Viel Goodwill fürs Textilmuseum

Während Nutzer- und Bibliothekarenkreise Unterschriften für den Erhalt der Textilbibliothek sammeln, suchen Textiler nach Geldern für eine eigene Trägerschaft. Die Trägerin IHK ist offen für Vorschläge, mahnt aber die Finanzierung an.

Marcel Elsener
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Das Prunkstück der Bibliothek: Die architektonisch einmalige Abteilung mit den Musterbüchern ist im Gegensatz zum Freihandbereich unbestritten. (Bild: Michel Canonica)

Das Prunkstück der Bibliothek: Die architektonisch einmalige Abteilung mit den Musterbüchern ist im Gegensatz zum Freihandbereich unbestritten. (Bild: Michel Canonica)

St. Gallen. Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind in der Regel eher stille Gemüter und gehören weniger zu den lautstarken «Ausrufern» dieser Welt. Entsprechend braucht es einiges, bis sie einen Protestbrief verfassen, wie er nun im Fall der St. Galler Textilbibliothek verschickt worden ist.

Unterschrieben haben mehrheitlich leitende Personen von Fachbibliotheken wie jenen des Historischen und des Kunstmuseums Basel, des Kunstmuseums Bern, des Museums Rietberg und der ETH Zürich,

des Instituts für Kunstwissenschaft, des Naturmuseums Luzern oder des Musées d'art et d'histoire der Stadt Genf.

Nutzer sammeln Unterschriften

Die Besorgnis der Experten gilt einer Schliessung der Freihandabteilung, wie diese seitens der Industrie- und Handelskammer (IHK) als Option geprüft wird. Unverhofft im Stich gelassen vom Kanton, der sich seinerseits aus Spargründen vom Projekt eines Schweizerischen Textilmuseums zurückzog (Ausgabe vom 16.

Januar), erarbeitet die IHK derzeit ein Vorprojekt für ein zukünftiges Textilmuseum inklusive Sitz der IHK-Büros an der Vadianstrasse.

Dass dafür allenfalls Bibliotheksräume und die Stelle der Bibliothekarin «geopfert» würden, hat nun die Nutzerinnen und Nutzer aufgeschreckt. Für den St. Galler Illustrator Daniel Staffe «wäre der Verlust meiner Fundgrube eine ziemliche Katastrophe». Zusammen mit der Heerbrugger Künstlerin Christine Wyss hat er sich an den IHK-Vorstand gewandt und lässt Unterschriftenbögen kursieren.

In der Textilbibliothek haben bereits 170 Personen für eine Präsenzbibliothek unterschrieben.

Erstaunliches Engagement

Die Unterstützung freut Textilbibliothekarin Regula Lüscher, wenn sie auch skeptisch bleibt: «Viele Leute sind betupft, aber kaum jemand will öffentlich dazu stehen.» Sie spricht von einer «Pattsituation auf allen Seiten.»

IHK-Direktor Kurt Weigelt findet das Engagement der Nutzerinnen «toll und erstaunlich», gibt aber zu bedenken, dass auffällig viele Nichtostschweizer unterschrieben, etwa Luzerner: «Ist es unsere Aufgabe, eine Bibliothek für eine aufgegebene Schule zu erhalten?» Nachdem die einst bedeutende St. Galler Schule für textiles Gestalten lediglich noch eine Klasse führe, bezweifelt Weigelt den Sinn einer Präsenzbibliothek.

«Nicht ganz ernst nehmen» könne er den Brief der «staatlichen Bibliothekare» – die IHK sei schliesslich eine privatwirtschaftliche Organisation. Es kämen «nun häufig gute Ideen, aber wir brauchen ein neues Finanzierungskonzept», gibt Weigelt zu bedenken.

Textiler suchen Finanzen

Wenn der IHK-Vorstand im Mai die Vorschläge prüft, könnte auch eine neue Option ins Spiel kommen.

Denn Textilunternehmer suchen – unabhängig von der IHK und ohne deren Abneigung gegenüber staatlicher Unterstützung – eigene Gelder und Strukturen für ein «reines Textilmuseum» und eine Bibliothek, sagt IHK-Stiftungspräsident Christoph Leemann. Er sei trotz entstandener Polemik zuversichtlich, dass «ein guter Weg gefunden» werden könne: «Niemand will einen Murks.»

Textilverband-Präsident Max R. Hungerbühler bestätigt, dass «viele Bemühungen in Gang gekommen» seien. Überzeugt, dass Stadt und Kanton «eine Chance verpatzt», ja einen «Riesenfehler» gemacht hätten, will er alle Mittel in Bewegung setzen – und demnächst in dieser Sache ausführlich Stellung nehmen.

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