(Bild: Raphael Rohner)

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Vom Glück des «Öberefahre» - Pfändlers auf Alpabfahrt

Zäuerli und der Klang von Kuhglocken läuten im Appenzellerland den Herbst ein. Für die Sennen ist es Zeit, mit ihrem Vieh zurück von der Alp ins Tal zu ziehen - auch für Familie Pfändler aus Urnäsch.

Christof Krapf
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«Wünsch Glück». Diese Worte rufen Passanten an diesem Vormittag immer wieder. Familie Pfändler zieht von ihrer Alp oberhalb von Jakobsbad zurück auf den heimischen Hof in Urnäsch. «Öberefahre», nennen die Einheimischen den uralten Sennenbrauch. «Die Glückwünsche sind für den Heimweg und den Winter», sagt Bauer Köbi Pfändler.

Glück kann man immer brauchen, denken wir. Vielleicht fällt etwas für uns ab - glücklich werden durch die Teilnahme an einem Alpabzug. Eintauchen in eine völlig andere Welt, die sich nur wenige Kilometer von der Stadt St.Gallen entfernt befindet.

Bauer Köbi Pfändler aus Urnäsch. (Bild: Raphael Rohner)

Bauer Köbi Pfändler aus Urnäsch. (Bild: Raphael Rohner)

Manchmal, da nützt allerdings alles Glück der Welt nichts. Elvira und Sarina wollen nämlich die malerisch im Appenzeller Hügelland gelegene Alp ums Verrecken nicht verlassen. Statt ins Tal galoppieren die beiden Kühe bergauf. Ja, Kühe galoppieren manchmal. Alles Fluchen ist vergeblich. Das «Strohlegi Chue» oder «huere Affä» von Bauer Pfändler kümmern das störrische Duo nicht.

Pfändler - 60 Jahre alt - und ein Helfer eilen deshalb im steilen Gelände den Berg hinauf. Letzterer behält den Rössli-Stumpen dabei im Mund; kein Problem, diese paar Höhenmeter. Mit Rufen und dem einen oder anderen Zwick mit einem Holzstecken treiben die Männer die Ausreisserinnen zurück zur Herde.

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Kalorienreicher Zmorge

Begonnen hat der Tag zwei Stunden zuvor auf dem Hof der Pfändlers in Urnäsch. Nach dem Zmorge, einer kurzen Einkehr in einem Restaurant in Jakobsbad, folgt auf der Alp die nächste Stärkung. Köbi Pfändler hat für seine Familie und die Helfer «Rohmzonne» gekocht. Das Gericht aus Rahm und Mehl essen die Sennen direkt aus der Pfanne. Die Kalorien machen ihnen nichts aus - Querulantinnen wie Elvira und Sarina sei Dank.

Rezept «Rohmzonne»

Zutaten
7 Deziliter Rahm
2 EL Mehl
1 Deziliter Milch
nach Belieben Salz

Zubereitung
1. Rahm aufkochen
2. Aus Mehl und Milch einen Teig rühren, in den Rahm einrühren.
3. Salz nach Belieben zugeben, auf kleiner Stufe köcheln lassen, bis sich auf der Oberfläche etwas Butter angesammelt hat.
4. Mit Brot und Milchkaffee servieren.
5. Die «Rohmzonne» wird aus der Pfanne gegessen.

Quelle: Landfrauenvereinigung Appenzell Ausserrhoden

Vor der Alphütte formiert sich jetzt der Alpabzug. Erste Glücksgefühle stellen sich ein: Dumpf tönt der Klang der Glocken über die Weide, die Sennen stimmen ein Zäuerli an. «Für uns ist die Alpfahrt ein Festtag», sagt Köbi Pfändler.

(Bild: Raphael Rohner)

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An diesem Fest sind drei Generationen Pfändlers dabei. Der Enkel geht in der Kindertracht voraus, dahinter treibt die Enkelin die weissen Appenzeller Ziegen. Dann folgen die Sennen in gelben Lederhosen, den hölzernen und prächtig bemalten «Fahreimer» über die linke Schulter gehängt. Die schönsten Kühe dürfen mit Schellen um den Hals an der Spitze des Zuges marschieren. Nach der Herde folgen Pfändlers Sohn Köbi Junior mit dem Muni, Köbi Senior als Besitzer des Viehs und Tochter Irene mit dem Ledi, einem hölzernen Pferdewagen.

