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Völlig irritiert hat mich Ihre Verschwörungstheorie

Replik auf Gottlieb F. Höplis Ansichten zur Sexismusdebatte
Antonella Bizzini

Sehr geehrter Herr Höpli, ich habe Ihren Beitrag unter der Rubrik «Ansichten» zunächst mit Interesse und schliesslich mit zunehmender Irritation gelesen.Mir wurde einfach nicht klar, welches genau Ihre Ansicht ist. Sind Sie der Ansicht, dass Journalistinnen nur dann klug sind, wenn es ihnen verleidet, sich als Angehörige des «Me too»-Opferkollektivs zu inszenieren? Von klugen Journalisten schreiben Sie gar nicht: Entweder gibt es die nicht oder Sie halten sie sowieso für klug und vorliegend nur zu faul, um zu recherchieren. Das konnte ich nicht richtig interpretieren.

Sie nehmen, wie Sie schreiben, «das Problem ernst». Und führen danach aus, dass es Unsinn ist, dass sexuelle Gewalt zu jeder Zeit an jedem Ort stattfindet. Damit haben Sie natürlich recht. Sexuelle Gewalt findet nicht zu jeder Zeit an jedem Ort statt, sie kann zu jeder Zeit an jedem Ort stattfinden. Diese «fehlende Differenzierung», sofern Sie denn tatsächlich dies gemeint haben, bringen Sie in Zusammenhang mit den «noch nie so vielen Freiheiten», die Frauen hierzulande besitzen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ach, es ist doch immer wieder erfreulich zu lesen, wie gut es uns Frauen hierzulande geht! Wir dürfen uns tatsächlich frei bewegen, in aller Öffentlichkeit, und das haben Sie, Herr Höpli, uns erneut aufgezeigt. Wir Frauen sind sehr dankbar.

Sie nehmen Bezug auf die Schwere des Übergriffs. Ist ein «leichter Übergriff» kein Übergriff? Gilt nicht als Täter oder Täterin, wer «nur» leicht übergriffig wird? Ist das Ihre Ansicht? Vielleicht wäre es angebracht, die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Thema sexuelle Belästigung durchzusehen: Danach ist für das Vorliegen einer sexuellen Belästigung am Arbeitsort nötig, dass sich jemand tatsächlich belästigt fühlt. Und es wird gleichzeitig überprüft, ob sich eine andere Person mit einem durchschnittlichen Empfinden auch belästigt gefühlt hätte in dieser Situation. Sowohl das subjektive als auch das objektive Empfinden sind wesentliche Voraussetzungen für die Definition einer sexuellen Belästigung.

Sie stören sich daran, dass Feministinnen sich in dieser Debatte nicht über die erschreckende Misere der Frauen und Mädchen in anderen Weltgegenden beklagen, was Ihrer Ansicht nach den aktuellen Aufschrei entwertet. Es ehrt Sie, dass Sie für die Feministinnen in die Bresche springen und diese Misere erwähnen. Ich werde allerdings den Eindruck nicht ganz los, dass Sie mit dem Erwähnen von teils massiveren Übergriffen und struktureller Gewalt an Frauen die Ihrer Ansicht nach «leichten» Übergriffe verharmlosen möchten. Kann denn ein Unrecht kleiner werden, indem auf ein anderes Unrecht verwiesen wird? Warum soll darauf verwiesen werden, dass die Folgen in anderen Fällen einschneidender und gravierender waren, um auch in den weniger massiven Übergriffen ernst genommen zu werden? Soll eine Frau, die vom Vorgesetzten «nur» begrapscht wird, froh sein, dass er sie nicht auch gleich vergewaltigt? Ist es überhaupt Sache der Feministinnen, sich immer wieder über Gewalt an Frauen zu beklagen?

Vollkommen irritiert hat mich schliesslich Ihre Verschwörungstheorie einer «heimlichen Agenda». Mir mag die Fantasie fehlen, aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wie der angebliche «Graben zwischen Frauen und Männern» durch diese Sexismusdebatte «nach Kräften» verbreitert wird, geschweige denn, wem dies nützen würde? Ah, doch, vielleicht den Feministinnen?

Herr Höpli, wir Frauen gestehen Männern kein Verhalten zu. Die Vorstellung, dass wir Frauen passive Wesen sind, die entweder Ja oder Nein sagen, war schon immer falsch. Die Beziehung zwischen zwei Menschen sollte auf gegenseitigem Respekt beruhen, egal, wie nahe sie sich stehen.

Antonella Bizzini

Leiterin Infostelle Frau und Arbeit für Thurgau, St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden

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