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«Verzögerung und unnötiger Aufwand»: Inländervorrang wirkt noch wenig – auch in der Ostschweiz

Die Stellenmeldepflicht soll inländischen Arbeitslosen einen Vorsprung bei der Jagd auf Jobs geben – und so Einwanderung vermeiden. Doch die am meisten betroffenen Branchen finden beim RAV kaum Fachkräfte.
Kaspar Enz
Gute Köche sind gesuchte Fachkräfte – auf den RAV finden die Gastronomen meist nur Küchenhilfen. (Bild: Getty)

Gute Köche sind gesuchte Fachkräfte – auf den RAV finden die Gastronomen meist nur Küchenhilfen. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ein guter Koch sei Mangelware, sagt Andi Angehrn, Wirt im Wasserschloss Hagenwil. «Extrem schwierig zu finden zurzeit, das sagen auch andere Wirte.» So griff er zu ungewöhnlichen Mitteln: Er setzte eine Prämie aus für denjenigen, der ihm einen Koch vermittelt. Immerhin acht Rückmeldungen bekam er, «zwei sind in der engeren Auswahl.»

Fünf Tage verloren

Dabei herrscht beim Küchenpersonal hohe Arbeitslosigkeit. Deshalb musste Angehrn die Stelle dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum melden: Seit Juli letzten Jahres gilt für 19 Berufsgruppen mit hoher Arbeitslosigkeit Stellenmeldepflicht. Fünf Tage darf er die Stelle nicht öffentlich ausschreiben. Stattdessen kann das RAV ihm Dossiers von Arbeitslosen schicken. Das gibt inländischen Stellensuchenden einen Vorsprung vor Einwanderern. So soll die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt werden. Doch Angehrn bekam keine Vorschläge. Er sagt:

«Fünf verlorene Tage.»

Die Arbeitslosigkeit in der Branche täusche, sagt Walter Tobler, Präsident des Branchenverbands Gastro St. Gallen. Viele Leute helfen zwischendurch in Restaurants aus, während sie etwas anderes suchen. «Landen sie beim RAV, gelten sie als Service-Angestellte oder Küchenhilfe.» Qualifizierte Fachkräfte hingegen seien kaum arbeitslos. «Der Berufsraster unterscheidet aber nicht zwischen Tellerwäscher und Chefkoch, alles ist Küchenpersonal.» Deshalb bedeute die Meldepflicht für die Branche nur Verzögerung und unnötigen Aufwand. Tobler sagt:

«Ich kenne keinen Fall, wo einer meiner Wirtekollegen einen Kandidaten vom RAV eingestellt hätte. Jedenfalls keine qualifizierte Person.»

Die Stellenmeldepflicht bedeute nur Administrationsaufwand ohne spürbaren Mehrwert – so tönt es auch bei einem der grössten der Branche, dem Grand Resort Bad Ragaz. Dieses schreibt jährlich Hunderte Stellen aus. Nur ein Bruchteil von ihnen könnte durch vom RAV vorgeschlagene Kandidaten besetzt werden, sagt Daniel Grünenfelder, Director Human Resources des Unternehmens.

Vorschläge kommen kaum zum Handkuss

19 Berufsgruppen sind in der Liste der meldepflichtigen Stellen aufgeführt, vom Magaziner bis zum Marketing-Fachmann. Berufsleute, die auch die Migros Ostschweiz beschäftigt. Doch es ist die Gastronomie, wo die Migros am meisten vom Inländervorrang betroffen ist, sagt Mediensprecherin Isabelle Zarn.

Die Qualität der Dossiers, die das RAV liefert, sei sehr unterschiedlich. Zwar habe die Migros kürzlich so einen Koch gefunden. Das komme aber eher selten vor. «In der Regel müssen wir die Stellen doch ausschreiben.» Ob der Inländervorrang seinen Zweck erfülle, könne man noch nicht beurteilen, sagt Zarn. «Sicher wurde aber der administrative Aufwand erhöht.»

