Vom Glücksfall bis zum Tsunami

Viel Lob für die Stadt St. Gallen im Blätterwald nach dem positiven Geothermie-Entscheid. Auch aus Basel, wo die Geothermie gescheitert ist und die Geopower Basel AG soeben liquidiert wird.

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Mit besonderem Interesse wird das St. Galler Geothermieprojekt in Basel verfolgt. Als es dann auch in der Ostschweiz bebte, schien die Bestätigung für den eigenen Verzicht auf das geothermische Abenteuer gegeben. Doch St. Gallen macht weiter, nimmt das Risiko von weiteren Erdstössen bewusst in Kauf, was die «Basler Zeitung» (BaZ) in ihrer gestrigen Ausgabe beinah frohlocken lässt: «Die Tiefengeothermie bleibt in der Schweiz am Leben.» Nüchterner die Zürcher Blätter. «St. Gallen bohrt weiter», titelt der «Tages-Anzeiger», welcher dem St. Galler Projekt fast eine Seite widmet und im Kommentar dann doch feierlich wird: «So entscheiden Pioniere». Die Fortführung der Arbeiten sei für den Fortschritt der Tiefengeothermie in der Schweiz «enorm wichtig». Für die Forschung werde St. Gallen so «zum Glücksfall». Die NZZ wahrt ihre Bodenhaftung, schreibt von der «Geothermie mit erhöhten Risiken» und meint die seismischen Störungszonen unter der Stadt. Sie sind auch dem «Blick» zwölf Zeilen wert. Die St. Galler bohrten weiter, obwohl erst knapp einer Katastrophe entronnen, heisst es da.

St. Galler mutiger als Basler

Auch in der Romandie sind die St. Galler Geothermie-Bestrebungen ein Thema. Erst recht seit dem Beben vom 20. Juli. «St. Gall croit toujours à la géothermie», St. Gallen glaubt immer noch an die Geothermie, berichtet etwa «Le Temps». Die St. Galler hätten sich nicht entmutigen lassen. Im Gegensatz zu den Baslern eben. Am Rheinknie stünden die Chancen für die Geothermie weiterhin schlecht, verheisst ein Funktionär von Geo Energie Suisse in der BaZ. Ironie des Schicksals: In diesen Tagen wird dort die Liquidation der Geopower Basel AG vollzogen. Sie hatte seinerzeit für das Basler Projekt verantwortlich gezeichnet.

Zum Glück seelos

«Tsunamis könnten Teile Zürichs fluten», titelt schliesslich das (Gratis-)«Tagblatt der Stadt Zürich». Dies aus aktuellem Anlass, der mit den St. Galler Geothermie-Ambitionen allerdings wenig zu tun hat. Am Wochenende finden die Zürcher Wissenschaftstage unter anderem zum Thema Erdbebenrisiko statt. Die Aussage mit den Tsunamis wird Stefan Wiemer in den Mund gelegt, Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes, der beratend auch den hiesigen Geothermie-Verantwortlichen zur Seite steht. – Und für einmal hält sich das Bedauern über das seelose St. Gallen sogar in Grenzen. Andreas Nagel