Vom Kohlekind zur Klimastreikerin – die St.Galler Aktivistin Miriam Rizvi über ihr Jahr

Ein Jahr nach dem ersten Klimastreik in St.Gallen zieht Sprecherin Miriam Rizvi eine persönliche Bilanz.

Noemi Heule
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Sie ist seit dem ersten Streik an vorderster Front dabei: Miriam Rizvi in der Kantonsschule am Burggraben, dem Ursprungsort der lokalen Bewegung.

Sie ist seit dem ersten Streik an vorderster Front dabei: Miriam Rizvi in der Kantonsschule am Burggraben, dem Ursprungsort der lokalen Bewegung.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 19.12.2019)

Sie sei eine Pippi Langstrumpf, liest man gern über Greta Thunberg. Vielleicht, weil die Vorreiterin aller Klima­-Jugendlichen Flechtfrisuren mag; vielleicht, weil sie sich ebenso wenig sagen lässt, wie die bärenstarke Heldin aus dem Kinderbuch. Oder schlicht, weil man ihre Heimat Schweden generell mit Autorin Astrid Lindgren assoziiert. Wie auch immer: Hat die globale Bewegung eine Pippi Langstrumpf, dann hat St.Gallen eine rote Zora.

Miriam Rizvi ist nicht Anführerin, aber Sprecherin des St.Galler Klima­kolektivs. Eigentlich gehe es aber nicht um sie, sondern um die ganze Bande, stellt sie klar. Und dennoch steht immer die 18-Jährige hin, wenn es darum geht, die Anliegen der Jugendlichen öffentlich zu vertreten. Seit dem ersten Streik heute vor einem Jahr trat die Kanti­schülerin auf Podien auf, verfasste Medienmitteilungen, vertrat die St.Galler Delegation im In- und Ausland, flimmerte auch mal in der Diskussionssendung «Club» über die Schweizer Bildschirme oder sprach in der Schweizer Botschaft in Berlin.

In der Kantonsschule am Burggraben, dem Ursprungsort der lokalen ­Bewegung, erinnert sich Miriam Rizvi zurück an die Zeit vor einem Jahr, «turbulente Tage», kurz nachdem Greta Thunberg mit ihrem «Appell an die Welt» am UNO-Klimagipfel in Polen weltberühmt wurde. Eine Woche zuvor hatte der Nationalrat die Revision des CO2-Gesetzes abgelehnt – weil sie den Linken zu lasch und den Rechten zu ­radikal war.

Es entstand ein schweizweiter Whats­app-Chat mit Sympathisanten der Klimabewegung. Innert Stunden explodierte die Zahl der Teilnehmer aus allen Landesteilen. «Da wurde mir klar, dass ich mit meinen Sorgen nicht alleine bin», sagt sie. «Dass etwas Grosses entsteht.» Dass sich die Bewegung um den Globus ausbreitet wie ein Flächenbrand nach einem Hitzesommer, damit habe sie dennoch nicht gerechnet.

Die erste Fackel in St.Gallen entzündeten die Jugendlichen eine Woche nach dem ersten Schweizer Klimastreik in Zürich. Rund 100 Kantischülerinnen und -schüler demonstrierten vor der Schule am Burggraben. Mittlerweile marschiert an den Demonstrationen ein Vielfaches auf. Der Streik wurde von der Kanti in die Innenstadt verlegt, vertreten sind mittlerweile drei Generationen.

Täglich eine Stunde für den Klimastreik

Auf die turbulenten Tage folgte ein turbulentes Jahr. Medienrummel inklusive: Die Jugendlichen waren für Schlagzeilen gut, zuerst weil sie schwänzten, dann weil sie streikten oder weil sie eine Sitzung im Kantonsrat störten. Mit dem Wahlsieg der Grünen ist das Thema Klima endgültig von der Strasse im Bundeshaus angekommen. Nur ihre Forderungen schienen im Trubel unterzugehen (siehe Zweittext). Die Bewegung werde sich abnutzen, heisst es zuweilen.

Auch für Miriam Rizvi war das Jahr turbulent. Auch ihre Energie flache manchmal ab. «Ich musste lernen, dass man den Kampf für Nachhaltigkeit auch für sich selber nachhaltig führen muss», sagt sie. Die eigenen Ressourcen zu schonen gehöre dazu. Eine Stunde pro Tag wendet sie für den Aktivismus auf, «mindestens». Sie schreibt Medienmitteilungen, beantwortet Mails, bereitet sich auf Podien vor, liest sich ein. «Ich habe eine Leidenschaft entdeckt», sagt sie. Und so streut sie in die Diskussion immer wieder Wissensfetzen ein, Buschbrände in Brasilien, Wassermangel in Syrien, Gelbwesten in Frankreich, die Kohleindustrie in ihrer Heimatstadt.

