Verwirrspiel um Nachtzuschläge

Im Gebiet des Tarifverbundes Ostwind muss seit Juni 2009 nur noch ein Nachtzuschlag bezahlt werden. Der Zuschlag des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) wird auch von Ostwind anerkannt. Umgekehrt gilt dies aber nicht.

Andreas Kneubühler
Drucken
Umsteigen kostet: Thurbo-Nachtzug in Winterthur. (Bild: Thurbo)

Umsteigen kostet: Thurbo-Nachtzug in Winterthur. (Bild: Thurbo)

Zu zweit rücken die Kontrolleure in den Nachtzügen der Zürcher S-Bahn an, überprüfen Billette und kassieren von den zumeist jugendlichen Bahnkunden Bussen von 80 Franken für fehlende Nachtzuschläge. Der Aufwand lohnt sich: Manchmal finden sich in fast jedem Wagen ein oder zwei Passagiere, die neben dem normalen Bahnbillett kein Zusatzticket für die Nacht vorweisen können.

Wer von der Partystadt Zürich kommend in Winterthur in Richtung Weinfelden oder St. Gallen umsteigt, musste vor Juni 2009 gleich nochmals einen Nachtzuschlag lösen. Der Grund: In Winterthur wechselte die Zuständigkeit des Nachtangebots von der Zürcher S-Bahn zu Thurbo.

Nur einseitig anerkannt

Seit Juni 2009 und der Einführung des Tarifverbundes Ostwind sind die doppelten Nachtzuschläge abgeschafft – allerdings nur einseitig. Das heisst: Ostwind akzeptiert die ZVV-Nachtzuschläge, umgekehrt ist dies jedoch nicht so.

Man habe zu den Kunden kulant sein wollen, erklärt Ostwind-Sprecher Edgar Meier. Dies gilt offensichtlich nicht für den ZVV: Wer in der Nacht von Weinfelden oder Wil nach Zürich reist und in Winterthur umsteigt, muss zwei Nachtzuschläge bezahlen, einen für Ostwind und einen zweiten für den ZVV. Macht zusammen zehn Franken.

Wieso ist das so? Das Nachtangebot des ZVV müsse kostendeckend sein, so laute der politische Auftrag, erklärt ZVV-Sprecherin Beatrice Henes. Deshalb könne der Verbund nicht auf die doppelten Zuschläge verzichten. Welche Einnahmen dabei verloren gehen würden, ist nicht bekannt. Eine genaue Analyse wäre zu aufwendig, sagt die Sprecherin.

Man werde aber weiter nach einer Lösung suchen, kündigt sie an.

Allenfalls im Rahmen des Z-Passes, einem Angebot für Pendler, die über zwei Tarifverbunde nach Zürich reisen.

Kantone verhandeln

Das Problem mit dem föderalistischen Bahnverkehr ist der St. Galler Regierung bekannt. Derzeit fänden Gespräche zwischen den Kantonen statt, mit dem Ziel den Nachtzuschlag für verbundübergreifende Fahrten auszubauen, erklärt sie in der Antwort auf eine Interpellation von SP-Kantonsrätin Ursula Graf Frei (Diepoldsau).

Das Ziel sei ein einheitlicher Nachtzuschlag «über den gesamten Grossraum östlich der Reuss», schreibt die Regierung.

Es gäbe allerdings eine Alternative zum Tarif-Wirrwarr: die Abschaffung des Nachtzuschlags, wie das der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) ab Dezember plant. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die beteiligten Kantone einig werden.

Sicherheit kostet

Ursula Graf Frei hatte in ihrem Vorstoss ebenfalls eine Abschaffung gefordert: Der Betrag sei für kurze Fahrten zu hoch, Kunden verpassten den letzten Nachtzug, weil es an den Automaten lange Schlangen gebe, bei Events an kleinen Orten stehe keine Verkaufsinfrastruktur zur Verfügung, kritisierte sie. Die Regierung lehnt die Abschaffung ab. Nachtangebote seien wegen der notwendigen Sicherheitsbegleitung teuer.

Bei einem Verzicht müsste der Kanton St. Gallen Ausfälle von 410 000 und die Gemeinden von 220 000 Franken übernehmen. Es gebe zwar «Distributionsprobleme» bei Grossanlässen, räumt die Regierung ein. Sie verweist aber auf die Möglichkeit, den Ostwind-Nachtzuschlag mit dem Handy zu lösen. Den Service gibt es seit April. Die Antwort auf ein SMS mit dem Text OSTNZ an die Nummer 788 gilt als Nachtzuschlag, der Betrag von fünf Franken wird der Handyrechnung belastet.