Vier Kirschen und ein Ausraster

FLAWIL. Er sei aufs Übelste mit ausländerfeindlichen Äusserungen beschimpft worden, sagt ein Mann. «Mir sind die Sicherungen durchgebrannt», sagt Alois Schilliger. Im «Burelade Flawil» führte ein Zweig mit vier Kirschen zum Eclat.

Andrea Häusler
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Unmittelbar vor dem Flawiler Maestrani-Kreisel zweigt der Weg zum «Burelade» der Familie Schilliger ab. Kirschen haben derzeit Hochsaison. (Bild: Andrea Häusler)

Unmittelbar vor dem Flawiler Maestrani-Kreisel zweigt der Weg zum «Burelade» der Familie Schilliger ab. Kirschen haben derzeit Hochsaison. (Bild: Andrea Häusler)

Eigentlich wollte der Mann nur Kirschen kaufen. Im «Burelade Flawil» von Alois Schilliger, so wie er dies in den vergangenen Jahren regelmässig getan hatte. Am Dienstagabend aber war alles anders. Was ihm der Verkäufer als verbale Beigabe mit auf den Weg gegeben habe, liege ihm tonnenschwer im Magen, sagt er am Telefon. «Ich habe deswegen kaum geschlafen.» Dann beginnt er den Vorfall zu schildern: mit ruhiger Stimme, ohne Wut, aber voller bitterer Enttäuschung und entschlossen, sich zu wehren.

Verbale Entgleisungen

Einen ersten Schritt hat er umgehend unternommen, indem er einen Leserbrief verfasste und sich mit einem Beschwerdebrief an die Gemeindeverwaltung richtete. In letzterem schreibt er: «Wir waren auf dem Hof der Familie Schilliger zwei Körbchen Kirschen kaufen. Da unsere dreijährige Tochter Emma wissen wollte, woher die Früchte kommen, habe ich ihr einen Kirschbaum gezeigt. Meine Frau gab der Kleinen ein Ästchen mit drei oder vier Kirschen in die Hand, das Emma nicht mehr loslassen wollte. Dann kamen Herr und Frau Schilliger aus dem Haus und begannen uns zu beschimpfen.» Darunter seien auch rassistische Äusserungen gewesen, sagt der Mann und nennt Ausdrücke wie «huere Usländer», «verschwinded vo mim Grundstück», «mit eu (Ausländer) hämer nu Problem». Die verbalen Entgleisungen hätten sich über Minuten hingezogen, sagt er. Seine Tochter habe geweint, ein zweiter Kunde, ein Nachbar, das Weite gesucht. Obwohl er sich entschuldigt und angeboten habe, die Kirschen zu bezahlen, sei kein Gespräch und erst Recht keine Einigung möglich gewesen.

Kein Rassist

Alois Schilliger jun. ist Landwirt und bietet seine Produkte im Burelade in Häuslen (Niederglatt) sowie einmal wöchentlich an Marktständen in Flawil und Oberuzwil an. Mit den Vorwürfen konfrontiert, bestreitet er den Vorfall nicht, bedauert ihn aber. «Es hat mich einfach «vertäscht», sagt er auf Anfrage und erklärt: «Die Chriesizeit ist sehr intensiv, abends ist man müde, sucht den Feierabend.» Hätte die Familie geklingelt und gefragt, ob sie zu den Kirschbäumen dürfe, wäre dies kein Problem gewesen, sagt Alois Schilliger. Zu oft komme es leider vor, dass sich am frühen Abend fremde Leute auf der Chriesiwiese tummelten und sich ganz selbstverständlich an den Bäumen bedienten. «Ich mag und will das nicht. Schliesslich leben wir auch vom Verkauf der Früchte.» Genauso lebt der Betrieb von guten Kunden. Dass es einen solchen traf, ist Alois Schilliger nach eigenen Angaben besonders peinlich. Genauso unangenehm wie der Vorwurf, er sei rassistisch. «Wir arbeiten mit ausländischen Erntehelfern zusammen, sind auf diese angewiesen», sagt er. Mit dem Mann will Alois Schilliger das Gespräch suchen, sich auch bei ihm entschuldigen.

Respektvoller Umgang

Der Mann selbst hat nicht entschieden, wie er weiter vorgehen will. Eine Strafanzeige könnte er sich durchaus vorstellen. Denn der gebürtige Kosovare mit Schweizer Pass ist tief verletzt, umso mehr, als er sich durch und durch als Schweizer fühlt. «Ich habe einen guten Job, mache gerade eine dreijährige Weiterbildung, war im Militärdienst, hatte nie etwas mit der Polizei zu tun und spreche zu Hause überwiegend Deutsch. Denn meine Frau ist in Flawil aufgewachsen, hat unter anderem beim FC Flawil gespielt.» Konsterniert fügt er hinzu: «Egal was man tun, man bleibt ein «huere Usländer». Dagegen und gegen die Respektlosigkeit im zwischenmenschlichen Umgang will er ankämpfen. Es gehe nicht nur um die Vorbildfunktion, die man als erwachsener Mensch und Vater habe, sondern auch um Anstand im Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern, die subventionierte Betriebe mitfinanzierten.

Ob ihm eine Entschuldigung Schillingers reichen würde, lässt er offen.

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