Interview
«Vom Burkaverbot halte ich gar nichts»: Die Wiler CVP-Regierungskandidatin Susanne Hartmann im Interview

Die CVP will mit der Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann in die Regierung. Die 49-Jährige weicht allerdings auch mal von der Parteilinie ab. Im Interview spricht sie über Religion, Michelle Obama und die Grenzen der Regionalpolitik.

Adrian Lemmenmeier, Adrian Vögele
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«Entweder man lernt einzustecken oder man hört auf mit der Politik»: Susanne Hartmann. (Bild: Urs Bucher)

«Entweder man lernt einzustecken oder man hört auf mit der Politik»: Susanne Hartmann. (Bild: Urs Bucher)

Von ihrem Arbeitsplatz im zweiten Stock des Rathauses hat Susanne Hartmann beste Aussicht auf den Stadtteich. Bei den Wahlen im März will die Wiler Stadtpräsidentin für die CVP den zweiten Sitz in der St.Galler Regierung verteidigen. Gelingt das, würde sie den Blick ins Grüne vermissen, sagt die 49-Jährige bei einem Glas Wasser. Allerdings habe sie ohnehin nicht viel Zeit, um aus dem Fenster zu schauen.

Sie werden oft als sehr nett beschrieben. Wann waren Sie das letzte Mal richtig wütend?

Susanne Hartmann: Am Mittwoch im Wiler Stadtparlament. Unserem Personaldienst wurde unterstellt, er würde gewisse Nationalitäten bei der Anstellung neuer Mitarbeiter nicht so berücksichtigen, wie er sollte.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Anständig in der Wortwahl, aber sehr bestimmt. Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren, ärgern mich massiv. Oder wenn Menschen ungerecht behandelt werden – das ertrage ich überhaupt nicht.

Warum wollen Sie in die St.Galler Regierung?

Mich reizt die Herausforderung. Ich bin sehr gern Stadtpräsidentin von Wil. Aber nach sieben Jahren in diesem Amt habe ich auch Lust, auf einer anderen Ebene mitzugestalten. Und der Kanton St.Gallen liegt mir am Herzen.

Sie wären das vierte Regierungsmitglied aus dem Fürstenland. Wie erklären Sie das jemandem aus dem Linthgebiet?

Die Frage ist berechtigt, aber auch ­etwas überbewertet. In der Regierung sassen auch schon zwei Vertreter aus Rapperswil-Jona oder drei aus der Region St.Gallen. Als Regierungsmitglied vertritt man nicht eine Region, sondern den ganzen Kanton. Im Wahlkampf werde ich natürlich in allen Kantonsteilen präsent sein, in Mels, Sargans, Walenstadt, Rapperswil. Die Leute müssen einen spüren.

Die Chancen sind intakt, dass es bald mehr Frauen in der Regierung gibt. War das für Sie ein Grund, zu kandidieren?

Nicht direkt. Bei der Zusammenstellung von Teams ist auf jeden Fall eine gute Durchmischung wichtig. Die Regierung mit sieben Mitgliedern kann locker zwei, drei, auch vier Frauen vertragen. Ich habe als Juristin oft in Teams gearbeitet, in denen ich die einzige Frau war, und weiss aus eigener Erfahrung, dass die Zusammenarbeit anders ist, wenn mehr Frauen dabei sind.

Sie kommen aus einer politischen Familie, Ihr Vater war bereits Wiler Stadtpräsident. Wie hat Sie diese Herkunft geprägt?

Mein Zwillingsbruder und ich haben uns schon in der Primarschule für Politik interessiert, Zeitung gelesen, alle Bundesräte mit Namen gekannt. Später am Lehrerseminar hatten wir das Fach «Politische Rechte» – das fanden alle in der Klasse langweilig ausser ich.

Sie haben Aufsehen erregt, weil Sie sich bei den SBB über ausgefallene Zugshalte in Wil beschwert haben. Unternimmt der Kanton genug, um verkehrstechnisch nicht abgehängt zu werden?

Man kann immer mehr machen. Die Zeithorizonte in der Planung des ÖV sind allerdings gross – wir reden von einer Vorlaufzeit von 20 bis 25 Jahren. Gegen Schwachpunkte, die wir heute feststellen, hätte man also vor zehn oder fünfzehn Jahren intervenieren müssen. Der Kanton St.Gallen ist momentan in einer weniger komfortablen Lage als etwa der Thurgau. Fakt ist auch: Wenn die SBB und der Zürcher Verkehrsverbund etwas wollen, ist es schwierig, dagegen anzukämpfen.

Zankapfel der Stunde im Kanton sind die Spitäler. Was sagen Sie zur Strategie der Regierung?

