«Viele haben den Respekt verloren»

Raphael Kühne, Präsident des Verbands St. Galler Polizisten, geben Angriffe auf Beamte zu denken.

Daniel Walt
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Raphael Kühne Präsident des Verbands der Kantonspolizei St. Gallen (Bild: pd)

Raphael Kühne Präsident des Verbands der Kantonspolizei St. Gallen (Bild: pd)

Herr Kühne, was geht Ihnen als oberstem Interessenvertreter der Polizisten im Kanton St. Gallen durch den Kopf, wenn Sie von Vorfällen wie jenem am Offa-Jahrmarkt hören?

Raphael Kühne: Solche Aggressionen gegen Ordnungshüter stimmen mich nachdenklich. Sie machen mir Sorgen.

Das Klima gegenüber Polizisten ist rauher geworden – insbesondere an Wochenenden und bei Grossanlässen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Kühne: Absolut. Für die Polizisten ist es schwierig, sich richtig zu verhalten. Sie werden stark provoziert und müssen sich zurückhalten, um keine Eskalation zu riskieren.

Polizisten werden angespuckt und beschimpft; Menschen verbünden sich gegen Beamte, ohne den Mann, der kontrolliert wird, überhaupt zu kennen. Was sagen solche Vorfälle über unsere Gesellschaft aus?

Kühne: Sie zeigen, dass die Sitten verludern. Der Anstand fehlt, viele Leute haben den Respekt vor Autoritätspersonen wie dem Lehrer, dem Pfarrer oder eben dem Polizisten verloren.

Inwieweit spüren Sie, dass Beleidigungen und Gewalt gegen Polizisten unter den Beamten ein Thema sind?

Kühne: Ich höre praktisch täglich Stimmen, wonach die Polizisten immer stärker exponiert sind und sich auf einer permanenten Gratwanderung befinden. Sogar bei eigentlich einfachen Einsätzen, wie beispielsweise Verkehrskontrollen, müssen sie damit rechnen, dass es ausartet.

Dann ist der Leidensdruck gross?

Kühne: Auf jeden Fall.

Und der Frust steigt.

Kühne: Die Polizisten lernen, mit solchen Erlebnissen umzugehen – das gehört zu ihren Aufgaben. Trotzdem ist es verständlich, wenn teils Frust aufkommt.

Braucht es mehr Unterstützung für Polizisten, die Opfer von Beleidigungen oder körperlichen Angriffen geworden sind?

Kühne: Im Kanton St. Gallen ist man diesbezüglich gut aufgestellt. Es gibt aber sicher Einzelfälle, in denen man das Geschehene mit Betroffenen stärker hätte aufarbeiten müssen. Dann hätten diese es besser einordnen und verarbeiten können. Manchmal fehlen dafür aber schlicht die Ressourcen.

Muss die Polizei konsequenter gegen Pöbler und Gewaltbereite vorgehen?

Kühne: Hier liegt die Gratwanderung: Wenn man einschreitet, riskiert man eine Eskalation. Dann stellt sich sofort die Frage, ob die Polizei gut genug aufgestellt ist, um auch eine solche in den Griff zu bekommen. An der Offa etwa müsste die Polizei wohl mit 200 Leuten präsent sein. Das kann es nicht sein.

Was können Politik und Justiz tun, um die Position der Polizei in der Öffentlichkeit zu stärken?

Kühne: Im Kanton St. Gallen soll der angedachte Ausbau des Korps weitergeführt werden. Die Polizei muss genug Ressourcen haben. Und die Gerichte sollten den Spielraum ausschöpfen beim Verurteilen von Personen, die Polizisten angegriffen haben. Eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu wieder mehr Anstand und Respekt dagegen muss daheim beginnen.