Volkswirtschaftschef Damann und IHK-Chef Bänziger sind sich einig: «Wir müssen den totalen Lockdown um jeden Preis verhindern»

In der TVO-Talksendung «Zur Sache» nahmen der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann und IHK-Direktor Markus Bänziger am Mittwoch Stellung zur Lage der Ostschweizer Wirtschaft und den kantonalen Hilfsmassnahmen. Beide betonten, dass eine strikte Ausgangssperre für die Wirtschaft fatal wäre.

Marcel Elsener
Hören
Drucken
Teilen
Im Gespräch über die Ostschweizer Wirtschaft: Der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann (links) und IHK-Präsident Markus Bänziger (rechts) mit Moderator Stefan Schmid.

Im Gespräch über die Ostschweizer Wirtschaft: Der St.Galler Regierungsrat Bruno Damann (links) und IHK-Präsident Markus Bänziger (rechts) mit Moderator Stefan Schmid. 

Bild: Urs Bucher

Das milliardenschwere Hilfspaket des Bundes in der wirtschaftlichen Not der Coronakrise unterstützen die Kantone mit zusätzlichen Hilfsmassnahmen: St.Gallen hat 40 Millionen Franken zugunsten der KMU sowie 7 Millionen für die Kultur gesprochen, Innerrhoden hilft mit 3 Millionen, die Angebote von Thurgau und Ausserrhoden sind noch ausstehend.

Reichen diese Gelder, um die Ostschweizer Wirtschaft am Leben zu erhalten? Dies wollte Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid im TVO-Talk vom St.Galler Volkswirtschaftsdirektor Bruno Damann und von Markus Bänziger, Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell (IHK) wissen. 

Wenn es «zügig» gehe, also die Pandemie wie nun erwartet in zwei Monaten überstanden sei, reichten diese Mittel, sagte Damann.

«Wenn es länger dauert, reichen sie nicht.»

Es liege auch am Kantonsrat, den Betrag im Mai allenfalls zu erhöhen.

Entscheidend sei die Dauer der Krise, bestätigte Bänziger. «Zum Glück haben wir in der Schweiz nur einen Teil-Lockdown, den totalen Lockdown müssen wir um jeden Preis verhindern.»  Solange 70 bis 80 Prozent der Ostschweizer Wirtschaft noch laufe, stehe sie «noch eine Weile durch», meinte der IHK-Direktor. Die St.Galler Regierung wolle «unter keinen Umständen eine Ausgangssperre», gab ihm Damann recht. Wenn es trotzdem soweit käme, müsste der Bund seine 40 Milliarden wohl verzehnfachen.

Schnelle Hilfe bei den Banken, hohe Hürden für Trittbrettfahrer

Ansprechstelle für notleidende KMU wie ein Coiffeur oder ein Restaurant seien nun die Banken, die via Internet rasch und «sehr einfach» Darlehen von zehn Prozent des Jahresumsatzes über fünf Jahre gewährten, sagte Damann. Dies sollte für drei, vier Monate  zur Existenzsicherung reichen. Wenn die 10 Prozent nicht reichten, hilft der Kanton aufgrund der Bewertung durch eine Bank mit einer Bürgschaft bis zu 15 Prozent des Jahresumsatzes. 

Nachdem die Ostschweizer Wirtschaft gut ins Jahr gestartet sei, könnte dies Trittbrettfahrer auf den Plan rufen, meinte Moderator Schmid. Diese Gefahr bestehe immer, sagte Bänziger, doch biete das System mit Bankkrediten und Kurzarbeitgesuchen dagegen Gewähr. «Die Hürden für Missbrauch sind relativ hoch, weil die Banken ihre Kunden kennen.»

Unternehmen bemühen sich, nur teilweise Kurzarbeit einzuführen

Der Kanton hat mit Hilfe der Wirtschaft und der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) die Mitarbeiter für die Tausenden Kurzarbeitgesuche aufgestockt.  Ab Ende dieser Woche bearbeiten 30 Personen die Gesuche, erwartet werden über 8000, laut Damann soll die Flut «innert 10 bis 14 Tagen» abgeschafft sein. Zwar hätten mittlerweile auch grosse Industrieunternehmen um Kurzarbeit ersucht, doch bemühten sie sich, nur Teile ihres Betriebs zu reduzieren, betonte Bänziger. «Der Warenfluss muss funktionieren», sagte er. «Und die Menschen können und wollen arbeiten.» Dass Ostschweizer Unternehmen auf ein intaktes Wirtschaftssystem mit unzähligen Zulieferern angewiesen seien, illustrierte der IHK-Chef mit dem Beispiel von Bühler Uzwil, das 60 Prozent der weltweiten Getreideverarbeitung und 30 Prozent der Reisverarbeitung leiste. 

Im Vergleich mit dem Kanton Zürich, der eine halbe Milliarde bereitstelle, und mit Innerrhoden, dessen 3 Millionen hochgerechnet auf St.Gallen 116 Millionen bedeuteten, bewegt sich der grösste Ostschweizer Kanton gemäss Schmid mit seiner Hilfe «am unteren Rand». Von einer Steuersenkung, wie sie der reiche Kanton Zug nun gewährt, ist noch keine Rede. Angesichts des guten Rechnungsabschlusses wäre dies laut Bänziger «kein schlechtes Signal», jedoch fordere man derzeit keine zusätzliche Steuererleichterung. Die viel betonte Eigenverantwortung seiner Mitglieder will der Wirtschaftsverband unter anderem mit dem Abbau von Ferien und Überzeitguthaben sowie mit Anfragen bei den Vermietern wahrnehmen.

Den drohenden wirtschaftlichen Schaden der Coronakrise mag der Volkswirtschaftsdirektor noch nicht berechnen. Bruno Damann hofft allerdings, dass es von den drei Krisenszenarien mit V-,  U- und L-Verlauf bei einer Mischung der ersten beiden bleibt. «Sonst gibt es dann nicht nur eine Rezession, sondern eine Depression.» Davon ist die Ostschweizer Wirtschaft zum Glück weit entfernt - solange es beim Teil-Lockdown bleibt.

Mehr zum Thema