Aus Aktivistin wird Jungpolitikerin

Im US-amerikanischen Frostburg verbrachte die Tochter einer St.Gallerin und eines Pakistani die ersten 13 Lebensjahre. Im Magazin «Saiten» schreibt sie über ihre Kindheit in der Stadt, in der Kohlestaub die Häuser überzieht und bis in die Lungen ihrer Bewohner vordringt. In der ganze Berggipfel abgetragen werden, um die Kohle zu schürfen, die darunter schlummert. Viel mehr will sie über ihre bewegte Vergangenheit nicht in der Zeitung lesen.

Vor fünf Jahren kam sie in die Schweiz und kämpfte darum, in die Sek aufgenommen zu werden, obwohl sie kaum Deutsch sprach. Sie schaffte es und kurz darauf auch den Sprung in die Kanti. Dennoch bleibt die Sprache ein Stolperstein. Beim Sprechen rutscht ihr das R tief den Hals runter, manchmal verhaspelt sie sich, will zu schnell zu viel sagen. Laut, trotzig, stur. So trat sie erstmals in Erscheinung, immer mit der Maximalforderung, bis hin zum Bruch mit dem Kapitalismus. An den Forderungen hält sie fest, allerdings tritt sie nun, ein Jahr später, dezenter auf.

«Am Anfang mussten wir laut sein, jetzt können wir diskutieren.»

Nun gehe es schliesslich auch darum, die Forderungen in die Politik zu bringen.

Sie selber trat für die Juso bei den Nationalratswahlen an. Schliesslich ist sie in diesem Jahr auch auf dem Papier erwachsen geworden und somit wahlberechtigt. Nun steht ihr Name auf der SP-Liste für die Kantonsratswahlen. Auch die Stadtparlamentswahlen im Jahr darauf hat sie sich bereits vorgemerkt. «Früher habe ich darauf vertraut, dass die Politik das schon richtet», sagt sie über den Kampf gegen den Klimawandel. Nun will sie es selbst in die Hand nehmen. Als Politikerin vielleicht, sicher aber als Aktivistin – «mit der Masse kann man mehr bewegen». Heute bewegt sich diese Masse erneut durch die St.Galler Innenstadt.

Nachdem die Demo vor einem Monat wegen des Weihnachtsmarkts abgesagt wurde, haben sich die Jugendlichen nun mit der Polizei geeinigt. Die Demonstration ist schon beinah Routine, die Aufgaben sind aufgeteilt: Die Bewilligung organisieren, die Medien informieren, die Veranstaltung auf sozialen Medien bewerben, Transparente malen. Was im Kleinen funktioniert, ist im Grossen «eine Herausforderung». Die globale Bewegung ist horizontal aufgestellt, basisdemokratisch organisiert.

Weil es keine Hierarchien gibt, sei auch Greta Thunberg ein Mitglied wie jedes andere. Eigentlich. Denn viele nehmen sich die personifizierte Pippi zum persönlichen Vorbild, für die Bewegung ist sie Identifikationsfigur. Auch sie verweist immer wieder auf die Schwedin, zitiert aus ihren Reden und nimmt sie als Exempel, etwa im Umgang mit Hass, dem man mit Humor entgegentreten müsse.

Weil sie sich exponiert, ist die Kant­ischülerin Anfeindungen ausgesetzt, Belästigungen durch anonyme Anrufer etwa. Greta Thunberg stellt Angreifer auf Twitter bloss, indem sie sich etwa als «Pir­ralha» (Göre) bezeichnet, nachdem Brasiliens Präsident Bolsonaro sie so beleidigt hat. Miriam Rizvi nimmt die Angriffe mit einem Schulterzucken hin. Und plötzlich ist der Trotz zurück. Der Blick durchdringend, Nase gepierct, die Haare rot gefärbt, gekleidet in «europäischem Schwarz», wie sie sagt, weil man sich hier weniger farbig kleide als in Amerika.

Die Kleider kauft sie Im Brockenhaus, lebt vegan. Einzig ein Langstreckenflug belastet ihre persönliche Klimabilanz. Im Sommer kehrte sie erstmals zurück in die Stadt ihrer Kindheit. Über den eigenen Verzicht will sie aber nicht sprechen, «weil es nicht reicht». Stattdessen nimmt sie Politik und Konzerne in die Verantwortung und rattert ihren Forderungskatalog herunter, Klimagerechtigkeit, Klimanotstand, nettonull Treibhausgase bis zum Stichjahr 2030. Würde sie nach einem Jahr alles nochmals genauso machen? Sie verneint.

«Ich würde noch mehr fordern.»