Alpabzug der Familie Pfändler aus Urnäsch

Die Tochter bewirtschaftet die Alp

Die Alpwirtschaft ist bei Pfändlers seit 40 Jahren Familiensache. Schon die Eltern verbrachten den Sommer hier, Sohn Köbi ebenfalls. In den vergangenen zwei Jahren zog Tochter Irene auf die Alp. Während 16 Wochen hatte die 22-Jährige die Verantwortung für gut 30 Kühe und den Muni. «Diese Erfahrung wollte ich unbedingt machen», sagt die gelernte Verkäuferin.

Während Gleichaltrige in die Sommerferien, in den Ausgang oder in die Badi gingen, war bei Irene Pfändler jeweils um 5 Uhr Tagwache. Melken, zum Vieh schauen, Unkraut mähen. Zu tun gab es immer etwas. Lange Arbeitstage in einer einfachen Unterkunft. Trotzdem sagt die junge Frau: «Ich habe die Ruhe hier oben genossen.» Da sind sie wieder, diese Glücksgefühle auf der Alp.

«Ich finde es schön, dass auch die Jungen Freude an der Alp haben», sagt Köbi Pfändler. Mit seinen Enkeln steht die nächste Generation schon in den Startlöchern.

Keiner soll zu spät zum Zmittag kommen

Mittlerweile hat sich der Trubel gelegt, die ausgerissenen Kühe sind eingefangen. Geordnet zieht der Alpabzug ins Tal, die Sennen an der Spitze stimmen ein Zäuerli an. Je näher der Zug dem Hof kommt, desto zahlreicher werden Zuschauer und Passanten am Strassenrand.

Glückwünsche hier und da, die Wirte von Restaurants an der Strecke offerieren Weisswein und Wasser - «Usehebe», heisst das. Zeit für einen Schwatz haben die Sennen meistens nicht. Auch wenn das Tempo der Viehherde gemächlich ist: Ein Danke und ein Glas auf ex - dann geht es weiter. Routiniers schieben ab und zu eine Runde Wasser ein.

Mittlerweile befindet sich der Zug auf der Strasse zwischen Jakobsbad und Urnäsch. Dahinter hat sich eine Kolonne von Autos gebildet. Touristen zücken ihre Handys; fotografieren das Treiben. Für einmal bestimmen die Tiere den Rhythmus. Kaum ein Autofahrer getraut sich, den Alpabzug zu überholen. Deshalb schaut Köbi Pfändler auch, dass er gegen Mittag am Ziel ist. «Keiner soll wegen uns zu spät zum Zmittag kommen», sagt er schmunzelnd.

(Bild: Raphael Rohner)

(Bild: Raphael Rohner)

Pünktlich biegt der Zug schliesslich auf die Hauptstrasse in Urnäsch ein. Die Sennen jauchzen; aus dem Altersheim winkt der 93 Jahre alte Vater von Köbi Pfändler - noch eine Generation. Bald darauf ist es geschafft: Auf der Weide vor dem heimischen Hof beginnen die Kühe sofort zu grasen.

Köbi Pfändler ist zufrieden: «Alles hat geklappt, das Wetter war gut, und wir hatten keinen Schaden an einem Auto. Das ist das Wichtigste.» Auch für die Familie ist nun die Zeit gekommen, beim Zmittag auszuruhen. «Wir geniessen jetzt den Nachmittag noch», sagt Tochter Irene. Danach ruft wieder die Arbeit. Vorher aber noch die Glücksgefühle geniessen. «Wünsch Glück», bis zum nächsten Jahr.

Termine Alpabfahrten

Freitag, 7. September
Landwirt: Bruno Hersche, Schlatt
Strecke: Schwyzerälpli – Weissbad – Steinegg – Appenzell (Brauereiplatz) – Appenzell (Hauptgasse) – Haslenstrasse – Schlatt
Zeit: ca. 13.45 Uhr Appenzell (Brauereiplatz)

Samstag, 8. September
Landwirt: Christoph Inauen, Lehn
Strecke: Stoffleren – Weissbad – Steinegg – Appenzell (Hauptgasse) – Lehn
Zeit: ca. 11 Uhr Appenzell (Hauptgasse)

Landwirt: Stefan Fässler, Hirschberg
Strecke: Alp Dunkelberndli – Lehmen – Weissbad – Steinegg – Umfahrungsstrasse – Eggerstandenstrasse
Zeit: ca. 13.30 Uhr Steinegg

Landwirt: Emil Enzler, Appenzell, Kaustrasse
Strecke: Alp Vordere Leu – Lehmen – Weissbad – Steinegg – Appenzell (Hauptgasse) – Kaustrasse
Zeit: ca. 14 Uhr Appenzell (Hauptgasse)