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Nachholbedarf in der Ostschweiz: Viele Gärten sind mehr tot als lebendig

Naturnahe Gärten für die Artenvielfalt mehren sich langsam auch in der Ostschweiz. Doch zeigen Initiativen wie «Natur und Wirtschaft», «Bioterra» oder «Grünstadt Schweiz», dass in der Region noch viel Nachholbedarf besteht.
Marcel Elsener
Pflegeleichte, aber ein tote Gärten: Hier bearbeitet ein Mähroboter den Rollrasen.

Pflegeleichte, aber ein tote Gärten: Hier bearbeitet ein Mähroboter den Rollrasen.

«Und was tust du für die Insekten, für Bienen, Schmetterlinge & Co.?» Die Gewissensfrage für Gartenbesitzer ist aufgrund der Klimabewegung und des Insektensterbens dringlicher geworden. Wenn nicht die Grosseltern oder Eltern selber drauf kommen, werden sie von ihren Kindern und Neffen daran erinnert, dass jede noch so kleine Grünfläche die Artenvielfalt steigert – statt Immergrün von irgendwo sollen hiesige Blütenpflanzen wuchern. Ausgebuchte Naturgartenkurse und viel bevölkerte Setzlingsmärkte belegen das Interesse.

Von einem Trend könne man in der Ostschweiz nicht sprechen, aber das Bewusstsein für naturnahe Gärten wachse, sagt der Wittenbacher Naturwissenschafter Alfred Brülisauer, WWF-Vorstand und ehemaliger Abteilungsleiter Natur beim Kanton St. Gallen. Die populären Steingärten und Mähroboter auf Rollrasen zeigten jedoch, dass vielen Leuten «wenig Aufwand und schöne Ordnung» wichtiger sei. «Der schweizerische Ordnungssinn ist für die Natur nicht optimal», meint Brülisauer ironisch. Das gilt auch für die Nachbarn: Mit der Initiative «Ordentlich! Schlampert.» ermutigen die Vorarlberger Landesbehörden derzeit Gartenbesitzer, «wilde Ecken» und Wiesrandflächen stehen zu lassen, ohne als «schlampig» und unordentlich angesehen zu werden.

Nicht Gesetze, sondern Anreize sollen Naturgärten schaffen

Diktieren lässt sich Umweltbewusstsein nicht. So findet sich im neuen Planungs- und Baugesetz des Kantons St. Gallen keine Bestimmung, welche Privaten bezüglich Gartengestaltung und Bepflanzung konkrete Vorgaben macht. Immerhin enthält das Gesetz eine Anweisung an die Gemeinden, in intensiv genutzten Gebieten für ökologischen Ausgleich zu sorgen. Und ein wichtiges Instrument zur Umsetzung sind Sondernutzungspläne, in denen ökologische Vorgaben verbindlich festgelegt werden. Auch finden sich in manchen Baureglementen entsprechende Bestimmungen – so kennt die Bauordnung der Stadt St.Gallen wie jene Zürichs Vorschriften zur Begrünung von Flachdächern.

Statt auf die wenigen Gesetze setzen Umweltverbände und Naturschutzbehörden auf Anreize. Was in der Landwirtschaft Wettbewerbe um die schönste Wiese oder Hecke sind, lässt sich auch auf Gärten anwenden. In seinem demnächst realisierungsreifen Konzept für ein «Blühendes St. Gallen» im Auftrag von WWF und Pro Natura setzt Brülisauer auf honorierte Naturnähe – prämierte Privatgärten sollen als ökologisch wertvolle «Best Practice»-Projekte zur Nachahmung einladen. An praktischen Ratgebern mangelt es nicht, hervorzuheben etwa die Ausserrhoder Broschüre «Natur im Siedlungsraum» (2015).

Die Siedlungsökologie ebenfalls mit Anreizen – sprich Zertifikaten – fördern will die Stiftung «Natur und Wirtschaft». Ihre online einsehbare Karte mit bislang 570 ausgezeichneten naturnahen Unternehmensarealen veranschaulicht, dass die Ostschweiz viel Nachholbedarf hat.

Schöne Absichten, aber immer noch zu seltene Taten

Allerdings liegen 2018 immerhin 4 von 14 neu zertifizierten Firmenareale in der Ostschweiz – Abwasserverband Morgental (Steinach), Schloss Wartegg (Rorschacherberg), Lüchinger + Schmid (Flawil) und die Naturgartenfirma Patrick Reck in Rebstein. Recks Areal sei mit 2200 Quadratmetern einheimischen Hecken, Wildstauden, Blumenwiesen, begrünten Dächern sowie Ast- und Steinhaufen ein hervorragendes Beispiel für das Stiftungslabel. Das Tüpfelchen auf dem i setzen Hermeline: 2017 und 2018 gab es Würfe von drei respektive vier Jungen. Patrick Reck, einer der wenigen namhaften Naturgärtner in der Ostschweiz und Bioterra-Kommissionsmitglied, kann ein durchzogenes Lied vom Umweltbewusstsein singen. Als er Ende der 1970er-Jahre die Gärtnerlehre machte, war die einheimische Flora noch kein Thema, der Einsatz von Herbiziden, Pestiziden und Insektiziden gang und gäbe. «Kein Gift», schwörte er und schlug den «kompromisslosen Weg» ein, oft genug wurde er als «dunkelgrüner Spinner» verschrien. 40 Jahre später wundert er sich, dass konventionelle Gartenbauer meistens auch Naturgärten anbieten, trotz Trittbrettfahrern eine begrüssenswerte Entwicklung. Reck sagt lakonisch:

«Ökologie müsste für unsere Branche ja Verpflichtung sein.»

