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Verträgt sich Landwirtschaft mit Freihandel?

Replik auf den Leitartikel des Chefredaktors

Vergangenen Samstag hat der Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts», Stefan Schmid, ­einen Kommentar unter dem Titel «Johann, der schlaue Bauernschreck», zur Schweizer Landwirtschaft geschrieben. Der Grundtenor lautete wie üblich, dass sich die Schweizer Bauern dem Markt anpassen müssen und Zölle aufgehoben werden sollen. «Nichts führt an einer verstärkten Orientierung am Markt vorbei», denn «die Landwirtschaft darf nicht länger den Abschluss weiterer Freihandelsverträge verhindern». Letzteres ist auch der wahre Grund, weshalb Bundesrat Johann Schneider-Ammann stark darauf drängt, den Grenzschutz für die Landwirtschaft aufzu­heben. Er möchte in seiner Amtszeit so viele Freihandelsabkommen wie möglich abschliessen, und da sind die Bauern ein mühsamer Bremsklotz.

Sowohl Bundesrat Schneider -Ammann als auch Stefan Schmid verkennen aber völlig, was verstärkte Marktorientierung für die Bauern in der Schweiz tatsächlich heisst: ihren Beruf sofort an den Nagel hängen und sich nach einer neuen Tätigkeit umsehen! Das wird klar, wenn wir uns die Wertschöpfung pro Vollzeitbeschäftigten in der Landwirtschaft anschauen und mit anderen Branchen vergleichen. In der Landwirtschaft beträgt diese Wertschöpfung rund 30 000 Schweizer Franken. In Branchen wie der Pharmaindustrie oder bei Finanzdienstleistungen liegt diese Zahl bei mehr als dem Zehnfachen, also bei über 300 000 Schweizer Franken. Die Landwirtschaft hat von allen Branchen die weitaus geringste Wertschöpfung!

Rein ökonomisch gedacht sollten wir uns in der Schweiz deshalb auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen spezialisieren, wo wir eine hohe Wertschöpfung erzielen. Mit den Exporterlösen aus diesen Produkten importieren wir dann zu niedrigen Preisen Lebensmittel aus Ländern, welche diese billig produzieren können. Und der Rest der Exporterlöse steht uns dann für weiteren Konsum zur Verfügung. Genau das ist die ­ökonomische Argumentation zu Gunsten von Freihandel. Man spezialisiert sich auf die Produktion von Gütern, wo man einen komparativen Vorteil hat (zum Beispiel Pharmaprodukte) und verzichtet auf die Produktion von Gütern, wo man einen komparativen Nachteil hat (Agrar­produkte).

Der in Artikel 104 der Bundesverfassung formulierte Auftrag zur Erhaltung der Landwirtschaft war somit von Anfang an ein politischer Entscheid gegen den Markt. Bei Freihandel ist die schweizerische Landwirtschaft aufgrund der hohen Kosten in der Schweiz und der topografischen Lage nicht konkurrenzfähig. Da können die Schweizer Bauern sich noch so anstrengen, um immer produktiver zu werden. In dieser Hinsicht gleicht die Landwirtschaft der Textilindustrie. Selbst wenn die Schweizer Textilindustrie noch viel produktiver geworden wäre, könnte sie heute niemals mit den Anbietern aus Asien konkurrieren. Marktorientierung bedeutete in diesem Fall die weitgehende Aufgabe der Textilproduktion in der Schweiz und in der Landwirtschaft ist es genauso.

Nun haben wir aber gute ­Gründe, die Landwirtschaft in der Schweiz zu erhalten, welche im Landwirtschaftsartikel der Bundesverfassung stehen. Bauern garantieren die Versorgung mit wichtigen Nahrungsmitteln, deren Produktionsbedingungen wir über unsere Politik selbst bestimmen können. Und sie sorgen für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und die Pflege der Kulturlandschaft. Doch diese Aufgaben lassen sich nur mit einem gewissen Grenzschutz verwirk­lichen, sofern man die Direkt­zahlungen in Form von Versorgungssicherheitsbeiträgen nicht nochmals massiv erhöhen will. Andernfalls werden die wenigen verbleibenden Bauern schnell zu staatlich angestellten Landschaftsgärtnern und Wiesen­pflegern, die aber kaum noch Lebensmittel produzieren. Von Versorgungs­sicherheit kann unter solchen Umständen keine Rede mehr sein! Doch soweit muss es nicht kommen. Der ganze Zwang, den Grenzschutz für landwirtschaftliche Produkte aufzuheben, ist letztlich hausgemacht und wird der Schweiz im Moment von ­keinem Land aufgezwungen. Freihandelsabkommen brauchen nicht zwingend Bauernopfer: Stattdessen ginge es darum, ­Abkommen so zu verhandeln, dass auch weiterhin ein funktionierender Grenzschutz für Agrarprodukte möglich ist. Doch leider fehlt dem Bundesrat der politische Wille dazu.

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