Schwelle sinkt weiter

Eine häufige Kritik an der Stellenmeldepflicht ist das grobe Berufsraster. So fallen Küchenhilfen in die gleiche Kategorie wie Köche. Das will der Bund verbessern. So sollen ab 2020 genauere Berufsbezeichnungen gelten. Trotzdem könnten dann noch mehr Unternehmen von der Stellenmeldepflicht betroffen sein: Die Schwelle für die Meldepflicht soll sinken. Statt wie bis anhin bei acht Prozent, müssen in einer Berufsgruppe nur noch fünf Prozent arbeitslos sein, damit die Meldepflicht gilt. (ken)

Hochbetrieb auf Baustellen

Neben der Gastronomie sind auch mehrere Berufe auf dem Bau meldepflichtig. Dabei herrsche auf den Baustellen Hochbetrieb, sagt René Engetschwiler, Geschäftsführer des St. Galler Baumeisterverbandes. Bei Ungelernten gebe es vielleicht Arbeitslosigkeit. «Aber gute Fachkräfte haben schon einen Job.» Bei den meisten Bauberufen herrsche eher Fachkräftemangel.

Besetzt würden Stellen meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda. «Oder man versucht, sie intern zu besetzen.» Beim RAV finde man die gesuchten Fachkräfte selten.

«Es ist richtig, dass man die Vorschläge des RAV ablehnen kann. Ich vermute, dass nur wenige Vermittlungsversuche auch erfolgreich sind.»

Eines hat die Stellenmeldepflicht aber erreicht: Bei den Schweizer RAV sind viel mehr offene Stellen gemeldet als vor der Einführung. «Das ist für jeden Stellensuchenden ein Vorteil», sagt Daniel Wessner, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau.

Vermittlung hinkt hinterher

Diese Stellen müssten aber von einheimischen Arbeitslosen besetzt werden, sollte die Meldepflicht ihren Zweck erfüllen. Zahlen sind darüber noch keine bekannt. Für den Thurgau wird Daniel Wessner konkreter: 450 Arbeitslose konnten die Thurgauer RAV in der zweiten Hälfte des letzten Jahres vermitteln, 65 waren es im Januar. Eine Steigerung um 20 Prozent im Vergleich zur Zeit vor der Meldepflicht. Dabei hat sich die Zahl der gemeldeten Stellen fast verdreifacht. «Es gibt noch Luft nach oben.» Die Arbeitslosigkeit sei aber sehr tief. «Da überrascht es nicht, dass wir nicht immer die Dossiers liefern können, die die Unternehmen suchen.»

Keine Zahlen nennt der St. Galler RAV-Koordinator Ueli Häcki. «Das lässt sich schwer beziffern. Die Rückmeldungen der Arbeitgeber sind nicht einheitlich.» Mancher vorgeschlagene Kandidat würde später doch eingestellt. Die Zahlen seien kaum verlässlich. «Aber wir haben positives Feedback von den Arbeitgebern.»

Deshalb investieren die St. Galler RAV wie die Thurgauer in die Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern. So weiss man besser, welche Arbeitnehmer die Unternehmen brauchen können. «Die Qualität der Vorschläge ist uns wichtig», sagt Häcki. Trotzdem sei klar, dass nicht jeder auf dem RAV fündig werde. «Gut qualifizierte Leute sind eher selten arbeitslos.»

Selber Nachwuchs pflegen

Das gelte auch für Branchen wie Gastronomie und Bau, meint Daniel Wessner. «Es waren gerade diese Branchen, die günstigere junge Ausländer eingestellt und auch ältere Mitarbeitende aussortiert haben», sagt Daniel Wessner. Diese seien nun beim RAV.

«Wir können aus einem Tellerwäscher nicht in kurzer Zeit einen Spitzenkoch machen.»

Er nimmt die Unternehmen in die Pflicht: Für qualifizierten Nachwuchs müssten sie auch selber sorgen und beispielsweise die Berufslehren attraktiver machen.

«Scheinbar hat die Politik das RAV entdeckt», sagt Daniel Wessner. «Mit Einführung der Stellenmeldepflicht sollen wir die Zuwanderung steuern, Asylbewerber in den Arbeitsmarkt integrieren und den Fachkräftemangel lösen. Das können wir nicht alles leisten.»

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