E-Mobilität
Am Strassenrand parkieren und das E-Auto laden: Stadtrat St.Gallen lanciert Pilotversuch

Der St.Galler Stadtrat startet einen Pilotversuch mit Ladestationen für E-Autos in der Blauen Zone. An drei Strassen sollen je zwei Stationen installiert werden. Ende Juni geht es los, doch die Standortsuche ist noch nicht ganz abgeschlossen.

Marlen Hämmerli
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Die Fidesstrasse ist eine der sieben Quartierstrassen, die für E-Ladestationen in Frage kommen.

Die Fidesstrasse ist eine der sieben Quartierstrassen, die für E-Ladestationen in Frage kommen.

Bild: Michel Canonica (20. Januar 2022)

Kein E-Auto ohne Zugang zu einer Steckdose. So simpel, so kompliziert. Denn nicht alle potenziellen Käuferinnen und Käufer von Elektroautos oder Plug-in-Hybrid-Autos besitzen eine eigene Garage oder einen Einstellplatz. Stattdessen parkieren sie ihr Auto am Strassenrand – in der Laternengarage. Und entscheiden sich gegen den Kauf eines E-Autos, da man sich ein solches nicht eben unter den Arm klemmen kann, um es in der Stube anzuschliessen. Für diese Gruppe soll es nun eine Lösung geben.

Die Stadt St.Gallen plant ein Pilotprojekt mit Ladestationen in der Erweiterten Blauen Zone (EBZ). An drei Standorten sollen je zwei Ladepunkte eingerichtet werden, gespiesen mit Ökostrom und mit einer Leistung von elf Kilowatt. Am Donnerstag informierten Stadträtin Sonja Lüthi, Vorsteherin Direktion Soziales und Sicherheit, sowie Stadtrat Peter Jans, Vorsteher der Technischen Betriebe, über die Pläne.

Anwohnerinnen und Anwohner werden befragt

Die Standortsuche ist noch nicht abgeschlossen, denn in einem letzten Schritt wird die Bevölkerung über das Interesse an solchen Ladestationen befragt. In der engeren Auswahl befinden sich sieben Strassen. Im Westen sind das die Boppartstrasse, Zeppelinstrasse und Letzistrasse, wobei es sich hier um weisse Parkplätze handelt. Im Osten sind es Fidesstrasse, Grütlistrasse, Iltisstrasse und Kolumbanstrasse.

Keine der ausgewählten Strassen befindet sich in der Innenstadt oder zumindest in der Nähe des Zentrums. Sonja Lüthi begründet das damit, dass es in der Innenstadt wenige Parkplätze in der EBZ hat. Ausserdem gebe es hier einige öffentliche Ladepunkte. Auch auf den Hügeln, in den Quartieren St.Georgen, Riethüsli, Rotmonten und Schoren, sind keine Strassen für den Pilotversuch vorgesehen. Eine Strasse im Riethüsli sei kürzlich ausgeschieden, sagt Lüthi. In diesen Quartieren seien die Eigentumsverhältnisse aber auch eher so, dass die Bewohnerinnen und Bewohner eigene Garagen besässen.

Auf der Liste standen anfangs 38 mögliche Standorte. Nach einer ersten Prüfung waren es noch zwölf. Es folgte eine Begehung, die in den verbleibenden sieben Standorten resultierte. Die elektrische Erschliessung muss mit «einem sinnvollen Aufwand» möglich sein, wie Sonja Lüthi sagte. Die Ladesäulen können nicht auf Trottoirs aufgestellt werden. «Ein Kabel über das Trottoir wäre nicht praktikabel», sagte Lüthi. «Auch auf der Parkfläche können wir sie nicht platzieren. Es besteht die Gefahr, dass jemand in die Säule fährt.» Daher wurden Parkplätze ausgewählt, die an Böschungen, Rabatten oder Mauern markiert sind.

Parkplätze in der Erweiterten Blauen Zone an der Boppartstrasse in Bruggen. Sie ist einer der sieben in Frage kommenden Standorte.

Parkplätze in der Erweiterten Blauen Zone an der Boppartstrasse in Bruggen. Sie ist einer der sieben in Frage kommenden Standorte.

Bild: Marlen Hämmerli (20. Januar 2022)

In der letzten Runde werden nun Anwohnerinnen und Anwohner der sieben Strassen befragt. Am Freitag landet in 2000 Briefkästen ein Schreiben der Stadt. Darin informiert sie über das Projekt und bittet darum, an einer Umfrage teilzunehmen. So wird erhoben, wie viele Anwohnende bereits ein «Stecker-Fahrzeug» besitzen, also ein reines Elektroauto oder ein Plug-in-Hybrid-Auto, und wie viele sich überlegen, in den nächsten Monaten eines zu kaufen.