Eine Strukturbereinigung ist unumgänglich. Die Qualität muss an erster Stelle stehen und finanzierbar sein. ­Mit dem Vier-Plus-Fünf-Konzept ist man auf dem richtigen Weg. Wichtig ist, den Leuten klarzumachen, dass sie auch gut versorgt sind, wenn eine stationäre Abteilung schliesst. Wir haben gute Rettungsdienste, die schnell vor Ort sind.

Wil gehört allerdings zu den glücklichen Standorten, die ihr Spital behalten dürfen.

Klar: Wenn es geheissen hätte, das Spital Wil werde geschlossen, hätten wir uns im ersten Moment auch gewehrt. Aber es findet ein Umdenken statt, auch in der Bevölkerung. Man kann im Gesundheitswesen keine Regionalpolitik mehr betreiben. Das ist schlicht nicht finanzierbar.

Sie politisieren für die CVP. Wie wichtig ist Religion für Sie?

Ich gehe nicht regelmässig in die Kirche, bin aber religiös und spirituell interessiert. Ich glaube an eine höhere Macht, an Gott und dass die Seele nach dem Tod irgendwie erhalten bleibt. Religion hat ausserdem eine wichtige gesellschaftliche Funktion, wenn sie nicht fundamentalistisch ausgelegt wird.

Dank Ihrer Partei hat der Kanton St.Gallen ein Burkaverbot. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Ich habe die Debatte damals als Zuschauerin im Kantonsrat mitverfolgt. Als mir ein Fraktionsmitglied sagte, dass die CVP für dieses Verbot stimmt, bin ich aus allen Wolken gefallen. Das Gesetz verstösst meines Erachtens gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit, also gegen die Bundesverfassung. Ausserdem ist der Vollzug sehr schwierig.

In Wil leben verschiedene Religions­gemeinschaften. Wie gelingt ein gutes Miteinander?

Zum einen finde ich wichtig, dass Religion Platz hat. Zum Beispiel in Schulen. Weihnachten aus dem Schulzimmer zu verbannen, ist der falsche Weg. Man soll aber genauso Ramadan, Bajram oder Chanukka thematisieren. Zum andern ist es wichtig, dass Begegnungen stattfinden. So werden Vorurteile abgebaut. Deshalb treffe ich mich zweimal im Jahr mit den Pfarrern und den Imamen der Stadt Wil.

Unternimmt der Kanton St.Gallen genug für die Integration?

In Sachen Integration habe ich den Kanton zu wenig gespürt. In Wil haben wir Dinge initiiert, die danach von anderen Regionen übernommen wurden.

Zum Beispiel?

Erstgespräche. Wer sich in Wil anmeldet, erhält von der Fachstelle Integration eine Einladung zu einem Gespräch. Dort werden Fragen besprochen, die für den Alltag der Menschen wichtig sind. Wie funktioniert der ÖV? Die Schule? Die Grünabfuhr? Pro Jahr führen wir gut hundert Gespräche.

Welches Buch lesen Sie derzeit?

Die Biografie von Michelle Obama.

Was fasziniert Sie an der ehemaligen First Lady?

Sie ist eine beeindruckende Person, die viel durchgemacht hat; die klassische starke Frau hinter dem Mann. In der amerikanischen Politik geht es anders zu und her als im Kanton St.Gallen. Da braucht es eine richtig dicke Haut.

Haben Sie sich als Politikerin auch eine dicke Haut zugelegt?

Schon. Im Wahlkampf um das Wiler Stadtpräsidium wurde ich auch angefeindet. Ich musste mir auch Sprüche unter der Gürtellinie anhören. Solche Attacken waren die Ausnahme, kamen aber vor. Entweder man lernt, sie wegzustecken, oder man muss mit der Politik aufhören. Wichtig ist, dass man lernt, abzuschalten.

Wie gelingt Ihnen das?

Mit der Familie, meinen Göttibuben und Nichten und meinen Freundinnen. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, ist der Alltagsstress vergessen. Vor dem Schlafen jasse ich ausserdem gerne einen Schieber auf dem Smartphone.

Lehrerin, Juristin, Präsidentin

Seit sieben Jahren ist Susanne Hartmann Wiler Stadtpräsidentin. Davor sass sie 14 Jahre für die CVP im Wiler Stadtparlament, das sie 2003 präsidierte. Hartmann ist gelernte Primarlehrerin und studierte Juristin. 2012 setzte sie sich als wilde Kandidatin im Rennen ums Stadtpräsidium gegen Parteikollege Armin Eugster durch. Am Freitag nominierte die St.Galler CVP Susanne Hartmann als offizielle Kandidatin für die Regierungsratswahlen. Die 49-Jährige setzte sich parteiintern gegen den abgewählten Nationalrat Thomas Ammann durch, den die Rheintaler Sektion vorgeschlagen hatte. (al)