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VOLLGELD-INITIATIVE: Ehemaliger St.Galler Finanzchef will Schweiz umkrempeln: «Unser heutiges Geld ist unsicher»

Früher hat Reinhold Harringer als Finanzchef das Geld der Stadt St.Gallen verwaltet. Heute will er mit der Vollgeld-Initiative die Schweiz umkrempeln. Das Vorhaben sei eine Chance, die Übermacht der Finanzmärkte zu bändigen.
Michael Genova
«Wenn Ihre Bank in Schwierigkeiten gerät, könnten Sie Ihr Geld verlieren», warnt Reinhold Harringer. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 19. April 2018))

«Wenn Ihre Bank in Schwierigkeiten gerät, könnten Sie Ihr Geld verlieren», warnt Reinhold Harringer. (Bild: Hanspeter Schiess (St. Gallen, 19. April 2018))

Interview: Michael Genova

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;"><em style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Reinhold Harringer, Bundesrat Ueli Maurer hat die Vollgeld-Initiative am Dienstag als riskantes Experiment bezeichnet. Warum wählt er so drastische Worte?

Der Bundesrat hat Angst, dass die Stimmbürger die Initiative annehmen könnten. Wir haben ohne grosse Organisation im Rücken 110000 Unterschriften zusammengebracht. Das war eine grosse Überraschung für die Banken, aber auch für den Bundesrat.

Woher kommt diese Zustimmung?

Das Unbehagen in der Bevölkerung ist gross. Das habe ich in den vergangenen Monaten gespürt, als ich mit vielen Menschen auf den Strassen sprach. Auch eine Umfrage des Schweizer Fernsehens hat kürzlich ergeben, dass 51 Prozent aller Ökonomen das heutige Finanzsystem für unsicher halten. Wir wollen dieses System sicherer machen.

Für Laien ist die Initiative schwer verständlich. Worum geht es?

Wir wollen, dass künftig alles Geld von der Nationalbank kommt. In der Schweiz wurde 1848 die private Münzherstellung und 1891 die private Banknotenherstellung verboten. Rund 90 Prozent unseres Geldes macht heute jedoch das elektronische Buchgeld auf den Bankkonten aus. Dieses Buchgeld wird von den privaten Banken per Knopfdruck selbst hergestellt. Das wollen wir ändern.

Was ist so schlimm daran, dass private Geschäftsbanken Geld selber schöpfen dürfen?

Zuerst einmal ist es ungerecht, dass nur sie dies dürfen. Sie haben praktisch keine Herstellungskosten bei der Vergabe von Krediten und können trotzdem von Schuldnern einen Zins verlangen. In guten Zeiten haben sie dadurch Milliarden verdient. Dazu kommt: Unser heutiges Geld ist unsicher, weil es teilweise zum Eigentum der Bank wird, sobald wir es ihr übergeben. Wenn ihr Arbeitgeber den Lohn auf ihr Bankkonto überweist, wird dieses Geld zu einem Bestandteil der Bankbilanz. Gerät die Bank in Schwierigkeiten, könnten Sie Ihr Geld verlieren. Das ist zum Beispiel 1991 beim Zusammenbruch der Spar und Leihkasse Thun passiert. Andere Banken mussten mit Steuergeldern gerettet werden.

Ökonomen weisen jedoch darauf hin, dass ohne die Kredite der ­Geschäftsbanken unser heutiger Wohlstand nicht denkbar wäre.

Ein Stück weit ist das richtig. Aber nicht die Banken sind die Erschaffer dieses Wohlstands, sondern das Geld, welches die Banken in Umlauf gebracht haben. Und dieses Geld hätte die Nationalbank genauso gut in Umlauf bringen können. Genau das schlagen wir vor: Die Nationalbank schöpft das Geld, gibt es den Geschäftsbanken, welche die Feinverteilung der Kredite übernehmen.

Warum sollte die zentrale Nationalbank den Kreditbedarf besser einschätzen können als das dezentrale System der Banken?

Wir wollen nicht, dass die Nationalbank direkt Kredite an Firmen oder Privatpersonen vergibt. Die Nationalbank kann ja nicht aus dem fernen Bern beurteilen, ob Sie oder ich eine Hypothek erhalten sollen. Der Bundesrat unterstellt uns zu Unrecht, dass unsere Initiative zu einer Zentralisierung des Kreditwesens führen würde. Wir wollen eine Zentralisierung des Geldwesens, das ist nicht dasselbe. Wir wollen die Trennung von Geld und Kredit. Die Nationalbank würde den Banken einfach die notwendige Geldmenge zur Verfügung stellen.

Die Folge für die Kunden wären höhere Gebühren und Kreditzinsen.

Ich bestreite, dass eine Annahme der Vollgeld-Initiative die Kontogebühren verteuern würde. Denn die Konkurrenz unter den Banken bliebe bestehen. Und vor allem gibt es eine starke Konkurrenz neuer Technologie-Anbieter, die den Zahlungsverkehr künftig viel günstiger machen werden. Auch die Kreditverteuerung ist ein Angstgespenst. Die Nationalbank wäre nach wie vor in der Lage, eine Tiefzinspolitik zu betreiben. Deswegen müssen die Kredite nicht teurer werden.

