«Viel Ruhe, Zeit und Verständnis nötig»

Franz Holderegger betreut Entführungsopfer und erwartet einen längeren Heilungsprozess.

Roger Braun
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Franz Holderegger Leiter Notfallpsychologie, Winterthur

Franz Holderegger Leiter Notfallpsychologie, Winterthur

Lorenzo Vinciguerra hat mehr als zweieinhalb Jahre in Geiselhaft verbracht. Kann die Reintegration in die Gesellschaft nach so langer Zeit überhaupt noch gelingen?

Franz Holderegger: Grundsätzlich ja. Das Leben geht weiter – und genauso wie die Gefangenschaft zum Alltag wurde, kann auch das angestammte Leben in der Ostschweiz wieder zum Normalfall werden. Angesichts der Länge und der schwierigen Umstände der Geiselhaft braucht es aber wohl einen längeren Verarbeitungsprozess.

Was braucht es, um die traumatischen Erlebnisse zu überwinden?

Holderegger: Die Arbeit mit Holocaust-Opfern hat gezeigt, dass vor allem drei Faktoren entscheidend sind. Erstens muss die Person trotz aller Qualen eine gewisse Sinnhaftigkeit in den Ereignissen erkennen. Rückblickend sollte sie sagen können, dass sie als Mensch stärker geworden ist. Zweitens muss sie der Überzeugung sein, dass sie während der Gefangenschaft sich selbst geblieben ist; dass sie eine gewisse Autonomie bewahren konnte. Drittens muss das Opfer fähig sein, die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle richtig einzuordnen.

Welche Rolle spielen die Angehörigen?

Holderegger: Diese sind sehr wichtig. Gute Freunde und eine intakte Familie helfen bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse enorm. Gleichzeitig ist das auch eine schwierige Situation für das soziale Umfeld. Jemand, der lange Zeit gewaltsam festgehalten wurde, war permanent unter Stress, weil er ständig um sein Leben fürchten musste. Deshalb ist es wichtig, dass die Angehörigen dem Opfer viel Ruhe, Zeit und Verständnis zukommen lassen. Von der Öffentlichkeit sollte das Opfer zudem möglichst in Ruhe gelassen werden.

Soll das Umfeld das Opfer auf die Erfahrungen ansprechen?

Holderegger: Ganz klar nein. Es ist vorerst besser, über das Hier und Jetzt zu sprechen. Das Opfer muss selbst entscheiden, wann es bereit ist, von den schrecklichen Erlebnissen zu erzählen. Denn die Bilder der Vergangenheit sind gerade zu Beginn mit starkem seelischen Schmerz verbunden. Das Opfer muss zuerst lernen, mit den Bildern im Kopf umzugehen. Dazu ist eine therapeutische Begleitung unabdingbar.

Wie muss man sich eine solche Therapie vorstellen?

Holderegger: Die Person muss Schritt für Schritt lernen, die Erinnerungen, welche in der Vergangenheit mit Angst- und Panikzuständen verbunden waren, zu relativieren. Die Bilder ganz zu vergessen, ist unmöglich. Allerdings ist es möglich, diese Erinnerungen von den damals verspürten Gefühlen zu entkoppeln und damit eine gesunde Distanz zu entwickeln. Das muss das Ziel jeder Traumatherapie sein.

Im Zuge der Flucht tötete Lorenzo Vinciguerra einen seiner Bewacher und musste seinen holländischen Schicksalsgenossen zurücklassen. Macht dies die Rückkehr zu einem geregelten Leben noch schwieriger?

Holderegger: Das ist schwierig zu sagen. Wir wissen schliesslich nicht, was der Mann sonst noch alles erlebt hat. Einfacher macht es die Rückkehr aber bestimmt nicht. Eindrücklich zeigen sich an diesem Beispiel unsere Überlebensmuster. Ist unser Leben bedroht, richtet sich unsere Konzentration zu 100 Prozent aufs eigene Überleben aus. Alle anderen Gedanken sind ausgeschaltet. In diesem Ausnahmezustand ist man bereit, aufs Äusserste zu gehen – gar jemanden zu töten.

Wird Lorenzo Vinciguerra je wieder der Mensch, der er vor seiner Entführung war?

Holderegger: Nein, das ist nicht realistisch. Die Zeit als Geisel ist ein wichtiger Teil seiner Biographie. Diese Periode hat ihn als Mensch stark geprägt. Das heisst nun aber nicht, dass er deswegen nicht mehr zum Glück finden kann. Ein erfülltes Leben ist weiterhin möglich, aber nicht mehr als jener Mensch, der er vor drei Jahren war.

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