Viele schützen sich und die Kunden vorbildlich, einzelne noch zu wenig: Arbeitsinspektoren ermahnen nach der Wiedereröffnung St.Galler Coiffeure

Die Mehrheit der wieder eröffneten St.Galler Geschäfte befolgt die Coronaschutzvorschriften. Das kantonale Arbeitsinspektorat und die Polizei kontrollieren aufgrund von Hinweisen auf Verdachtsfälle.

Marcel Elsener
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Viele Coiffeure setzen die Schutzmassnahmen vorbildlich um.

Viele Coiffeure setzen die Schutzmassnahmen vorbildlich um.

Bild: Keystone
Felix Keller, Geschäftsführer des St.Galler Gewerbeverbands.

Felix Keller, Geschäftsführer des St.Galler Gewerbeverbands.

Bild: PD

Unsicherheit, Dankbarkeit: Diese Begriffe hört man am Tag zwei nach der Wiederöffnung von Baumärkten, Gärtnereien oder Coiffeursalons am häufigsten. Von prekärem Ansturm ist kaum die Rede, umso mehr von Dankbarkeit auf Kunden- und Gewerbeseite. Er habe viele Rückmeldungen von «sehr dankbaren Coiffeuren» erhalten, sagt Felix Keller, Geschäftsführer des St.Galler Gewerbeverbands, der am Dienstag selber zum Coiffeur ging.

So «kompromisslos» die Schutzmassnahmen eingehalten werden müssten, so wenig Bedenken habe er, dass sich die Betriebe nicht daran hielten. «Die Eigenverantwortung wird hochgehalten, das ist gut in der Schweiz.» Wo nötig, seien innovative Lösungen gefragt, etwa wenn es um Warteräume geht.

Karin Jung, Leiterin des St.Galler Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Karin Jung, Leiterin des St.Galler Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Bild: Urs Bucher

Arbeitsinspektoren kontrollieren Coiffeure

In der Tat tragen die Firmen für ihr Schutzkonzept selbst die Verantwortung, sie müssen für die Arbeitssicherheit ihrer Mitarbeitenden und die Einhaltung der Vorschriften besorgt sein. Laut Bundesrat obliegt die Überprüfung den kantonalen Behörden, also Arbeitsinspektoraten. Der Kanton kontrolliere die Einhaltung der Schutzkonzepte in den Geschäften mit Stichproben und gehe Hinweisen nach, erklärt Karin Jung, Leiterin des St.Galler Amts für Wirtschaft und Arbeit. «Wir kontrollieren den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auch in normalen Zeiten, nur nicht unter solch verschärften Bedingungen.»

Die Arbeitsinspektoren erhielten am Montag

«vereinzelt Hinweise, wonach einzelne Coiffeurbetriebe die Schutzkonzepte nur mangelhaft befolgen würden.»

Demnach fokussierten die Kontrolleure ihre Tätigkeit auf Coiffeurbetriebe. Dort fanden sie die ganze Bandbreite an Resultaten vor:

«Von der Unkenntnis in Bezug auf die Schutzkonzepte bis hin zu deren vorbildlicher Umsetzung.»

Säumige Betriebe werden ermahnt, die Vorgaben sofort umzusetzen. Ansonsten droht ihnen von Seite des Amts die Schliessung.

Das Arbeitsinspektorat habe in den vergangenen Tagen sehr viele Anfragen zur Erarbeitung eines Schutzkonzepts erhalten, sagt Jung. «Wir genehmigen die Konzepte nicht, verantwortlich sind die Arbeitgeber.» Für die Coiffeure zum Beispiel stehe auf der Website von Coiffuresuisse ein Schutzkonzept inklusive Flyer zum Download bereit. Wo keine Konzepte von Verbänden erarbeitet wurden, könnten die Grobkonzepte des Seco angepasst werden.

Kantonspolizei rückt bei Verdachtsmeldungen aus

Hanspeter Krüsi, Medienchef Kantonspolizei St. Gallen.

Hanspeter Krüsi, Medienchef Kantonspolizei St. Gallen.