«Umpolen» will er niemanden. Doch ist Geduld verlangt, bis die Erkenntnis in den Köpfen ist, dass es mehr braucht als ein Wildbienenhotel zur Gewissensberuhigung im Steingarten («Was nützt den Bienen eine Wohnung, wenn sie nichts zum Fressen haben?») und den Verzicht auf ziemlich leblose Sichtschutzspender wie Thuja oder Kirschlorbeer.

Ein Naturgarten mit blühenden Pflanzen wie dem Weissen Eisenhut. (Bild: Urs Bucher)

Ein Naturgarten mit blühenden Pflanzen wie dem Weissen Eisenhut. (Bild: Urs Bucher)

Bewusstsein für naturnahe Gärten ist gestiegen

Der Bedarf nach naturnahen Gärten ist laut Reck «brutal gross», das Verhältnis in der Ostschweiz vielleicht bei 20:80 Prozent. Ignaz Hugentobler vom gleichnamigen Ökobüro in Altstätten spricht von 10:90 Prozent. Hugentobler hat als Geschäftsführer der «Dr. Bertold Suhner-Stiftung für Natur-, Tier- und Landschaftsschutz» in St. Gallen 2003 am Handbuch «Siedlungsökologie» mitgearbeitet. Auch er stellt fest, dass das Bewusstsein für naturnahe Gärten dank vieler Initiativen von Naturschützern, Vogelwarte oder jüngst der «Mission B» der SRG gestiegen sei. «Allein die Taten fehlen weitgehend.»

Umso aktueller bleiben die Erkenntnisse im Handbuch, wie die Bedeutung der Aufklärung und Motivation für Grundeigentümer, Mieter, Hauswarte oder Firmenleitungen:

«Tagtäglich werden kleinere und grössere Entscheidungen gefällt, bei denen vermehrt zugunsten der Siedlungsnatur gewählt werden sollte.»

Dabei entkräften die Verfasser auch die Mär des Mehraufwands: Der Unterhalt von naturnahen Flächen sei «vielfach sogar kleiner», heisst es. Und langfristig auch günstiger, jedenfalls nicht teurer.

Grössere Städte machen es den ländlichen Regionen vor

Von wegen «ordentlich schlampert» zwei jüngste Beispiele von Gemeinden in der Region: Die Stadt Rorschach hat auf den Protest des Biologen Josef Zoller gegen die mutmasslich mit Giften unterstützte Zerstörung von Brombeerstauden geantwortet, man wolle Ordnung im Grün der dicht besiedelten Stadt. Dagegen hat die Gemeinde Heiden zwei Hausbesitzer angehalten, ihre Schottergärten zu begrünen oder rückzubauen – unter Hinweis auf Gestaltungsrichtlinien, die demnächst in einer Broschüre unters Volk gebracht werden sollen.

Die ökologische Vielfalt sei in den grösseren Städten wie Zürich besser als im landwirtschaftlichen Umland, ein Bahnhofareal naturnaher als ein Maisfeld, sagt der Landschaftsarchitekt und Berufsschullehrer Christoph Kohler. Um die Biodiversität zu fördern, brauche es «kompetente Leute in der Verwaltung».

Den Grund, warum die Schweiz östlich von Winterthur «noch wenig sensibel sei», hat gemäss Kohler mit dem ländlichen Selbstverständnis zu tun:

«Wir haben doch genug Grün rundum...»

Das Grünstadt-Label, das Bioterra seit 2016 vergibt, fehlt in der Ostschweiz noch. Doch Grün ist die Hoffnung: Degersheim und Lichtensteig befinden sich im «Zertifizierungsprozess», die Stadt St. Gallen dürfte auch nicht chancenlos sein.

Lehrplan für Gärtner «naturnaher» Ausbildung

Der Ruf nach Ökologie gilt erst recht für die Ausbildung. Im Berufsschulzentrum Rorschach, wo fast alle Ostschweizer Gärtner und Gärtnerinnen ausgebildet werden, hat sich der Lehrplan im letzten Jahrzehnt «sehr stark gewandelt», wie Grundbildungs-Leiter Valentin Diethelm erklärt. So wird im Fach «Pflanzenschutz» zur Schädlingsbekämpfung nicht mehr ausschliesslich der Einsatz von Pestiziden gelehrt, sondern die anspruchsvollere Arbeit mit schonenden Nützlingen und Pflanzen-, Bakterien-, Pilz- und Virenextrakten. Das Grundlagenfach «Ökologie» soll das Verständnis der Umwelt von Anfang an fördern, Stichworte sind Biodiversität, Invasive Neophyten, Nahrungskreisläufe oder Klimaerwärmung. Ökologischer ausgerichtet ist auch das Fach «Pflanzenkenntnisse», in dem 450 lateinische Pflanzennamen gelehrt werden, aber neu auch deren «standortgerechte Verwendung». Ebenso werden im technisch geprägten Unterricht in Garten- und Landschaftsbau Akzente gesetzt, etwa zur Anlage von Trockenmauern. «Im Gegensatz zu früher, wo die Gärten im Herbst vom Laub leergeputzt wurden, regen wir die jungen Gärtner an, das Laub liegen zu lassen, weil es Unterschlupf ist», sagt Diethlem. «Und die Gräser seien erst mit Erscheinen der ersten Tulpen – als Faustregel – zurückzuschneiden. Denn sie können der Fauna noch lange Nahrung bieten.» Voraussetzung sei stets auch, dass der Kunde mitmache: «Der Gärtner kann noch lange naturnah sein wollen, wenn der Kunde einen geschleckten Garten will.» (mel)

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