauft

Die heutige Firma Hänseler AG ist aus kleinsten Anfängen entstanden. 1964 begann Edwin Hänseler im Nebengebäude seines Wohnhauses in Herisau, pharmazeutische Produkte auf pflanzlicher Basis zu entwickeln. Noch heute, also genau 50 Jahre später, ist die Produktion und Herstellung von Präparaten auf pflanzlicher Basis für Drogerien, Apotheken und Spitäler der wichtigste Geschäftsbereich der Hänseler AG. Die Firma ist dafür die schweizweit grösste Anbieterin. Die Firmengeschichte verläuft aber keineswegs schnurgerade. Denn 1981 zog sich Edwin Hänseler aus dem Berufsleben zurück und verkaufte seinen Betrieb an die Doma AG in Basel. 1997 gelang ein Management-Buy-out: Die Hänseler AG wurde von der Doma der neu gegründeten Hänseler Holding AG verkauft. Grössere Aktienpakete gingen an die Familie des Firmengründers und das damalige Management. Ab dem Jahr 2000 wurden 15 Millionen Franken in einen Neubau im Industriequartier von Herisau sowie in modernste Anlagen investiert. 2004 übernahm die Herisauer Stiftung Steinegg die Mehrheit am Aktienkapital.

«Plausch an der Arbeit»

Schwester Dorothea geht mit der Zeit: Im modernen, vor vier Jahren im einstigen Knechtenhaus eröffneten Klosterladen mit darüber liegenden Produktionsräumen werden Bestellungen, Fakturierung und Lagerbuchhaltung elektronisch verarbeitet. Schon seit 1981 arbeitet sie, die gelernte Köchin, in der Apotheke, die eigentlich eine Drogerie ist, denn rezeptpflichtige Arzneien werden hier nicht abgegeben. Seit 1991 leitet sie das Geschäft. Viele medizinische Rezepte hat sie übernehmen können, zahlreiche Produkte hat sie umgearbeitet und auf den neusten Stand gebracht. «Salben stellen wir heute ohne Erdölprodukte her. Alles, bis auf die Kohlsalbe, basiert auf pflanzlicher Basis.» Sie hat das Sortiment auch erweitert, zum Beispiel mit Lebensmitteln und der Kosmetiklinie «Isis». Denn, wie sie sagt, «ich musste mir etwas einfallen lassen, um wieder jüngere Kundschaft in den Laden zu holen». Die Klostergemeinschaft zählt zehn Schwestern. Allerdings, und das will in der heutigen Zeit etwas bedeuten, gehören zwei Novizinnen zur klösterlichen Gemeinschaft. Eine von ihnen ist in der Ausbildung, sie wird Schwester Dorothea dereinst ablösen. Aber bis dahin dauert es noch, denn die quirlige Nonne, die als Rosmarie Buschor in Bütschwil aufgewachsen ist, hat «den Plausch an der Arbeit». Und mit ihr das ganze Team, das aus einer Mitschwester und drei Frauen aus der Umgebung besteht. «Wir alle arbeiten mit Freude, diese gute Energie fliesst in die Produkte ein», ist Schwester Dorothea überzeugt. Und es freut sie besonders, dass das Kloster Leiden Christi dank der gut gehenden Apotheke den Lebensunterhalt selber bestreiten kann. «Und dazu tragen natürlich alle bei», sagt Schwester Dorothea. Von der jüngsten, der 22jährigen, bis zur ältesten, der 89jährigen Mitschwester erfüllt jede die Arbeit, die ihr liegt. «Die ganze Gemeinschaft hilft im Hintergrund mit, auch im Gebet.»