Sie versprechen auch, dass die Nationalbank künftig Milliarden an Staat und Bürger verteilen könnte. Woher soll dieses Geld kommen?

Die Nationalbank kann Geld aus dem Nichts schöpfen. Und sie kann es dem Bund oder den Kantonen überweisen. Das macht sie teilweise heute schon, wenn sie dem Bund und den Kantonen ihren Gewinn überweist. Wichtig dabei ist: Wie hoch die Ausschüttungen an Staat und Bürger sind, entscheidet die Nationalbank alleine nach geldpolitischen Überlegungen.

Dieses Gratisgeld könnte jedoch den politischen Druck auf die Nationalbank erhöhen. Wie wollen Sie dies verhindern?

Im Gegensatz zum Bundesrat vertraue ich den Schweizer Institutionen. Die ­Nationalbank ist ja schon heute unter Druck. Die Diskussion über die Gewinnablieferung wurde in der Vergangenheit mehrfach geführt – die Nationalbank hat sich stets durchgesetzt. Die Politiker müssen einsehen und gesetzlich fest­legen, dass die Nationalbank komplett unabhängig entscheiden kann.

Die Milliarden-Ausschüttungen könnten jedoch das Vertrauen erschüttern, dass die Nationalbank stabile Preise garantieren kann.

Die Gefahr bestünde nur, wenn die Nationalbank politischem Druck tatsächlich nachgäbe. Aber ich gehe davon aus, dass sie damit umgehen kann. Ihr Auftrag bleibt unverändert: Die Wahrung der Preisstabilität unter Berücksichtigung der konjunkturellen Lage.

Warum wollen Sie eine Revolution und keine schrittweise Reform?

Die Initiative ist keine Revolution, sondern eine logische Weiterentwicklung des Geldsystems. Dieses hat sich in der Vergangenheit immer wieder verändert. Bis in die 1970er-Jahre gab es eine direkte Deckung durch das Gold, dann wurde mit untauglichen Mitteln versucht, die Geldmenge zu beeinflussen. Nun schlagen wir eine bessere Steuerung der Geldmenge vor.

Im Nationalrat waren nur einzelne Mitglieder der SVP, SP und Grünen für das Vollgeld. Warum konnten Sie nicht mehr Politiker überzeugen?

Weil diese Leute alle überbeschäftigt sind. Die Politiker haben sich nicht die Mühe gemacht, das Problem in der Tiefe zu analysieren. Auf der rechten Seite bestehen zudem sehr nahe Verbindungen zu den Banken, und die Linken verstehen das Geldproblem nicht. Sie gehen noch immer davon aus, dass das Geld mehr oder weniger neutral ist.

Sie waren 20 Jahre lang Leiter des Finanzamts der Stadt St. Gallen. Warum wollen Sie nach ihrer ­Pensionierung die Welt verändern?

Ich will nicht die Welt verändern. Ich will nur, dass unser elektronisches Geld so sicher wird wie die Banknoten. Was soll daran revolutionär sein? Das Thema Geld beschäftigt mich schon lange. In meiner Zeit als Finanzverwalter schickte die Stadt St. Gallen jedem Bewohner ­einen 50-Franken-Gutschein nach Hause. Dahinter stand schon damals die Idee des Bürgergeldes. Der Staat schüttet in besonderen Situationen Geld an seine Bürger aus und kann dadurch den Wirtschaftskreislauf ankurbeln. Diese Idee ist auch im Vollgeld enthalten.

Welche Rolle spielt ihr Engagement für die St. Galler Zeitbörse Benevol und die Stiftung Zeitvorsorge?

Zeitbörsen sind alternative Tauschsysteme, die der Übermacht des Geldes ein wenig entgegenwirken. Über die Zeitbörsen kann man sich im Garten helfen lassen oder Betreuungsarbeit leisten. Diese Tauschgeschäfte werden ohne Geld abgewickelt. Zentral dabei ist, dass jede Arbeit gleich viel wert ist. Auch beim Vollgeld geht es darum, die Übermacht des Geldes und der Finanzmärkte zu bändigen. Wir wollen mehr Geld in die Realwirtschaft leiten und die Spe­kulationen auf den Finanzmärkten begrenzen.

Gemäss einer Umfrage befürworten zurzeit 37 Prozent der Befragten die Vollgeld-Initiative. Wie wollen Sie diesen Rückstand noch aufholen?

Indem wir aufklären. Die Diskussion geht erst jetzt so richtig los. Der Bundesrat hat sich diese Woche gegen unsere Initiative ausgesprochen, und wir werden nun darauf reagieren. Zum Beispiel auf die schlechte Qualität des Abstimmungsbüchleins. Wer es liest, erhält ein völlig verzerrtes Bild unserer Initiative. Wir prüfen deshalb eine Klage. Ich habe während meines Berufslebens zahlreiche politische Vorlagen mitverfasst und bin sicher: Eine Abstimmungsvorlage mit einer so schlechten Qualität wie das aktuelle Abstimmungsbüchlein des Bundes hätten das St. Galler Rathaus nie verlassen.

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