Bild: PD

Die Kantonspolizei verzichtet seit Freitag auf die täglichen Corona-Sicherheitsberichte. Ihre Patrouillen überprüften aber weiterhin die Einhaltung der Covid-Schutzvorschriften. Und «selbstverständlich» rücke man «bei Meldungen aus, bei welchen ein Verdacht besteht, dass die Verordnungen nicht eingehalten werden», sagt Medienchef Hanspeter Krüsi. Dabei gehe man verhältnismässig vor, und mit der bewährten 3-D-Strategie: Dialog, Deeskalation, Durchgreifen. Ob die Lockerungen neue Brennpunkte ergeben, wie bislang die Take-away-Betriebe in der Gastrobranche, kann Krüsi noch nicht sagen. Ein Augenmerk der Polizei gilt wohl auch den Autowaschanlagen.

Dienstleistungsbetriebe wie bediente oder unbediente Autowaschanlagen dürfen seit Montag wieder offen haben.

Dienstleistungsbetriebe wie bediente oder unbediente Autowaschanlagen dürfen seit Montag wieder offen haben.

Bild: Urs Bucher

Ein ganz anderer Begriff als die Dankbarkeit, der seit Montag im Schwang steht, ist jener der «Ungerechtigkeit». Ihr galt die zweite Mehrheit der Rückmeldungen beim Gewerbeverband. Dass die Do-it-Abteilung des Grossverteilers Kindersitze verkaufen dürfe, ärgert die Inhaber der Babyausstattungsläden – nur ein Beispiel für die Spezialgeschäfte, die auf die weiteren Lockerungen des Bundesrates hoffen. Und spätestens ab 11. Mai wieder gleich lange Spiesse wie Migros, Coop, Landi & Co haben wollen.

«Die Krise zeigt, was es wirklich braucht»

Aufmerksam verfolgen die Gewerkschaften die ersten Lockerungen des Coronaschutzes. Erst recht, da die aktuellen Wiedereröffnungen in die Woche des Tages der Arbeit fallen: Zum 1. Mai gehen die Gewerkschaften zwar für einmal nicht auf die Strasse, doch fordern sie Solidarität mit roten Tüchern aus Fenstern, mit Bändeln und Plakaten sowie Videostatements in den sozialen Medien.

Die Solidarität gelte «jetzt erst recht» den vielen Arbeitsleistenden, die «ihre Arbeit nicht erst in der Coronakrise unter schwierigsten Bedingungen leisten», meint Barbara Gysi, Präsident des St. Galler Gewerkschaftsbundes. Gemeint ist das Personal in der Pflege und im Verkauf, für diese «systemrelevanten Frauenberufe» brauche es «endlich eine Aufwertung und bessere Entlöhnung».

Die politischen Forderungen im Kanton betreffen einerseits die Verlängerung der Fristen für die Prämienverbilligung und dauerhaft höhere Beiträge, andererseits mehr Unterstützung für die Kitas und einen Ausbau der Kita-Plätze: «Bevor wieder alle zurück an den Arbeitsplatz geschickt werden, muss die Kinderbetreuung gewährleistet sein.» Obwohl die Kita-Mitarbeitenden einen für die Wirtschaft wichtigen Job machten, arbeiteten sie zu «katastrophalen» Arbeitsbedingungen und Löhnen, betont VPOD-Sekretärin Alexandra Akeret. In der Not zögen «die Frauen den Karren aus dem Dreck». «Wir fordern, dem Rechnung zu tragen, und zwar in Lohn und Respekt.»

Zur Aufwertung der Gesundheitsberufe gehöre ein GAV für die geplante Spitex St.Gallen AG. Die Krise dürfe nicht «als Vorwand genutzt werden, erkämpfte Errungenschaften zurückzudrehen», warnt die Unia. Vorstösse von Arbeitgeberseite seien ein Angriff aufs Arbeitsgesetz. «Die Krise zeigt, was es wirklich braucht», so die Unia: einen effektiveren Kündigungsschutz, höhere Löhne für systemrelevante Berufe, umfassender Gesundheitsschutz.

Die Post habe sich mit der Umsetzung der BAG-Vorgaben «sehr schwergetan», stellt die Syndicom fest. Gemeinsam habe man Lösungen gefunden. Für die besonders geforderten Paket- und Briefpöstler konnte die Gewerkschaft eine Bonuszahlung von 500 Franken aushandeln. (mel)

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