Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Nicht vom Balkon gestossen: Trübbacherin widerruft vor Gericht Anschuldigungen gegen Ehemann

Ihr Ehemann habe sie zehn Jahre misshandelt und mit dem Tod bedroht, sagte eine Trübbacherin. Nachdem sie letztes Jahr von einem Balkon gefallen war, wurde er verhaftet. Vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland meint sie nun:
Es stimme alles nicht. Und sie liebe ihren Mann.
Sina Bühler
Das Gericht muss herausfinden, welche Version eine Lüge ist. (Bild: fotolia)

Das Gericht muss herausfinden, welche Version eine Lüge ist. (Bild: fotolia)

In der Anklageschrift ist die Rede von einem heute 28-jährigen Mann, der im Juli 2017 versucht habe, seine 30-jährige Ehefrau zu töten. Er würgte sie bis fast zur Bewusstlosigkeit, boxte sie in die Schläfe und warf sie vom Balkon der Trübbacher Wohnung. Es ist die Rede von zehn Ehejahren voller Todesdrohungen, Schläge, Kontrolle und ständiger Angst. Der Mann kam 48 Tage in Untersuchungshaft. Die Frau lag zwei Wochen im Spital, kam dann in eine psychiatrische Klinik.

Vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland sagt sie äusserst ruhig, ihr Mann sei nicht schuldig. Sie habe diese Sachen erzählt, weil sie wütend gewesen sei. An diesem Tag sei es nur um eine kleine Streiterei gegangen, aus der ein Kampf entstand. «Ein gegenseitiger Kampf», betont sie. Man habe sich geschubst. Nochmals sagt sie: «gegenseitig».

Vom Balkon sind es fast fünf Meter nach unten

Sie sei vom Bett gefallen, habe den Kopf angeschlagen. Um einen klaren Kopf zu bekommen, sei sie auf den Balkon gegangen: «Ich dachte, ich könnte hinunter klettern, um nicht an ihm vorbei zu müssen. Ich dachte, ich kann das.» Sie lebten im zweiten Stock, es sind fast fünf Meter nach unten. Die Gerichtspräsidentin fragt, warum sie erst jetzt mit dieser Version komme. Sie sei ein ehrlicher Mensch, antwortet die Frau.

Das Paar lebt seit März wieder zusammen: Im Kanton Luzern, wo die Frau nicht mehr erwerbstätig ist. Sie habe vorher zu viel gearbeitet, ihre Tochter und ihren Mann vernachlässigt. Ob sie heute mehr Freiheiten habe, fragt die Richterin? Jetzt lacht ihr Mann. «Ja», sagt die Frau, «ich könnte die Freiheit haben, aber ich will nicht.» Sie bleibe gerne bei der Familie.

Das Gericht will verstehen, warum sie ein Jahr brauchte, um die Geschichte anders zu erzählen. Warum ihre Wut so lange anhielt. Und warum sie überhaupt wütend gewesen sei, wenn sie selber vom Balkon geklettert sei. Jetzt ringt die Frau um eine Erklärung. Irgendwann sagt sie: «Wir hatten eigentlich nie Streit.» Die Richterin sagt zunehmend energisch:

«Ich will wissen, ob das, was in der Anklage steht, stimmt: die Todesdrohungen, das Würgen, die Schläge.»

«Nein», antwortet die Ehefrau. Der beschuldigte Ehemann bestätigt, was seine Frau vor Gericht erzählt: «Ich bin keiner, der Frauen schlägt.» Er sei ein guter Schüler gewesen, komme aus einer gebildeten Familie. Dass Streitigkeiten auch in Kämpfe ausarteten, komme eben auf das Temperament an, auf «die Emotionen, die wachsen».

Der Angeklagte bezeichnet sich als «Alphamann»

Er gibt zu, dass er seiner Frau oft sagte, was sie zu tun habe. Dass er ihr das Telefon weggenommen hat, weil sie den Koffer nicht ausgepackt habe, «weil sie nicht so getan hat wie andere Frauen». «Das ist doch ihre Ehefrau und kein kleines Kind!», sagt die Richterin. «Ja ich weiss jetzt», meint er. Die Gerichtspräsidentin schüttelt den Kopf, fragt nochmals: «Haben Sie Ihre Frau in Ihrer Ehe gewürgt?» Nein. «Geschlagen?» Nein. «Getreten?» Nein. Er habe sie weggeschubst. Sie habe nicht immer machen müssen, was er wollte. Aber rückblickend habe auch die Frau zugegeben, dass er immer recht gehabt habe. «Ich bin ein Alphamann.»

Der Staatsanwalt stellt den Antrag, den Ehemann zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Jahren und einer Busse von 2000 Franken zu verurteilen: «Die ersten Aussagen sind immer die glaubwürdigsten.» Der Polizistin, welche die Frau am Boden liegend vor dem Haus vorfand, habe sie gesagt, ihr Mann habe sie vom Balkon gestossen. Bei einer Einvernahme im Spital erklärte sie, ihr Mann sei während der ganzen Ehe aggressiv gewesen, habe sie gewürgt, geschlagen und getreten.

Aus Eifersucht ständig kontrolliert

Die Eltern der Frau, die direkt unter dem Paar lebten, bestätigen häufigen Streit, Aggression und Gewalt. «Offensichtlich besteht ein riesiges Abhängigkeitsverhältnis», sagt der Staatsanwalt. Der Ehemann habe die Frau aus Eifersucht ständig kontrolliert und immer mehr von ihrem Umfeld abgeschottet.

Der Anwalt der Frau erklärt ihre widersprüchlichen ersten Aussagen mit posttraumatischem Stress. Die Körperverletzungen und Tätlichkeiten hätten stattgefunden – nicht aber der Tötungsversuch, nicht die Drohungen. Der Verteidiger des Beschuldigten will einen vollständigen Freispruch. Er sagt, die Ehefrau verstricke sich in Widersprüche. Er meint damit die ersten Einvernahmen und nicht den noch viel offensichtlicheren Widerspruch: Dass eine der beiden Versionen eine Lüge sein muss. Die Frage ist nur: welche?

Das Gericht wird das Urteil schriftlich eröffnen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.