Sortiment mit 3000 Rohstoffen

Alex Klöti arbeitet schon seit 1988 für ein Unternehmen, in dem gut 130 Mitarbeitende mehr als 2500 Kunden vorwiegend im In-, zum Teil aber auch im Ausland betreuen. Der Umsatz bewegt sich im höheren zweistelligen Millionenbereich. CEO ist seit 2008 Thomas Hediger. Der Anfangserfolg der heutigen Hänseler AG gründete auf dem Schlankheitsmittel Antiadipositum X-112, das grosse Erfolge erzielte. Um nicht von einem einzigen Präparat abhängig zu sein, versuchte man aber sukzessive, neue Produkte zu lancieren. Das war die Startphase zum Handel mit pharmazeutischen Produkten. Seit dem Jahr 2005 wird das Schlankheitsmittel nicht mehr produziert. Die bekanntesten Präparate heute sind die Nieren-Blasen-Dragées, Olbas, ein Erkältungsmittel aus natürlichen ätherischen Ölen, dann aber auch Alcacyl, die Lutschtabletten Gly-Coramin, Baldriantropfen, Heilkräuter, Tinkturen sowie viele pharmazeutische Rohstoffe. Zum Teil hat die Firma die Vertriebsrechte, zum Beispiel für die Original Bach-Blüten, den grösseren Teil stellt sie aber selber her. Das Sortiment umfasst unterdessen 3000 Rohstoffe. Pro Jahr kauft die GMP-zertifizierte Hänseler AG rund 200 Tonnen getrocknete Kräuter ein. Um keine schädlichen Insekten einzuschleppen, sind strengste Eingangs- und Lagerkontrollen vonnöten; wie alle Rohstoffe müssen auch die Kräuterlieferungen vor der Freigabe zuerst in Quarantäne-Räumen gelagert werden.

Kraftort Appenzellerland

Die Klosterapotheke und das Industrieunternehmen: Sie stehen für die Vielfalt des Heilmittelwesens im Appenzellerland, in dem sowohl Tradition als auch Innovation ihre Bedeutung haben. Dazu gehören aber auch die zahlreichen Naturheiler, selbst der Warzenbesprecher und Geistheiler, das Medium und der Handaufleger finden hier ihren Platz. Sie alle machen das Appenzellerland zur heilsamen Region – Hunderte von Hilfesuchenden pilgern jährlich hierher. So hat sich über die Jahrhunderte ein wesentlicher Wirtschaftszweig entwickelt. Manche sagen, das habe auch viel mit der Landschaft zu tun – das Appenzellerland, ein Kraftort.

Quellen: Fabrication, Kleine Industriegeschichte des Appenzellerlandes; Kloster Leiden Christi, Der rote Faden Gottes; Heiltraditionen und Innovationen, Dossier von Staatsarchivar Peter Witschi.

Alex Klöti, Produktionsleiter der Hänseler AG in Herisau, in den modernst ausgestatteten Produktionsräumen. (Bilder: Martina Basista)

Alex Klöti, Produktionsleiter der Hänseler AG in Herisau, in den modernst ausgestatteten Produktionsräumen. (Bilder: Martina Basista)

In der Firma Hänseler wurden ab 2000 gut 15 Millionen Franken investiert. Blick in den Kräuter-Lagerraum, den Kessel mit angesetzten Kräutern und in die Ausrüsterei (von links). (Bild: Martina Basista)

In der Firma Hänseler wurden ab 2000 gut 15 Millionen Franken investiert. Blick in den Kräuter-Lagerraum, den Kessel mit angesetzten Kräutern und in die Ausrüsterei (von links). (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller Zeitung (Bild: Martina Basista)

2010 wurden im Knechtenhaus des Klosters Laden und Produktion eingerichtet. Man behilft sich mit einfachen Maschinen und einem alten Schnapsbrenner. (Bild: Martina Basista)

2010 wurden im Knechtenhaus des Klosters Laden und Produktion eingerichtet. Man behilft sich mit einfachen Maschinen und einem alten Schnapsbrenner. (Bild: Martina Basista)

Appenzeller zeitung (Bild: Martina Basista)

Appenzeller zeitung (Bild: Martina Basista)

Schwester Dorothea, Leiterin der Klosterapotheke in Jakobsbad, in der einfachen, aber blitzblanken «Küche». (Bild: Martina Basista)

Schwester Dorothea, Leiterin der Klosterapotheke in Jakobsbad, in der einfachen, aber blitzblanken «Küche». (Bild: Martina Basista)

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