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Interview

Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry: «Geschwindigkeit wird zu einer Art Sucht»

In der vergangenen Woche hat die Polizei in den Kantonen St.Gallen, Thurgau und Zürich 21 Raser verhaftet. Eine Verkehrspsychologin erklärt, wie Raser ticken.
Kaspar Enz
Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry. (Bild: PD)

Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry. (Bild: PD)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Als Verkehrspsychologin hat sie schon seit 30 Jahren mit Rasern zu tun. Als Gutachterin ist sie über die Landesgrenzen hinaus gefragt: So begutachtete Jacqueline Bächli-Biétry auch einen der «Ku’damm-Raser». Bei einem illegalen Rennen kollidierte er mit dem Wagen eines unbeteiligten 69-jährigen Lenkers und tötete ihn.

Jacqueline Bächli-Biétry, was treibt die Raser an?

Die Leidenschaft für Autos ist ein wichtiger Antrieb. Die Raser sehen es nicht nur als Mittel zum Zweck, sie definieren ihren Selbstwert darüber. Deswegen müsste man aber nicht unbedingt verbotene Dinge tun. Hinzu kommt die Suche nach Bestätigung, das Ausloten von Grenzen – zum Beispiel in illegalen Autorennen. Oft wird die Geschwindigkeit zu einer Art Sucht: Man muss immer weiter gehen für den Kick.

Reizt das Verbotene?

Die Gefahr, erwischt zu werden, ist ein entscheidender Teil dieses Reizes, dieses Thrills. Im vorliegenden Fall scheinen Handyvideos die Polizei zu manchen Tätern geführt zu haben. Auf diesen Videos kann man die Raser in der Regel recht gut erkennen – darum geht es ja. Man sucht die Bestätigung von Kollegen.

Wie wichtig sind soziale Medien für die Verbreitung dieser Raserszene?

Raserszenen gab es vermutlich schon immer, seit es Autos gibt. Aber der Zugang zu PS-starken Autos begünstigt das Phänomen, wie auch die sozialen Medien: Statt nur den Kollegen beim Bier zu erzählen, wie schnell man unterwegs war, kann man es per Video beweisen. Was wiederum den Druck, mitzuhalten, verstärkt.

Es besteht aber auch die Gefahr eines Unfalls.

Ja, natürlich, aber diese Gefahr wird meistens ausgeblendet. Die Raser überschätzen ihr Fahrkönnen, sie glauben, sie hätten ihr Auto im Griff – und wenn doch etwas passiert, suchen sie die Schuld oft bei den anderen.

Wer sind die Raser?

Es gibt zwar auch Fälle reicher Leute, die sich illegale Rennen liefern, aber die sind eher selten. Rasen ist eher ein Unterschichtenproblem. Es sind junge Männer mit wenig Perspektiven. Mit Autos und Rennen suchen sie die Bestätigung, die sie sonst nicht erhalten.

Sie waren Gutachterin in einem der spektakulärsten Raserprozesse Deutschlands: Ein Rennen durch die Berliner Innenstadt an 17 roten Ampeln vorbei endete mit einem Toten.

Es war ein extremer, aber auch typischer Fall. Der Haupttäter war Migrant, hatte kaum Perspektiven. Mit diesen Ampelrennen hatte er sich eine Nische gesucht, wo er sich beweisen konnte. Und er überschätzte sein fahrerisches Können massiv.

Ist er einsichtig?

Er bedauerte, dass es zum Todesfall kam. Aber er war primär bestürzt, dass es ihm nicht gelungen war, rechtzeitig auszuweichen.

Einen Zusammenhang zwischen seinem Rasertum und dem Unfall sah er nicht?

Ich habe ihn relativ kurz nach dem Unfall gesehen. Vielleicht brauchte er Zeit. Aber es ist auch nicht einfach, in den Spiegel zu schauen, und zu sagen: Ich bin schuld, wenn ich anders gehandelt hätte, wäre das Opfer noch am Leben. Nicht nur Raser wollen diese Schuld lieber abwälzen.

2013 wurde der Rasertatbestand ins Strassenverkehrsgesetz aufgenommen, die Strafen massiv verschärft. Doch die Fallzahlen sinken nicht. Nützen die Strafen nichts?

Dass die Fallzahlen nicht sinken, könnte auch damit zu tun haben, dass die Polizeien seither mehr Augenmerk auf Raser legen. Es wird vermutlich auch mehr und gezielter kontrolliert. Beispiel Motorradfahrer: Lange konnten Blitzer sie nicht richtig erfassen, weil sie nur hinten ein Nummernschild haben. In den ersten 20 Jahren meiner Tätigkeit hatte ich kaum mit Motorradfahrern zu tun. Seit die Geräte von vorne und hinten fotografieren, hat sich das verändert.

Gibt es Mittel, um Raserszenen einzudämmen?

Am ehesten müsste man den Zugang zu PS-starken Fahrzeugen einschränken. Mit Leasing-Verträgen sind solche Autos für junge potenzielle Raser recht leicht zu bekommen. Oft werden die Wagen auch auf andere Personen wie die Mutter eingelöst, um damit die hohen Versicherungsprämien zu umgehen. Wenn es Autos gibt, die über 300 Kilometer pro Stunde fahren können, ist es kein Wunder, dass das auch ausprobiert wird. Dabei können sie in den Händen von Rasern zu Waffen werden.

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