Verschmutzung
«Ein ernstzunehmendes Risiko»: St.Galler Bäche sind chronisch mit Chemikalien belastet – besondere Sorgen bereiten hochgiftige Insektizide

Das St.Galler Amt für Wasser und Energie hat drei Jahre lang 14 kleine Fliessgewässer in landwirtschaftlich und industriell genutzten Gebieten untersucht. In keinem Bach entspricht die Wasserqualität den gesetzlichen Anforderungen. Hauptproblem sind Pestizide und die Industriechemikalie PFOS. Neben den Bauern will der Kanton nun auch Hobbygärtner im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln sensibilisieren.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Die Wasserqualität im Steinacher Bergerbach ist schlecht.

Die Wasserqualität im Steinacher Bergerbach ist schlecht.

Bild: Tobias Garcia

Ein eisiger Wind pfeift über die schneebepuderte Wiese, durch die der Bergerbach in Richtung Steinacher Industriegebiet plätschert. Der kaum ein Meter breite Wasserlauf ist eines von 14 kleinen Fliessgewässern, die das St.Galler Amt für Wasser und Energie (AWE) von 2018 bis 2020 auf Mikroverunreinigungen untersucht hat. Das Resultat: Für acht Bäche beurteilt das Amt die Wasserqualität als schlecht. Für sechs als unbefriedigend. «Für die Lebewesen in diesen Gewässern bedeutet das ein ernstzunehmendes Risiko», sagt Amtsleiter Michael Eugster auf einem Medienrundgang. Gefährdet seien Pflanzen, wirbellose Organismen und Fische.

Pestizide und Industriechemie

Michael Eugster, Leiter des St.Galler Amtes für Wasser und Energie (AWE).

Michael Eugster, Leiter des St.Galler Amtes für Wasser und Energie (AWE).

Bild: Tobias Garcia

Das Problem sind zum einen Pflanzenschutzmittel. Für 27 Substanzen wurden Werte gemessen, welche die gesetzlichen Qualitätskriterien teils um ein Vielfaches übersteigen. 14 dieser Stoffe sind Unkrautvertilger, sieben Insektizide und zwei Mittel gegen Pilzbefall. «Von gewissen Insektiziden genügt ein Fingerhut, um die Insekten in einem ganzen Bachabschnitt auszulöschen», sagt Eugster. Zu diesen Stoffen gehören sogenannte Pyrethroide und Organophosphate.

Ein Gerät zur Entnahme von Wasserproben am Bergerbach.

Ein Gerät zur Entnahme von Wasserproben am Bergerbach.

Bild: Tobias Garcia
Jürg Wüthrich, Fachspezialist Gewässerqualität.

Jürg Wüthrich, Fachspezialist Gewässerqualität.

Bild: Tobias Garcia

Zum anderen wurde in 10 von 14 Bächen der Stoff PFOS (Perfluoroctansulfonsäure) in überhöhter Konzentration festgestellt. «Dieser Stoff baut sich enorm langsam ab», sagt Jürg Wüthrich, Fachspezialist Gewässerqualität beim AWE. Die Chemikalie könne etwa über eine Kläranlage in die Gewässer gelangen. Denkbar seien aber auch Brände, die bereits länger zurückliegen; PFOS wurde lange als chemischer Löschschaum verwendet. Seit 2011 ist der Einsatz der Chemikalie verboten; Ausnahmen gibt es nur für gewisse industrielle Anwendungen, etwa in der Galvanik. Ebenso wurden in zwei Bächen – dem Lattenbach bei Rapperswil-Jona und dem Nebengraben bei Benken – Arzneimittel in unerlaubter Konzentration gemessen.

Runde Tische mit Landwirten zeigen Wirkung

Der Einsatz von Pestiziden ist seit Jahren ein Politikum. 2017 hat der Bundesrat den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel vorgestellt, der vor allem auf Sensibilisierung setzt. Im Juni befindet die Schweizer Stimmbevölkerung über zwei Volksinitiativen, die synthetische Pestizide verbieten oder ihren Einsatz vom Verzicht auf Direktzahlungen abhängig machen wollen.

Daniela Bühler, Beraterin am Landwirtschaftlichen Zentrum LZSG.

Daniela Bühler, Beraterin am Landwirtschaftlichen Zentrum LZSG.

Bild: Tobias Garcia
Bruno Inauen, Leiter des St.Galler Landwirtschaftsamtes.

Bruno Inauen, Leiter des St.Galler Landwirtschaftsamtes.

Bild: Tobias Garcia

Im Kanton St.Gallen führt das AWE gemeinsam mit dem landwirtschaftlichen Zentrum St.Gallen (LZSG) seit 2019 eine Sensibilisierungskampagne durch. Dabei suchen die Beamten das Gespräch mit Bauern, die im Einzugsgebiet von betroffenen Bächen wirtschaften. Mit Erfolg, wie Daniela Büchel, Beraterin am LZSG, sagt. Im Einzugsgebiet des Rheintaler Ächeli habe man gemeinsam mit den Landwirten Felder abgelaufen, defekte Schächte ausfindig gemacht, Waschplätze von Pestizidspritzen geprüft, sagt Büchel. Die Pestizidkonzentration im Bach habe daraufhin deutlich abgenommen. Bruno Inauen, Leiter des kantonalen Landwirtschaftsamtes, stellt bei den Bauern in diesem Bereich ein «grosses Engagement» fest.

Allerdings wurde im Ächeli gerade bei den hochgiftigen Pyrethroide und Organophosphate im Jahr 2020 ein sehr hohes «chronisches Mischungsrisiko» festgestellt, wie es in der Untersuchung des AWE heisst. Der wiederholte Einsatz dieser Insektizide gehe aber nicht auf jene Bauern zurück, die am runden Tisch teilgenommen hätten, heisst es weiter. Wie genau solche Stoffe in die Bäche gelangten, sei oft schwer zu rekonstruieren, sagt AWE-Leiter Eugster. «Ein grosses Problem ist, dass bereits eine sehr geringe Menge eine verheerende Wirkung entfalten kann.»

Auch der Regionalsender TVO greift das Thema der verschmutzten St.Galler Bäche in einem Beitrag auf.

Video: TVO

Auch Hobbygärtner sensibilisieren

Der Kanton will nun nicht nur die Landwirtschaft sensibilisieren, sondern auch private Gärtner auf die Problematik aufmerksam machen. «Wir planen auch eine Informationskampagne für Hobbygärtner», sagt Eugster. Ob für besonders toxische Stoffe eine umsichtige Handhabung ausreiche, sei allerdings fraglich, folgert die AWE-Studie. «Alternativ kann die Zulassungsbehörde Einschränkungen festlegen oder Stoffe verbieten.» Für die Zulassung von Pestiziden ist das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) zuständig.

Drei Viertel der Fliessgewässerstrecken im Kanton St.Gallen sind kleine Bäche wie der Bergerbach in Steinach. Viele davon liegen in bewohnten und wirtschaftlich genutzten Gebieten. Für die 14 untersuchten Bäche geht das AWE davon aus, dass das Risiko für die Wasserlebewesen eher unterschätzt wird, da immer nur eine Auswahl von Chemikalien gemessen werden kann. Die Ergebnisse der St.Galler Messungen seien indes vergleichbar mit nationalen Studien zu Bächen im genutzten Gebiet.