Die Umfrage läuft bis 6. Februar und über sie wird festgelegt, wo die Nachfrage nach Ladepunkten am höchsten sein dürfte. Wo sich also die drei geeignetsten Standorte für das Pilotprojekt befinden.

Pilotversuch kostet rund 180’000 Franken

Für den Testlauf nimmt der Stadtrat einen Kredit über 180’000 Franken in die Hand. Mit dem Pilotversuch möchte er erste Erfahrungen sammeln. «Sodass wir je nach Bedarf und im richtigen Rhythmus ausbauen können», wie Peter Jans sagte. Verschiedene Modelle von Ladesäulen sollen getestet werden, aber auch Preismodelle oder die Ausgestaltung der erlaubten Parkierungszeit. «Das Ziel ist nicht, dass man auf diesen Parkplätzen dauerparkiert», sagte Sonja Lüthi. Mehrere E-Auto-Besitzerinnen und -Besitzer sollen den Parkplatz zum Laden nutzen können. Aber: «Es kann aber auch nicht sein, dass man nachts um halb eins aufstehen muss, um umzuparkieren.» Genau solche Fragen müssten geklärt werden.

Stadträtin Sonja Lüthi.

Stadträtin Sonja Lüthi.

Bild: Benjamin Manser

In Basel gab es einen Versuch, in Bern läuft einer

In Bern und Basel sind ähnliche Versuche angelaufen oder schon abgeschlossen. In Bern werden Ladestationen in Kandelabern getestet, die Resultate sollen diesen Frühling vorliegen. In Basel wurden ab 2018 gestaffelt zehn Ladesäulen in der Blauen Zone montiert. Vergangenen Sommer legte die zuständige Arbeitsgruppe den Abschlussbericht vor (Link zum PDF).

Die Auswertung des dreijährigen Pilotbetriebs hat gezeigt, dass der Strombezug und die Anzahl Ladevorgänge stetig zunahmen. Doch war die Auslastung der Stationen vergleichsweise gering. Daher und aufgrund des günstigen Strompreises war kein kostendeckender Betrieb möglich. Zu den hohen Kosten trugen aber auch die häufigen Störungen bei, wie es im Bericht heisst.

Eine Umfrage ergab, dass ein Drittel der Befragten zufrieden war mit dem Angebot, ein weiterer Drittel war unzufrieden. Als Grund bzw. Verbesserungsvorschlag gaben sie die Dichte des Ladenetzes an, die Ladekosten, die Höhe der Ladeleistung oder die Länge der erlaubten Parkzeit.

Da von einer Erhöhung der Nachfrage ausgegangen werden kann, sollen in Basel 200 öffentliche Ladestationen installiert werden. (mha)

Immer mehr Stecker-Autos werden zugelassen

Und warum die ganze Übung? Peter Jans verweist dazu gleich zu Beginn der Pressekonferenz auf eine Reihe von Statistiken. 2021 betrug der Anteil der Stecker-Fahrzeuge an den Neuzulassungen in der Schweiz rund 22 Prozent, im Kanton waren es 24 Prozent. Jans: «In der Stadt St.Gallen gab es hier vor elf Jahren ein E-Auto, heute sind es 1167 Stecker-Fahrzeuge.»

Stadtrat Peter Jans.

Stadtrat Peter Jans.

Bild: Benjamin Manser

In einem Szenario hat Swiss E-Mobility berechnet, dass der Anteil der Stecker-Autos an den Neuzulassungen bis 2035 auf zwischen 90 und 99 Prozent steigt. Das würde bedeuten: In 13 Jahren fahren knapp 50 bis 60 Prozent aller Autos auf den Schweizer Strassen mit Elektromotor. Das Energiekonzept der Stadt geht für 2050 von einem Verkehr ohne Verbrennungsmotoren aus.

«Das ist eine Energiesparmassnahme par excellence», sagt Jans. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass ein Elektromotor effizienter sei als ein Benzinmotor. Elektrisch angetriebene Autos verursachten einen kleineren CO2-Fussabdruck, stossen weniger schädliche Stoffe aus und verursachen bei tiefen Geschwindigkeiten weniger Lärm.

Start ist Ende Juni

Nun geht es aber erst mal um den nächsten Schritt. Im Februar möchte der Stadtrat die drei Standorte festlegen. Danach werden die nötigen Verkehrsanordnungen publiziert. Die Bauarbeiten und Tests sollen zwischen April und Juni erfolgen. Ab Ende Juni können dann erste Stecker-Autos in der Blauen Zone geladen werden.